Es fehlen Investitionen, Ingenieure und der notwendige Gründergeist

Innovation - in Deutschland Mangelware?

16.04.2004
Innovation tut Not - das haben angesichts der anhaltenden Wirtschaftsmisere mittlerweile auch die Politiker erkannt. Doch bislang zeigt der Maßnahmenkatalog der Bundesregierung, der vom Hightech-Masterplan über Partnerinitiativen für Innovationen bis hin zu Elite-Universitäten reicht, wenig Wirkung.

"Unser Ziel ist, mit breiter gesellschaftlicher Beteiligung im Jahr 2004 eine umfassende, nachhaltige Innovationsinitiative in Gang zu bringen", verkündete Bundeskanzler Gerhard Schröder Anfang des Jahres auf einem Kongress des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) in Berlin. Vorantreiben sollen dieses Innovationsprogramm in erster Linie Bildungs- und Forschungsministerin Edelgard Bulmahn sowie der Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit Wolfgang Clement.

Aus ihren Ministerien stammt der Anfang Februar 2004 verabschiedete "Hightech-Masterplan" Damit will die Bundesregierung vor allem die Rahmenbedingungen für Gründungen kleinerer und mittlerer Unternehmen verbessern. Gemeinsam mit dem Europäischen Investmentfonds (EIF) soll ein Dachfonds für Beteiligungskapital eingerichtet werden. Neben den 500 Millionen Euro, die Regierung und EU in den Topf legen, hoffen die Politiker auf zusätzliche 1,2 Milliarden Euro private Investitionsmittel. Insgesamt würden damit für die nächsten fünf Jahre 1,7 Milliarden Euro für die Förderung innovativer Unternehmen zur Verfügung stehen.

Private Investoren zögern

Thomas Doppelberger von der Venture-Gruppe der Fraunhofer-Gesellschaft mahnt jedoch zur Vorsicht. Jede Investition werde nur zu einem Drittel aus öffentlichen Geldern des Fonds finanziert. Für die restlichen zwei Drittel müssten sich erst einmal private Investoren finden lassen. "Das ist jedoch derzeit schwierig." Gerade wenn es darum gehe, Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte zu übertragen, erwiesen sich die Börsen der Venture-Capital-Geber als besonders klamm.

Das bestätigt auch Holger Frommann, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK). Seit 2001 beobachte man, dass gerade die Anschubfinanzierungen zunehmend wegbrechen. Im vergangenen Jahr investierten die Kapitalgeber in Deutschland laut den Statistiken des BVK rund 292 Millionen Euro in das Early-Stage-Segment. Damit bewegten sich die Investitionen etwa auf dem Niveau der Jahre 1997/98. Die goldenen Zeiten des Jahres 2000 sind vorbei, als noch 1,6 Milliarden Euro in deutsche Startups flossen. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, hätte dies "fatale Wirkungen für die Innovationsentwicklung". Die würde künftig in anderen Ländern stattfinden.

Um den Investitionsmotor in Gang zu setzen, müssten sich die Rahmenbedingungen in Deutschland verbessern, fordern die BVK-Verantwortlichen. Im Vergleich mit 15 anderen europäischen Staaten rangiere Deutschland unter diesem Kriterium nur auf Platz 13. Zwar seien durch die Beschlüsse der Finanzverwaltungen Ende 2003 bestimmte Unsicherheiten bei der steuerlichen Behandlung von Beteiligungskapital behoben. "Trotzdem bleiben noch einige steuerliche und rechtliche Problembereiche."

Business Angels sehen schwarz

Die Verbesserung der steuerlichen Rahmenbedingungen für Wagniskapitalfonds hat auch der Hightech-Masterplan zum Ziel. So sollen beispielsweise Gewinnanteile aus Beteiligungen künftig nach einer bundeseinheitlichen und international wettbewerbsfähigen Regelung besteuert werden. Außerdem soll die Steuerreform zusätzlichen finanziellen Spielraum für Innovationen verschaffen.

