Informationsverarbeitung - Mehr Durchblick im Dickicht

14.07.1989

Für Ortega y Gasset war die Technik "die Erzeugung des Überflüssigen". Was die Informationstechnik anbelangt, so wird häufig gesagt, daß sie zu einem Überfluß an Daten führt. Die Verfügbarkeit der Information ist in den letzten zwei Jahren um Zehnerpotenzen gestiegen. Es ist daher die Klage zu hören, daß wir von Informationen überflutet werden, daß wir unter ihnen zu ersticken drohen, ja, daß sogar ein Informationsdschungel entsteht. Tatsächlich erhalten wir täglich eine große Menge an Informationen, die schlecht verarbeitet und nicht strukturiert, also unübersichtlich ist. Kurz: viele Daten, wenig Nützliches und nur wenig Verwertbares. Denn ihren Wert und damit ihre Verwertbarkeit erhalten Daten erst, wenn sie bedarfsgerecht angeboten und gesteuert werden.

Hier besteht ein Nachholbedarf. Im Umgang mit Informationen zeigen wir heute gelegentlich eine ziemliche Hilflosigkeit. Dem Beschränken auf Wesentliches steht ein stark zunehmendes Bedürfnis gegenüber, eingehend und umfassend informiert zu sein, mehr Informationen zu erhalten. Dieser paradoxen Situation stelle ich die These entgegen, daß es keinen Informationsdschungel gibt. Die Frage ist nur, wie wir die gegebenen lnformationschancen technisch und als Individuum verwerten.

Die Herausforderung liegt darin, die richtigen Informationen, die korrekten Daten zu beschaffen und in geeigneter Form aufzubereiten. Anders ausgedrückt: das Technisch Machbare in das gesellschaftlich und unternehmerisch Sinnvolle umzusetzen.

Mit Hilfe des Computers lassen sich problemlos beliebig viele Einzelergebnisse aus verschiedenen Quellen erfassen und als Datenkolonnen dem Fragesteller übergeben. Diese Datenfülle für sich ist keine Hilfe, schon gar keine Entscheidungshilfe. Erst das Resümee daraus, die Verknüpfung und Interpretation dieser Rohdaten durch geeignete Software, liefert die gewünschten Erkenntnisse.

Der wichtigste Punkt ist die Steuerung und die Aufbereitung der Informationsflut, sowohl vom "Sender" oder Erzeuger der Information als auch vom Empfänger. Vor allem der Empfänger muß sie selektieren können. Es muß daher ein Zwei-Wege-Kommunikationsprozeß zwischen beiden festgelegt werden. Ansonsten kann er die Datenfülle weder begreifen noch verarbeiten.

Dazu stellt die moderne Informationstechnologie eine Vielzahl technischer Methoden, Verfahren und Werkzeuge bereit, die es erlauben, diesen Informationsdschungel zu kultivieren, wenn nicht gar zu roden. Eines der vielleicht klarsten Beispiele dafür ist die tägliche Wetterkarte im Fernsehen. Sie ist das Ergebnis von Millionen von europaweiten Meßorten. In der Fläche wie in der Vertikalen werden Tag für Tag Milliarden Daten gesammelt und komprimiert. Meteorologen berechnen daraus, wie das Wetter von morgen sein wird . Die Genauigkeit dieser Vorhersage hängt unter anderem von der Rechnerleistung ab. Heute wird der Rechenvorgang einfach abgebrochen. Ware der Rechner tausendmal so schnell, so könnten mehr Meßdaten erfaßt und berechnet werden. Damit wäre die Vorhersage genauer.

Ein anderes Beispiel ist die Fabrik der Zukunft, die heute entsteht. In der Vergangenheit hat sich der Fabrikleiter am Freitag berichten lassen, welche Maschinen ausgefallen sind, wie groß die Schrottrate war, wie viele Teile produziert worden sind und wie viele er ausliefern kann. Heute weiß er permanent, wie der Zustand der einzelnen Maschinen und des einzelnen Prozesses ist. Die entsprechenden Funktionen und Fachleute greifen präventiv ein.

Heute wird am Freitag nicht mehr gemeldet, wie hoch die Schrottrate war, sondern -etwas vereinfacht gesagt - wie der Ausschuß verhindert wurde. Die Auswertung der auftretenden Probleme, etwa durch Analyseprogramme, gibt einen weitgehenderen wirtschaftlichen Sinn, wenn daraus dann auch Schlußfolgerungen auf die Schwachstellen der Produktion gezogen werden.

