McAfee-Kauf

Intel steigt in neue Märkte ein

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Völlig überraschend hat der Chipgigant Intel angekündigt, für 7,68 Milliarden Dollar den Sicherheitsspezialisten McAfee zu kaufen. Damit verlässt Intel erstmals sein angestammtes Hardwareterrain.

Es ist die größte Übernahme in der 42-jährigen Unternehmensgeschichte - und zudem ein Schritt, der die gesamte Wallstreet in Aufregung versetzt hat: Intel greift tief in die Firmenkasse und legt 60 Prozent mehr auf den Tisch, als McAfee zum Zeitpunkt der Ankündigung an der Börse wert war. Wieder einmal versucht einer der ganz großen IT-Player, über sein angestammtes Terrain hinaus neue Märkte zu adressieren und Chancen in einem lukrativen, schnell wachsenden Marktsegment zu ergreifen.

Aufgeschreckt sind nicht nur die Anleger, sondern auch die Wettbewerber. Was bedeutet es für den Markt, wenn der Quasimonopolist im Prozessorgeschäft nun auch Sicherheitssoftware anbietet? Dass Intel durchaus rigide vorgeht, wenn es darum geht, eigene Marktanteile zu sichern, hatte sich in dem vor zwei Wochen beendeten Kartellprozess gezeigt, in dem Intel vorgeworfen worden war, PC-Hersteller unter Druck zu setzen, damit sie ausschließlich die Chips des Marktführers einsetzten. (siehe auch: Intel einigt sich im Kartellstreit mit Wettbewerbsbehörde)

Schwieriger Spagat für Intel

Entsprechend schwierig stellte sich nun die Kommunikation für Intel dar: Auf der einen Seite galt es, die Wettbewerbshüter zu beruhigen und deutlich zu machen, dass es zu keinen Koppelmaßnahmen von Chiptechnik und Sicherheitssoftware kommen werde, die Konkurrenten wie Symantec in Schwierigkeiten bringen könnten. Auf der anderen Seite wollen Investoren und Pressevertreter eine logische Story hören, warum der Chipgigant und das Sicherheitssoftware-Unternehmen zueinander passen.

Intel lieferte dann auch eine solche Erklärung: Es gehe um mehr, als nur McAfee-Software zu verkaufen. Man sehe Synergien zwischen dem Chip- und dem Security-Business. Die wachsenden Sicherheitsrisiken in der IT erforderten bessere Chip- und Hardwarearchitekturen, mit denen sich IT-Systeme effektiver schützen ließen als mit den herkömmlichen Softwareprodukten allein.

Dann ruderte der Konzern aber wieder zurück: Man plane nicht, Antivirensoftware oder andere McAfee-Produkte direkt in die Chips zu implementieren. Vielmehr wolle man auf das Know-how der McAfee-Entwickler zurück greifen, um die Prozessoren grundsätzlich mit neuen Features auszustatten, die für mehr Sicherheit sorgen könnten. Intel betonte, dass davon alle Anbieter von Sicherheitssoftware profitieren würden.

Computersysteme von Unternehmen und Behörden würden täglich tausendfach attackiert. Mit Antivirensoftware, wie sie McAfee oder Symantec liefern, sei diesem Problem allein nicht beizukommen, hieß es bei Intel. Hinzu komme, dass immer mehr Endgeräte einen Internet-Zugang hätten - vom Smartphone über die Spielekonsole und das Internet-fähige TV-Gerät bis hin zur Maschine in einer Produktionsstraße. Hier seien auf Dauer Hardware-Software-Lösungen aus einem Guss gefragt.

Sicherheit ist auch ein Hardwarethema

Sowohl Repräsentanten von Intel als auch von McAfee sagten, der konventionelle Ansatz, immer wieder neue Softwareupdates einzuspielen, um aufkommende Bedrohungen abzuwehren, nähere sich seinem Ende. "Wir glauben, Sicherheit wird am effektivsten erreicht, wenn sie schon in der Hardware angelegt ist", sagte Intel-Boss Paul Otellini in einer Telefonkonferenz mit Journalisten.

