Web

 

Informationen wollen fließen

26.01.2005

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Frode Hegland, Wissenschaftler am University College London, will die grundlegende Struktur von Informationen im Netz verändern. Sein Projekt "Liquid Information" ist so etwas wie ein Mix aus Wikipedia und Hypertext - alle Dokumente lassen sich editieren, und jedes Wort ist ein möglicher Hyperlink.

Der gebürtige Norweger arbeitet laut "Wired News" am Interaction Center der Londoner Uni und kooperiert unter anderem mit Doug Engelbart, keine geringerer als der Erfinder der Computermaus. Engelbart bezeichnet Liquid Information als "die nächste Stufe des Web".

"Ich liebe das Web, aber es ist ein besch***enes Spielzeug", erklärte Hegland. "Wie dieser erste Film von einem Zug, der in einen Bahnhof einfährt." Heglands Idee ist einfach: Er will das einfache Hyperlinking des heutigen Web hinter sich lassen und jedes Wort in ein "Hyperword" verwandeln. Somit wird jedes einzelne Wort in einem Dokument zum Verweis.

Doch damit nicht genug - jeder Link kann auch noch auf mehrere Quellen verweisen und einen kompletten Hintergrundkontext aus dem Netz als Ganzem zusammenholen. Ein Klick auf einen Politiker zeigt, wer dessen Wahlkampf finanziert hat. Oder ein Klick auf den Namen einer Stadt in einer Nachrichtenmeldung zeigt, was an diesem Ort noch so passiert ist.

"Wir finden, dass ein Gutteil der Technikgeschichte, digital und auch anders, der Produktion von Informationen diente", so Hegland weiter. "Es ist an der Zeit sich auf deren Nutzung zu fokussieren, um den Menschen die Navigation durch die Informationen zu erleichtern und relevante Informationen in ihre Köpfe zu bekommen."

Liquid Information startete im Jahr 2003, aber Hegland hatte schon länger über Informationen und Schnittstellen dazu gegrübelt. "Ich arbeite an diesen Konzepten schon seit 1991", sagte er. Dann kam das Web dazwischen, das Tim Berners-Lee am Genfer CERN erfand. Anfänglich ziemlich ähnlich wie die heutigen Wikis - im monolithischen Web von heute ist davon aber kaum etwas zu erkennen. Man ist entweder Konsument oder Produzent, aber niemals beides gleichzeitig.

Auf der Website von Liquid Information findet sich auch eine einfache Demo des Konzepts anhand einer Live-Version der "CNN"-Website. Fährt man mit der Maus über irgendein Wort, erscheint ein Kontextmenü mit verschiedenen Optionen - man kann zum Beispiel in Google nachschlagen, ein Wort hervorheben, eine Lexikondefinition aufrufen oder nur noch Absätze anzeigen, die ebenfalls dieses Wort enthalten.

Das sei aber erst der Anfang, betont Frode Hegland. Liquid Information solle schlussendlich dazu führen, dass Nutzer Informationen in quasi beliebiger Art und Weise verarbeiten können. "Man muss die Leute dazu erziehen, und manche sehen das als Problem", so der Wissenschaftler. "Das Web besteht heute aus handgestrickten Einbahnstraßen-Links. So viel zum Thema Interaktivität..."

"Es gibt Unmengen an Informationen da draußen, und Google gibt uns einen Bruchteil einer Idee dessen, was möglich ist", erklärte Bruce Horn, Programmierer des ersten Macintosh-"Finder". "Aber Daten sind nicht Informationen, die wiederum sind nicht Wissen, und das wiederum ist nicht Weisheit. Wenn die Leute Dinge schnell und einfach finden könnten, dann könnten sie bessere Entscheidungen treffen."

Google bewege sich in eine ähnliche Richtung wie Liquid Information, glaubt Horn. Desktop-Suche, die Erfassung von Bibliotheksbeständen und der Kauf alter Usenet-Beiträge deute auf Googles Sicht des Netzes als "Netzbetriebssystem" zu Informationszwecken. Heglands Motive seien aber ganz andere. "Hier geht es nicht um das nächste Google", so Horn. "Das Ziel ist, es zu versuchen und die Welt zum Besseren zu verändern - und nicht unbedingt tonnenweise Geld zu scheffeln." (tc)