Mit diesem Vorhaben ist die Regierung nach Ansicht des Business Angels Netzwerk Deutschland (Band) jedoch gescheitert. "Die Hoffnung, der Masterplan könnte einen Innovationsschub auslösen, wird sich kaum erfüllen", prognostiziert Band-Vorstand Roland Kirchhof. So hätten die Politiker Entwürfe über Steuerbefreiungen für Veräußerungen von Beteiligungen an jungen Hightech-Firmen blockiert. Investoren und Unternehmen, die auf eine Reform der Besteuerung von Kapitalerträgen warteten, habe die Regierung vertröstet, ohne anzudeuten, ob und wie eine international konkurrenzfähige Regelung gefunden werden könne. Damit bleibt Deutschland hinter anderen europäischen Ländern zurück, bilanziert Kirchhof. "Das vorhandene Potenzial fließt in andere Länder."

Oder es wird erst gar nicht in Anspruch genommen. Beispielsweise hat Christoph Fausak, Chef der im Juli 2003 gegründeten Analytiq Consulting GmbH, ganz bewusst auf eine Anschubfinanzierung verzichtet. Ein Firmenstart mit großem Finanzbedarf wäre unter den damaligen Voraussetzungen nicht zu stemmen gewesen, erläutert der 33-jährige Jungunternehmer. Von Banken- und Venture-Capital-Seite sei nicht viel zu holen gewesen. Deshalb habe Fausak von Anfang an neben dem Softwaregeschäft auf Beratungserlöse gesetzt, um schnell Cash in die Kassen zu bekommen. Allerdings sei ohne zusätzliches Kapital auch keine große Expansion zu realisieren. Börsenpläne liegen noch in weiter Ferne.

Klein starten und klein bleiben

Auch Fraunhofer-Finanz-Manager Thomas Doppelberger bestätigt den Trend, dass viele Firmen erst einmal ganz klein starten, um ihren Finanzbedarf möglichst gering zu halten. Oft sei es schwierig, diese Kleinunternehmen nach ein oder zwei Jahren zu weiterem Wachstum zu motivieren. Meist folge nach der euphorischen Gründungsphase schnell die Ernüchterung, wenn die Unternehmen auf der Suche nach Venture Capital eine Schlappe nach der anderen erlebten. Viele würden sich dann mit dem Erreichten zufrieden geben, berichtet der Finanzierungsexperte.

Die Old Economy ist gefordert

"Die Grenzen sitzen im Kopf", moniert August-Wilhelm Scheer, Aufsichtsratschef der IDS Scheer AG. Unternehmer sein müsse wieder Spaß machen. Gründer dürften nicht mit dem Gründen aufhören, sondern müssten ihre Firmen auch international durchsetzen. Die dazu notwendige Energie und Aggressivität scheine heute jedoch nicht mehr in dem Maße wie früher vorhanden zu sein: "Auch der Ruf des Unternehmertums ist angeknackst." In den Medien dominiere das Bild des angeklagten Managers, der nur in die eigene Tasche wirtschafte.

Um junge Unternehmen und damit Innovationen in Deutschland zu fördern, müssten große Konzerne der Old Economy kleine Hightech-Firmen unter ihre Fittiche nehmen, fordert Scheer. Damit ließen sich alte und neue Strukturen verbinden. Auch die Politik könnte ihren Teil dazu beitragen, indem beispielsweise Kanzler Schröder bei Auslandsreisen junge Unternehmen mitnähme und nicht immer nur Manager von Großkonzernen wie Siemens: "Heinrich von Pierer kann alleine nach China fahren." Sinnvoller wäre es, zehn Startup-Vertreter einzuladen und ihnen die Türen zu öffnen.

Der Bundeskanzler versucht indes zu Hause, Wirtschaft, Verbände und Forschung auf seinen Innovationskurs einzuschwören. Im Kreis der "Partner für Innovationen", wie Schröder seinen lockeren Zirkel aus Unternehmens- und Forschungsvertretern getauft hat, sollen in den nächsten Monaten einige Leitlinien und "Leuchtturm"-Projekte festgelegt werden. Teilnehmer sind unter anderen Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke und der Geschäftsführer von IBM Deutschland Walter Raizner.

Ob die Treffen, die allem Anschein nach eher den Charakter von Kamingesprächen haben, noch im laufenden Jahr in konkrete Vorhaben münden, ist jedoch zweifelhaft. "Je mehr man über Innovationen redet, desto weniger passiert am Ende", befürchtet Bernd Kriegesmann, Leiter des Instituts für angewandte Innovationsforschung (IAI) in Bochum. Das Wort Innovation sei derzeit im Begriff, zu einer modischen Worthülse zu verkommen.