Mit der jetzt angebotenen technischen Vernetzung auch über die Unternehmensgrenzen hinaus liefert die Telekommunikation weitgreifendere Möglichkeiten: Informationen lassen sich ortsunabhängig und weltweit austauschen. Der Faktor Zeit wird auf das Minimum einer Datenübertragung reduziert - die Unternehmen rücken näher zusammen. Datenbanken, insbesondere relationale Datenbanken, mit ihrer Aufbereitung nach Sachgebieten, die an diese Netze angeschlossen sind, strukturieren und verbreitern unsere Wissensbasis beträchtlich. Expertensysteme oder besser, wissensbasierte Systeme, tragen dazu bei, menschliches Können zu verstärken, das Know-how von Fachleuten in einem bestimmten Wissensgebiet allgemein verfügbar zu machen.

Diese Instrumente der Informationstechnologie können verhindern, daß uns Informationen unkontrolliert überfluten. Informationen lassen sich dadurch sortieren und auswählen, verdichten und mit anderen Daten verknüpfen und zum besseren Verständnis in andere Formen - beispielsweise grafisch - darstellen. Denn das Aufnahmevermögen des Menschen für Zahlenkolonnen ist begrenzt, ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Der gleiche Inhalt, in grafischer Form und farblich differenziert dargeboten, verdeutlicht die Aussage wesentlich.

Der Computer erlaubt den Zugriff zu erheblich mehr Informationen, sorgt jedoch zugleich mit seinen vielfältigen Anwendungen dafür, daß der Mensch das vermehrte Informationsangebot erfassen und bewältigen kann.

Ohne die Informationstechnik, ohne Netze, ohne den Personal Computer oder die Workstation am Arbeitsplatz ist unser Leben deshalb nicht mehr vorstellbar, ob es nun um die Zusammenarbeit der Börsen geht oder die Steuerung des Warenflusses in einem Supermarkt, ob eine Reise gebucht wird oder ein bestimmter Fachartikel gesucht; ob es ein komplexes Computersystem zu konfigurieren gilt oder einen chemischen Prozeß zu optimieren.

Entscheidend ist, nicht den Menschen gegen den Computer zu positionieren. Der Computer ist ein neues Werkzeug für der Menschen, so wie er seit Jahrhunderten die Maschine zur Verstärkung seiner Muskelkräfte nutzt. Der Computer ist keine Konkurrenz, sondern ein komplementäres Instrument. Er kann die intelektuellen Fähigkeiten verstärken, nicht die Intelligenz ersetzen. Erst dadurch werden dem Menschen Freiräume geschaffen, in denen er seine Kreativität, seine kritische Urteilskraft, sein Entscheidungsvermögen entfalten kann.

Die durchaus notwendige Diskussion über die Technik und ihre Folgen darf nicht den Blick auf die Möglichkeiten der technischen Zusammenarbeit verstellen. Wer sich diese durch die Informationstechnik eröffnete Perspektive vor Augen hält, kommt in der Technologiefolgenabschätzung um ein in der Bilanz positives Urteil nicht herum. So wenig der Computer mystifiziert werden darf, so falsch ist es, aus lösbaren Problemfällen und wenigen Beispielen eines nicht verantwortungsvollen Umgangs auf ein gefährliches Potential zu schließen.

Weiter steigende Rechnerleistung künftiger Generationen von Computern, fallende Preise, die Verfügbarkeit der öffentlichen und lokalen Netze, der Datenverbund über Satelliten, der Umgang mit dem Computer und seine Programmierung in natürlicher Sprache, Expertensysteme und der verstärkte Einsatz der Anwendungen aus der Forschung der "Künstlichen Intelligenz" werden in den kommenden Jahren zu noch mehr, noch schnelleren und noch umfassenderen Informationen und zu einem wesentlich größeren Kreis von Datenverarbeitungsnutzern führen.

Ich sehe darin ein umfassendes Potential, wenn es gelingt, dieses Potential bedarfsgerecht zu verwerten. Die vor den Entwicklern liegende Aufgabe ist es, weiter verbesserte Werkzeuge und Methoden zu entwickeln, um diese Informationen vernünftig und verantwortungsbewußt in einem gesellschaftlichen Orientierungsrahmen umzusetzen. Und nicht weniger wichtig ist es, die Menschen durch rechtzeitige Ausbildung in den Gymnasien, Universitäten und der Erwachsenenbildung auf diese Aufgabe vorzubereiten und ihnen die Nutzung dieses Potentials zu ermöglichen.