Digitale Fabrik

Industrie braucht neue Informatiker

21.04.2016
Peter Ilg ist freier Journalist in Aalen.
Industrie 4.0 wird die Nachfrage nach Informatikern erhöhen. Diese aber brauchen andere Skills als die klassischen Vertreter ihrer Zunft. Neue Themen wie Big Data sollten sie beherrschen und die Prozesse in der Produktion verstehen. Ihr Job ist es, die physische in der digitalen Welt abzubilden und sie zu vernetzen.

'Das Zeitalter der vernetzten Industrie beginnt auf der Hannover Messe 2016' - mit diesem Slogan wirbt die weltweit bedeutende Industriemesse um Aussteller und Besucher. 'Ausgereifte Industrie-4.0-Lösungen kommen auf den Markt', so die Werbebotschaft der Deutschen Messe AG weiter. Sie veranstaltet die Messe vom 25. bis 29 April, die unter dem Leitthema 'Integrated Industry - Discover Solutions' steht. Die Ankündigungen sind vollmundig. Werbung eben. Bestimmt werden Industrie-4.0-Lösungen vorgestellt. Ausgereift aber sind sie bei Weitem noch nicht. Vielmehr sind sie im Anfangsstadium und die Unternehmen dabei, die Möglichkeiten der digitalen Fabrik auszuloten.

Unternehmen sind vermehrt dabei, die Möglichkeiten der digitalen Fabriken auszuloten.
Unternehmen sind vermehrt dabei, die Möglichkeiten der digitalen Fabriken auszuloten.
Foto: Moon Light PhotoStudio - shutterstock.com

Das Unternehmen Pilz zum Beispiel. Am Stammsitz im schwäbischen Ostfildern entwickelt und produziert es sichere Automatisierungstechnik. "Mit unseren Produkten und Dienstleistungen sorgen wir dafür, dass keine Menschen an Maschinen zu Schaden kommen und schützen Maschinen und Prozesse vor Störungen, so dass sie reibungslos funktionieren", sagt CIO Jörg Stubbe. Automatisierungstechnik des Unternehmens kommt in allen Bereichen des Maschinen- und Anlagenbaus zum Einsatz, etwa im Automobilbau an Pressen von Karosserieteilen. Es sind Steuerungen, Lichtgitter, Notschalter, die vor Gefahr bringenden Bewegungen an Maschinen schützen.

Jörg Stubbe ist CIO bei Pilz und baut aktuell einen neuen Bereich für neue Technologien au.
Jörg Stubbe ist CIO bei Pilz und baut aktuell einen neuen Bereich für neue Technologien au.
Foto: Pilz GmbH

Als CIO ist Stubbe für die IT und deren 30 Mitarbeiter zuständig. Die Abteilung ist klassisch aufgestellt mit drei Gruppen: Operations, ERP und Collaborations. Aktuell baut er einen vierten Bereich für neue Technologien auf. Diese Mitarbeiter sollen bei der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen unterstützen, die in der vernetzten Fabrik gebraucht werden, wie Cloud-Lösungen. Die werden für die Fertigungssteuerung gebraucht.

Zum Jahresbeginn hat Pilz damit angefangen, Cloud-basierende Dienste einzuführen. Aufgrund der Daten, die eine Maschine an ein IT-System liefert, erkennt sie frühzeitig Wartungsintervalle oder drohende Reparaturen, so dass Maschinenausfälle eingeschränkt oder Wartungen so geplant werden, dass sie den Betrieb nicht stören. "Wir wollen das System erst in den eigenen Werken produktiv einsetzen, bevor wir es Kunden anbieten", sagt Stubbe. Bislang unterstützt ein externer Dienstleister bei der Umsetzung, "weil es schwierig ist, geeignetes Personal zu finden und wir die klassischen IT-Aufgaben nicht vernachlässigen wollen". Bis 2020 sollen in der neuen Gruppe zehn Mitarbeiter sein. Im Idealfall Wirtschaftsinformatiker, weil sie IT und Prozesse verstehen, außerdem kundenorientiert sind. Doch die meisten Absolventen denken beim Berufseinstieg an die bekannten Marken: BMW, Daimler, Bosch. Deshalb hat Stubbe einen Plan B: "Können wir den Personalbedarf nicht mit Neueinstellungen decken, entwickeln wir unsere eigenen Leute weiter und bauen bei ihnen die notwendigen Kompetenzen auf." Zum Beispiel Prozessdenken in der Fertigung.

Industrie 4.0 erweitert die klassischen Aufgaben der IT bei Pilz und in vielen anderen Unternehmen. BMW hat in der IT eine neue Abteilung aufgebaut mit derzeit rund 15 Mitarbeitern, die sich mit den Veränderungen im Zusammenhang mit Industrie 4.0 beschäftigen und diese in die existierende IT hineintragen. Alexander Angebrandt, Hauptabteilungsleiter in der IT bei BMW, ist dafür verantwortlich. "Wir stellen im Hinblick auf neue Technologien neue Mitarbeiter ein, doch ist es für eine Breitenwirkung von Industrie 4.0 bei BMW notwendig, die Bestandsmitarbeiter in die neuen Technologien zu bringen, unter anderem durch Schulung und im Rahmen von Projekten." Das sind Wissen rund um Big Data, Maschine-zu-Maschine-Kommunikation und vor allem Kenntnisse über Internet-of-Things-Plattformen.