Von Innovationskreisen, in denen die üblichen Verdächtigen versammelt sind, hält Kriegesmann wenig. "Dort wird debattiert, welche Techniken heute zu pushen sind, damit morgen Produkte entstehen, von denen niemand weiß, ob Bedarf nach ihnen da sein wird." Gerade die Bundesregierung habe in den vergangenen Jahren bei ihren Versuchen, technische Orientierung zu geben, zahlreiche Flops produziert. Beispiele seien der Transrapid und das satellitengestützte Mautsystem. Innovation sollten besser die Unternehmen als Entdeckungsprozess organisieren. "Dabei sollte sich der Staat zurückhalten."

Doch haben sich deutsche Unternehmen zuletzt nicht gerade als Innovationsmotoren profiliert. Laut einer Studie des Stifterverbands für die deutsche Wirtschaft lag der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2003 gerade einmal bei 2,51 Prozent - Tendenz weiter sinkend. Damit sei fraglich, ob die innerhalb der EU vereinbarte Marke von drei Prozent bis 2010 zu erreichen sei, moniert Generalsekretär Manfred Erhardt.

"Wir sind ein innovativer Wirtschaftssektor", behauptet dagegen Jörg Menno Harms, Vizepräsident des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom). Mit einem Umsatz von über 130 Milliarden Euro in Deutschland sowie rund 750 000 Beschäftigten gehöre die Branche zu den Leistungs- und Innovationsträgern der deutschen Wirtschaft. Einen Fürsprecher finden die Bitkom-Verantwortlichen in der Fraunhofer-Gesellschaft. So orientieren sich beispielsweise die zwölf Leitinnovationen der Forschungseinrichtung eng an der ITK-Technik. Auch die Innovationsoffensive der Bundesregierung müsse daher einen Schwerpunkt auf diese Branche legen, fordert Fraunhofer-Präsident Bullinger.

Mit der Diskussion, ob und wie Forschungsschwerpunkte zu setzen sind, wird allerdings auch deutlich, dass hinter den Kulissen bereits das Hauen und Stechen um die zu erwartenden Fördertöpfe begonnen hat. Ob dies den Innovationsprozess in Deutschland fördert, ist fraglich.

Martin Bayer, mbayer@computerwoche.de

Zu wenig Ingenieure

Eike Lehmann, Präsident des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), warnt davor, dass Deutschland im laufenden Jahr rund 15000 Ingenieure fehlen werden. Ursache sei das schwache Interesse an technischen Studiengängen. Die Misere beginne bereits in der Schule, Technikunterricht finde dort kaum statt. Versuche des VDI-Präsidenten, Schüler für Technik zu begeistern, seien am Desinteresse der Lehrer gescheitert.

Dass es den Universitäten gelingt, wieder mehr Studenten zur Technik zu locken, bezweifelt Innovationsforscher Bernd Kriegesmann. So bemisst sich die Mittelzuweisung an die einzelnen Fakultäten unter anderem nach der Zahl der Studienanfänger. Sinkt diese Zahl, bekommen die Fachbereiche weniger Geld und werden damit in der Folge auch weniger attraktiv - ein Teufelskreis.

Die Politik will versuchen, die Qualität der Ausbildung mit Elite-Universitäten zu verbessern. SAP-Forschungsleiter Lutz Heuser befürchtet jedoch einen faulen Kompromiss. Derzeit laufe das Konzept darauf hinaus, dass die ohnehin gut ausgestatteten Hochschulen noch zusätzlich profitieren würden. Da müsse man sich fragen, warum diese Einrichtungen nicht schon heute mehr leisteten. Geld allein mache keine Elite-Universität.

Abb.1: Neue Firmen kriegen weniger Geld

Wegen der hohen Risiken scheuen Kapitalgeber vor Anschubfinanzierungen zurück. Als Folge legen viele Wissenschaftler und Ingenieure Firmenausgründungen auf Eis. Quelle: BVK-Statistik

Abb.2: Patentanmeldungen

Nach der Zahl der Patente steht Deutschland nicht schlecht da, nur an der Umsetzung im Markt hapert es. Quelle: Eurostat