"Chirurg mit scharfem Messer"

Interim-Manager in der IT

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Ein Chirurg mit scharfem Messer und viel Fingerspitzengefühl - so sieht sich Michael Lang. Seit 16 Jahren arbeitet er als Interim Manager in der IT. Als solcher kann er mit dem CIO Klartext reden, sagt er.

Der Mann fürs Grobe ist er nicht, betont Michael Lang. Seit 16 Jahren setzt Lang IT-Projekte um - als Interim Manager. Diese werden üblicherweise in die Unternehmen geholt, um Vakanzen zu überbrücken, um zu sanieren oder zu restrukturieren, wie es die Personalberatung Michael Page Interim ausdrückt. Dass er gerufen wird, wenn ein Projekt "in Schieflage" geraten ist, bestätigt Lang. Er sieht sich dann aber nicht als jemanden, der "aufräumt". Er sieht sich als "einen Chirurg mit scharfem Messer, aber auch mit viel Fingerspitzengefühl".

Das heißt mit anderen Worten: "Als Interim Manager kann ich den CIO oder CFO (Chief Financial Officer) zur Seite nehmen und ihm klar sagen, dass die Dinge so oder so laufen müssen", berichtet Lang. "Diese Freiheit kann sich ein festangestellter Manager nicht so leicht nehmen."

Eben diese Freiheit ist es, die Lang an seinem Status schätzt. "Ich bin in Strukturen eingebunden - stecke aber nicht im Korsett", sagt er. Er sei gerne bereit, sich sehr für ein Projekt zu engagieren und arbeite dann nicht nach den vertraglich geregelten Arbeitszeiten eines Festangestellten. Als Ausgleich will er aber selbst über seine Zeit bestimmen und zwischen zwei Projekten auch mal drei Monate Freizeit nehmen.

"Für das Kommunikative muss man der Typ sein"

Lang heuert üblicherweise für ein bis zwei Jahre an und arbeitet an Projekten im sieben- bis achtstelligen Bereich. Er muss sich schnell auf die Tätigkeit einstellen, auf das Fachliche ebenso wie das Zwischenmenschliche. Wobei er Letzteres eher als Frage der Begabung sieht. "In fachlichen Fragen wie SEPA kann man sich en Detail einarbeiten", überlegt er, "für das Kommunikative muss man der Typ sein." Und fügt an: "Introvertiert bin ich bestimmt nicht!"

Kommunikation ist auch das Stichwort vom Personaldienstleister und Vermittler der Chefs auf Zeit. "Das Unternehmen, das den Interim Manager beauftragt, muss auf allen Ebenen klar kommunizieren, dass der Manager auf Zeit kommt und welche Aufgaben er übernimmt", sagt Stefan Zweck, Executive Director bei Michael Page Interim. Schwierig werde es, wenn verschiedene Entscheider unterschiedliche Vorstellungen von der Arbeit des Interim Managers haben.

Schutz des geistigen Eigentums muss geregelt werden

Das gilt auch für Pain Points wie den Schutz sensibler Daten oder des geistigen Eigentums. Solche Fragen müssen vertragsrechtlich geregelt werden, sagt Ingmar Stoner, Manager bei Michael Page Interim. Er fügt an, Vertrauen gehöre zur Geschäftsgrundlage.

Allerdings sollte ein Interim Manager nicht darauf setzen, übernommen zu werden. In der Studie "Zeitarbeit und Interimsmanagement weltweit" hat Michael Page Interim erhoben, dass 52 Prozent der Manager auf Zeit durch einen Einsatz ihre Chancen auf eine Festanstellung steigern wollen. Umgekehrt betrachten aber nur 37 Prozent der deutschen Unternehmen die Interim Manager als Übernahmekandidaten für einen festen Job.

Glaubt man Lang, zählt er nicht zu den genannten 52 Prozent. Die Frage, ob er nicht bleiben wolle, hört er nach eigenen Worten oft. Für ihn "das schönste Kompliment" - er will aber trotzdem nicht. Dem Interim Manager ist Abwechslung wichtig. Mit hörbarem Stolz erzählt er, dass er schon auf vier verschiedenen Kontinenten gearbeitet hat. Lang kennt auch das Staunen in den Gesichtern junger High Potentials, wenn er aus seinem Berufsleben erzählt. Er stellt aber klar: "Wenn ein High Potential den Arbeitgeber verlässt, dann nicht, weil ihm ein Interim Manager diesen Floh ins Ohr gesetzt hat. Sondern, weil das Unternehmen keine Struktur schafft, die junge Manager bindet."

Zwei Scheidungen als Preis der Freiheit

Andererseits weiß Lang das Staunen allzu draufgängerischer Nachwuchskräfte durchaus zu bremsen. "Ich bin zum dritten Mal verheiratet", sagt er offen. Und ist sicher: "Diesmal bleibt das so!" Die zwei Scheidungen sieht er als Preis seiner Freiheit. Dann und wann verspürt er auch Sehnsucht, im eigenen Bett aufzuwachen. "Man muss der Typ für Interim Management sein", so Langs Fazit.

Spaß an der Herausforderung, Kommunikationsstärke, Expertise aus verschiedenen Branchen - nach Darstellung von Ingmar Stoner wissen Unternehmen die Vorteile von Interim Managern zu schätzen. Zu rund 95 Prozent seien die Manager auf Zeit ausgelastet, sagt Stoner, insbesondere in der IT. Lang beziffert Durststrecken auf maximal drei Wochen.

Interims-Manager Michael Lang ist stolz darauf, Unternehmen in Schieflage wieder auf die Spur zu bringen.
Interims-Manager Michael Lang ist stolz darauf, Unternehmen in Schieflage wieder auf die Spur zu bringen.
Foto: Privat

Allerdings: Im internationalen Vergleich sind deutsche Unternehmen Nachzügler in puncto Interim Management. Lang winkt ab. "Der angelsächsische Raum ist viel weiter", sagt er. Innerhalb Deutschlands wiederum zeigt sich aber die IT noch am ehesten als Vorreiter.

Über das Ziel seiner Arbeit sagt Lang: "Ich will mich selbst überflüssig machen." Es erfüllt ihn mit Stolz, ein unternehmenskritisches Vorhaben wieder auf Spur zu bringen. Kürzlich habe er ein Viereinhalb-Millionen-Projekt erfolgreich abgeschlossen, das Team bestand aus 70 Mitarbeitern. "Durch meine langjährige Erfahrung kann ich einschätzen, wer von den 70 Leuten was am besten kann", berichtet er. "Wichtig ist immer, Fehler klar zu benennen, aber niemals einen 'Schuldigen' vorzuführen." Scharfes Messer und Fingerspitzengefühl eben.