Alexander Angebrandt, Hauptabteilungsleiter IT bei BMW, schult seine Bestandsmitarbeiter hinsichtlich neuer Technologien.
Alexander Angebrandt, Hauptabteilungsleiter IT bei BMW, schult seine Bestandsmitarbeiter hinsichtlich neuer Technologien.
Foto: BMW

Angebrandt vertritt die IT auch in einem bereichsübergreifenden Kreis beim BMW, "in dem wir Industrie-4.0-Innovationen evaluieren und in die Breite bringen". Neben ihm sind die technische Produktionsplanung und die Logistik vertreten. "Bislang ist die klassische IT in Fertigung und Planung von der Anlagensteuerung getrennt. Diese drei Bereich wachsen durch Industrie 4.0 nun zusammen und durch sie entstehen neue Aufgaben für Informatiker." Deshalb besteht der Kreis aus diesem Trio. Rund 500 neue Mitarbeiter will BMW in diesem Jahr für das große Thema Digitalisierung einstellen.

Industrie 4.0 braucht Informatiker. Auch bei Kuka spielen sie deshalb eine zunehmend wichtigere Rolle -"in der klassischen Softwareentwicklung von Automatisierungstechnik im Allgemeinen oder der Robotik im Speziellen", sagt Holger Ewald, CIO von Kuka, Augsburg. Das Unternehmen bietet Automatisierungslösungen aus einer Hand: von der Komponente - dem Roboter -bis hin zur vollautomatisierten Anlage. Bei Kuka entwickeln Informatiker Software und sie vernetzen cyberphysische Systeme. Die sind das Herzstück von Industrie 4.0. Erst sie machen eine ganzheitliche Integration von Automation, Prozess- und Unternehmenssteuerung bis hin zur Wartung der Anlagen möglich.

Für den CIO von Kuka, Holger Ewald, ist Industrie 4.0 ein interdisziplinäres Thema.
Für den CIO von Kuka, Holger Ewald, ist Industrie 4.0 ein interdisziplinäres Thema.
Foto: Kuka Roboter GmbH

Industrie 4.0 ist auch für Ewald ein interdisziplinäres Thema. Diese Informatiker arbeiten an der Schnittstelle zu anderen Fachgebieten - von der Produktentwicklung bis hin zum Service. "Im Grund sind daher alle Informatiker bei dem Thema gefragt, die über den eigenen Tellerrand hinausblicken möchten und offen für Neues sind", so Ewald.

Neue Studiengänge zu Digitalisierung und Industrie 4.0

Automation - Industrie 4.0

Die Hochschule Mittweida bietet ab dem Wintersemester 2016 den Bachelor-Studiengang Automation - Industrie 4.0 an. In sechs Semestern lernen die Studenten alles über Fertigungsabläufe, Robotik und digitale Vernetzung. Auch die Visualisierung von Produktionsabläufen, die Entwicklung von Bedienoberflächen sowie der Aufbau von lokalen Netzwerken sind feste Bestandteile der Ausbildung. Der Studiengang Automation - Industrie 4.0 ist in der Fakultät der Ingenieurwissenschaften angesiedelt. Ein Aufbaustudiengang mit Master-Abschluss ist bereits in Planung und soll schon bald folgen.

Smart Production and Digital Management

An der privaten Berufsakademie Fulda startet erstmals zum Oktober 2016 der neue Studiengang Smart Production and Digital Management. Die Ausbildung ist ein Mix aus Wirtschafts-, Informations- und Ingenieurwissenschaften. Damit werden die Studenten für Schlüssel- und Koordinationsfunktionen an der Schnittstelle zwischen Prozessen, IT und Fertigung in der digitalen Produktion vorbereitet. Das Studium an einer Berufsakademie ist eine Kombination aus Praxisphasen in einem Unternehmen und theoretischen Vorlesungszeiten an der Berufsakademie.

BWL-Industrie: Industrie 4.0

Ebenfalls zum Wintersemester 2016 läuft der Studiengang BWL-Industrie an: Industrie 4.0 an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Die Studenten lernen neben den informationstechnischen insbesondere die betriebswirtschaftlichen Anforderungen kennen, die mit einer sogenannten Smart Factory verbunden sind: neue Gestaltung der Geschäfts- und Wertschöpfungsprozesse, Einbindung von Kunden und Geschäftspartnern sowie Neuentwicklung von Produkten und Dienstleistungen. Drei Viertel der Ausbildung sind betriebswirtschaftliche Fächer, ein Viertel IT.

 

Olaf Barheine

Musste man als Informatiker nicht schon immer über den Tellerrand hinausblicken? Egal ob Maschinenbau, Automotive, Medizintechnik, Finanzwesen oder ITK – ohne Informatiker geht es doch seit Jahr und Tag nicht mehr. Bei spezialisierten Studiengängen sehe ich das Risiko, dass man sich als Informatiker auf eine Branche frühzeitig festlegt und damit seine flexiblen Einsatzmöglichkeiten einbüßt.

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