Andreas Dietrich | Schweizerische Bundesbahnen (SBB)

Innovationen auf der EAM-Schiene

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Durch Standardisierung zur Innovation so könnte man die Strategie von Andreas Dietrich charakterisieren. Auf der Basis einer Enterprise-Architektur setzt der CIO der SBB neue Projekte um.

Die Berner gelten sogar in der Schweiz als ausgesprochen gemütlich. Doch obwohl der Schreibtisch von Andreas Dietrich nur wenige Fahrminuten vom Sitz der eidgenössischen Bundesregierung entfernt steht, ist der CIO der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) alles andere als langweilig. Zielstrebig hat er in den vergangenen Jahren seine Vorstellungen von einer modernen Informationstechnik durchgesetzt: "Im Handstreich", so seine Diktion, wurden die vormals dezentral organisierten IT-Supply-Bereiche in einem Shared-Service-Center zusammengefasst. Die Einführung einer durchgängigen Enterprise-Architektur ist beinahe abgeschlossen. Und last, but not least hat der IT-Bereich der SBB einige innovative Projekte in Angriff genommen.

Kurzporträt | Andreas Dietrich

Geburtsjahr

1963.

Position

CIO.

Stationen

Thomas Cook (2002 2005), LTU (2000 2001).

Ausbildung

Betriebsökonom, Wirtschaftsinformatiker.

Ein CIO muss ...

sein Handwerk beherrschen und auf Augenhöhe mit seinen Kunden und Vorstandskollegen durch gezielten IT-Einsatz Mehrwert schaffen.

Er liest ...

"The Daily Drucker".

Er wollte mal ...

Pilot werden.

Unternehmen

Branche

Transport.

Mitarbeiter

27 000.

IT des Unternehmens

Mitarbeiter

600.

IT-Budget

300 Mio. Euro.

Organisation

Shared-Service-Center.

Projekte

Enterprise-Architektur-Management, Multi-Channel-Services, Neues Wagen-Management Cargo.

Ziele

Weiterentwicklung der IT-Organisation zum Gestalter und Business-Enabler.

Shared-Service-Center im Handstreich

Schon bei Thomas Cook, wo er bis 2005 beschäftigt war, wollte der begabte Freizeit-Golfer ein Shared-Service-Center einrichten. Der Versuch scheiterte jedoch am Widerstand der Landesorganisationen. Auch bei der SBB gab es autonome IT-Bereiche in den Einzeldomänen Personenverkehr, Cargo, Infrastruktur und Immobilien. Doch hier war der "Veränderungsdruck" größer als bei Thomas Cook, sagt Dietrich.

Als Dietrich vor zwei Jahren seine jüngste Aufgabe übernahm, befanden sich die Schweizerischen Bundesbahnen vorübergehend in einem finanziellen Tief. Der neue CIO konnte zum einen glaubhaft machen, dass sich durch eine Konzentration der IT-Supply-Organisation erhebliche Kosten einsparen ließen. In die Hände spielte ihm zum anderen der Energieausfall, der im Sommer 2005 das Schweizer Bahnnetz für Stunden praktisch lahmlegte. Gravierender als das Kostenargument sei der Hinweis auf die verringerten Risiken gewesen, so betont der IT-Manager.

Auf diese Weise gelang es Dietrich, kurz nach seiner Amtsübernahme die separaten IT-Organisationen kurzerhand in die zentrale SBB-Informatik zu integrieren. Sie fungieren nun als Demand-Organisationen ohne ausführende Kompetenzen. Dank einer "prall gefüllten Projekt-Pipeline" sei das Ganze ohne größere personelle Härten über die Bühne gegangen, versichert der CIO.

In dieser Pipeline befand sich beispielsweise die Unterstützung für unterschiedliche Vertriebskanäle, ursprünglich "Multi Channel Support" oder MCS genannt. In diesem Rahmen wollen die Schweizerischen Bundesbahnen beispielsweise bis zum kommenden Jahr nicht nur die Ticket-Lieferung auf das, sondern auch die Bestellung vom Handy ("Mobile-to-mobile") umgesetzt haben.

Grenzüberschreitende Integration

Besonders stolz ist Dietrich darauf, dass es gelungen ist, der SBB-Kundschaft über die unterschiedlichen Kanäle auch grenzüberschreitende Bahnfahrkarten anzubieten. "Das ist für ein kleines Land wie die Schweiz sehr wichtig", erläutert der CIO. Diese Weiterentwicklung des MCS läuft unter dem Kürzel IPS (Internationaler Personenverkehr Service).

Ermutigt durch derartige Vorarbeiten, hat sich SBB um die Generalunternehmerschaft für ein ehrgeiziges Vorhaben des europäischen Schienenverkehrs beworben: Mit dem zentralen Buchungs- und Reservierungssystem "Railteam-Broker" wollen die Hochgeschwindigkeits-Carrier Deutsche Bahn, SBB, ÖBB (Österreich), SNCF (Frankreich), SNCB (Belgien) und NS Hispeed (Niederlande) sowie Eurostar, Thalys und Lyria den Bahnfahrenden ab 2009 integrierte Auskunfts-, Preisfindungs- und Handling-Funktionen anbieten.

Bereits abgeschlossen und von der COMPUTERWOCHE preisgekrönt ist das im Cargo-Bereich angesiedelte Projekt "Neues Wagen-Management". Hier wurden die Bestell- und Abwicklungsprozesse für Güterwaggons völlig neu gestaltet mit dem Ziel, Leerfahrten zu verringern, also Züge und Waggons besser auszulasten.

Basis dieser Projekte ist ein ausgefeiltes Enterprise-Architektur-Management (EAM), das einen festen Bestandteil der IT-Strategie bildet. Bei der SBB laufen fünf parallele EAM-Initiativen:

Beinahe abgeschlossen ist die Kartografie der Anwendungslandschaft.

Um eine starke Architektur-Governance zu etablieren, werden derzeit Architektur- und Governance-Boards sowie "Quality-Gates" und "Architecture Reviews" eingeführt.

Gleichzeitig schärft der zentrale IT-Bereich seine Lenkungsinstrumente, indem er beispielsweise sein Vorgabenportal ausbaut und die Architekturprinzipien vervollständigt.

Für das kommende Jahr ist die Fertigstellung eines Bebauungsplans und der Roadmap für die wichtigsten Anwendungen geplant.

Die Service-orientierte Integrationsarchitektur soll Anfang 2009 vollendet sein.

Mit einem festen, aber flexiblen Architekturkorsett im Rücken werden sich Dietrich und sein IT-Team künftig leichter tun, innovative Projekte aufzusetzen und zu einem erfolgreichen Ende zu bringen.