Die Übernahme ist ein weiteres Zeichen dafür, dass die Konsolidierung im IT-Markt mit hohem Tempo weitergeht. Technologiegiganten mit prall gefüllten Kassen analysieren den Markt und kaufen sich in attraktive Segmente mit hoher Wachstumsrate ein. So hatte Oracle Sun Microsystems gekauft und den Einstieg ins Hardware-Business gewagt. Hewlett-Packard nahm Geld in die Hand und erwarb Palm, um als weltgrößter PC-Lieferant ein großes Stück vom Smartphone-Kuchen abzubekommen.

Intel, dessen Firmensitz im kalifornischen Santa Clara unweit vom McAfee-Headquarter liegt, liefert mehr als 80 Prozent aller Prozessoren, die heute in PCs und Servern verbaut werden. Dieses Geschäft brummt zwar noch immer, aber wenn das Unternehmen schneller als der Markt wachsen und seinen hohen Börsenwert rechtfertigen will, muss es diversifizieren und in überdurchschnittlich lukrativen Segmenten Fuß fassen.

McAfee war 1987 gegründet und mit Antivirensoftware groß geworden. Häufige Wechsel im Topmanagement und Bilanzierungsprobleme hatten das Unternehmen immer wieder in die Schlagzeilen gebracht. Erst mit dem CEO David DeWalt, der seit 2007 am Ruder ist, war wieder Ruhe eingekehrt. Unter seiner Regie hatte McAfee einige Zukäufe getätigt, in erster Linie von Sicherheitsspezialisten mit einem Fokus auf das Mobile-Business.

McAfee - die Nummer zwei nach Symantec

Mit einem Marktanteil von knapp 22 Prozent und einem Jahresumsatz von etwa zwei Milliarden Dollar ist McAfee der zweitgrößte Anbieter von Antivirensoftware weltweit. Die Nummer eins ist mit deutlichem Vorsprung Symantec, der Marktanteil liegt laut Infonetcis Research bei 41,7 Prozent.

Mit Akquisitionen hatte Intel bisher nicht immer Glück. Während der Internet-Blase kaufte der Prozessorkonzern für mehr als 10 Milliarden Dollar Unternehmen auf, um seine Geschäftsfelder auszuweiten. Die Erfolge waren alles in allem bescheiden. Das Unternehmen erkannte in dieser Zeit, dass Software-Übernahmen nötig sein würden, um das Kerngeschäft mit Prozessoren weiter aufzuwerten.

Im vergangenen Jahr zahlten die Kalifornier 884 Millionen Dollar für Wind River Systems, ein Unternehmen, das Software für Embedded Systems in Handys, Autos, Flugzeugen und anderen Produkten entwickelt. Bis heute ist Wind River ein separat geführtes unternehmen im Intel-Konzern, das sein eigenes Management hat. Ein Grund dafür ist, dass Wind-River-Software auch auf anderen Plattformen als auf Intel-Systemen läuft. Würde Intel das Unternehmen tiefer integrieren, wären Beschwerden zahlreicher Kunden die logische Folge.

Auch McAfee soll separat geführt werden, sagte Renee James, ein Senior Vice President von Intel, vor der Presse. Otellini betonte darüber hinaus, das McAfee-Management solle seine derzeitigen Jobs noch über viele Jahre halten. Diese Aussagen sind ein weiterer Wink an die Kartellbehörden, dass sich bezüglich des Wettbewerbs im Sicherheitsmarkt nicht viel ändern und Intel zu keinen Tricks greifen werde, die angesichts des Chipmonopols zweifellos möglich wären.

Das war ja auch bisher nicht passiert, obwohl Intel und McAfee bereits seit anderthalb Jahren partnerschaftlich zusammenarbeiten. Beispielsweise entwickelten die Unternehmen gemeinsam Features für Intel-Chips, die Daten auf einem Laptop schützen, wenn dieser gestohlen wird. In dieser Kooperation sei man sich näher gekommen und habe weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit gesehen, hieß es.