Entwicklung von Smartphone-SoCs eingestellt

Intels Rückzug aus dem Geschäft mit Smartphone-Prozessoren

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Intel gibt den Versuch mit Prozessoren für Smartphones und preisgünstige Tablets auf. Der Chipgigant zieht bei seiner Atom-Smartphone-Reihe den Stecker. Die Konzentration gilt nun dem 5G-Zukunftsmarkt.

Einen ersten Hinweis zu Intels Ausstieg aus dem Geschäft mit SmartphoneSystem-on-Chips (SOCs) hatte der Analyst Patrick Moorhead in einem "Forbes"-Beitrag zur neuen Strategie des Chipherstellers geliefert. Wenig später bestätigte Intel dann offiziell, dass die laufende Entwicklung an zwei Projekten für Smartphone-SoCs, konkreter die fast fertige Broxton-Plattform sowie neue Versionen der Atom-3-Reihe (Codename SoFIA 3GX, SoFIA LTE und SoFIA LTE 2), eingestellt wird.

Broxton war die geplante nächste Generation der Intel-SoCs für Mobilgeräte und sollte mit den im 14-Nanometer-Verfahren gefertigten Atom-Rechenkernen (Goldmont) bestückt sein, die auch auf der Apollo-Lake-Plattform für Netbooks und Einsteiger-PCs zum Einsatz kommen. SoFIA-SoCs mit integriertem Modem (3G, LTE) waren für Einsteiger-Smartphones und -Tablets vorgesehen. Die beiden Plattformen sollten die komplette Bandbreite von günstigen Einsteiger- bis hin zu Highend-Smartphones abdecken, wobei von dem Aus für die Broxton-Plattform ausdrücklich auch Tablets betroffen sind. Die ursprünglich für Broxton- und SoFIA-Chips bereitgestellten Ressourcen würden zu "Produkten verlagert, die höhere Erträge liefern und unsere Strategie vorantreiben", erklärte eine Sprecherin von Intel in einer E-Mail.

Intel spart und baut Personal ab

Die Maßnahmen sind Teil einer vor knapp zwei Wochen von Intel-Chef Brian Krzanich angekündigten Strategieänderung, der 12.000 Stellen oder elf Prozent der Belegschaft zum Opfer fallen sollen. Ziel ist es, sich aus der Abhängigkeit vom schrumpfenden PC-Geschäft zu lösen und stärker auf Chips für Rechenzentren und Cloud Computing sowie die Vernetzung von Alltagstechnik und Maschinen im Internet of Things (IoT) zu setzen.

Das Zenfone-Smartphone von Asus zählt zu den wenigen Geräten mit Atom-Prozessor – in diesem Fall dem Quad-Core-SoC Z3580.
Das Zenfone-Smartphone von Asus zählt zu den wenigen Geräten mit Atom-Prozessor – in diesem Fall dem Quad-Core-SoC Z3580.
Foto: ASUSTeK Computer Inc.

Für Marktbeobachter kommt der Schritt alles andere als überraschend, hatte doch Intel nicht zuletzt wegen seines späten Einstiegs in den Mobile-Markt und der dort immer größeren Dominanz von ARM für seine mobilen Atom-SoCs über Jahre hinweg kaum Abnehmer gefunden. Rühmliche Ausnahmen sind Samsung mit seinem Galaxy Tab 3, das den Intel-Dual-Core-Prozessor Atom Z2560 (Clover Trail+) nutzt, sowie Asus mit dem Zenfone 2, das den 64-Bit-Quad-Core-Prozessor Z3580 (Moorefield) aufbietet.

Mit dem Ausstieg von Intel stellt sich die Frage, ob damit auch Microsofts Traum von einem Windows-Smartphone mit x86-Prozessor - die Rede ist oft vom ominösen Surface Phone - ausgeträumt ist. Erst kürzlich hatte Terry Myerson, Chef der Windows- und Devices-Gruppe bei Microsoft, in einem internen Memo ein Bekenntnis zu "Windows 10 auf mobilen Geräten mit kleinen Bildschirmen und ARM-Prozessoren" abgelegt.

Sollte Microsoft dennoch Ambitionen haben, ein Smartphone auf den Markt zu bringen, das neben Windows-10-Apps auch klassische Windows-Programme ausführt, bleiben dem Softwareriesen einige, wenn auch nicht allzu attraktive, Optionen. So könnte das Unternehmen möglicherweise auf Chipsets der Apollo-Lake-Plattform zurückgreifen. Diese sind zwar nicht für Smartphones, sondern für Einsteiger-PCs gedacht, sind aber wie die bestehenden Atom-Chips ("Cherry Trail") im 14-Nanometer-Verfahren gefertigt. Möglicherweise könnte man auch den im Surface 3 genutzten Atom x7 Z8700, dessen Leistungsbedarf mit nur zwei Watt angegeben ist, in ein Smartphone mit Windows 10 Mobile zwängen.

Fokus auf 5G-Netztechnik

Intel will die Streichung der SoFIA-Modelle keineswegs als Rückzug aus dem MobileComputing-Markt verstanden wissen. CEO Krzanich äußerte, der Konzern werde Produkte entwickeln, die Intel bei 5G-Technologien weit nach vorne brächten. Intel-Sprecherin Kathryn Gill sagte dem "Wall Street Journal", die "Connectivity-Strategie" des Konzerns sehe steigende Investitionen in vernetzte und drahtlose Kommunikation vor, um Dinge, Geräte und Menschen mit der Cloud zu verbinden und die Kommunikationsinfrastruktur hinter einer solchen vernetzten Welt bereitzustellen.

Patrick Moorhead hatte ebenfalls geschrieben, dass Mobility weiter ein Schlüssel für Intels Erfolg sein werde, zumal der PC-Markt seit Jahren schwächelt. Der Konzern sei vernünftigerweise dabei, die Aufgaben neu zu priorisieren und das Team so aufzustellen, dass sich Intel in Zukunftsmärkten besser behaupten könne. "Solche Reorganisationen sind quälend, ich habe das schon öfter gesehen", so Moorhead. "Das ist wie Hustensaft. Er schmeckt schrecklich, aber er muss genommen werden, da führt kein Weg dran vorbei."

Einige der SoFIA-Produkte hatte Intel gemeinsam mit den chinesischen Halbleiterherstellern Fuzhou Rockchip Electronics Co. und Spreadtrum Communications Inc. entwickelt. Gill sagte, beide Unternehmen blieben wertvolle Partner für Intel. Doch die Strategie des Prozessorbauers verlange beides: die Entwicklung eigener Lösungen wie auch die mit Schlüsselpartnern.