Unterschiede beim digitalen Reifegrad

Industrie 4.0: Von Wunsch und Wirklichkeit

Frank Welge ist Experte für das Thema Industrie 4.0 mit Fokus auf die Lieferantenintegration. Er verfügt über internationale Erfahrung im Supply Chain Management und in strategischen und operativen Beschaffungsprozessen. Seine Fachkompetenz schöpft er aus seiner früheren Tätigkeit als Einkaufsleiter, Leiter Materialwirtschaft, als Mitglied im Vorstandsstab mit Verantwortung für Wertschöpfungsprozesse und als langjähriger Berater und mittlerweile Partner der Inverto AG.
Industrie 4.0 bleibt auch in 2016 aktuell: Der Wirtschaftsgipfel in Davos hob das Thema erneut auf die Tagesordnung, CeBIT und Hannovermesse werden sich um die Digitalisierung drehen. Doch wie steht es in der Praxis um die vierte industrielle Revolution?
Beim Thema Industrie 4.0 liegen Wunsch und Wirklichkeit mitunter weit auseinander.
Beim Thema Industrie 4.0 liegen Wunsch und Wirklichkeit mitunter weit auseinander.
Foto: Bugphai FOTO - Fotolia.com

Ende Januar war es wieder so weit: Die führenden Köpfe der Weltwirtschaft trafen sich im schweizerischen Davos, um über ein großes Thema zu sprechen. In diesem Jahr hieß es "Industrie 4.0" - das World Economic Forum beschäftigte sich mit der Digitalisierung und Vernetzung industrieller Fertigungsabläufe. Ein Teil der Beiträge drehte sich um die Chancen, ein anderer um die Risiken dieser Entwicklung. Und viele davon blieben da, wo das gesamte Thema auch schon vor dem Gipfel zu stehen schien: in der Theorie.

Das kann kaum verwundern: Wer die Praxis kennt, weiß, dass noch etwas Zeit vergehen dürfte, bis die Digitalisierung von Industrieunternehmen sich spürbar durchsetzt. Daran dürften die Gespräche in Davos nicht allzu viel geändert haben, auch wenn es wichtig und nützlich war, dass sich die Spitzen von Politik und Wirtschaft erneut und umfassend mit der Industrie 4.0 befasst haben.

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Beim theoretischen Verständnis herrschte schon vor dem Gipfel viel Klarheit: Wo immer von Industrie 4.0 die Rede war und ist, versichern alle Beteiligten: es geht nicht nur um den Umbau einzelner Unternehmen, sondern um die grundlegende Neu-Organisation industrieller Wertschöpfung. Dabei spielt die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit in Wertschöpfungsnetzen die Hauptrolle. Denn nur die ermöglicht die gemeinsame Nutzung von Informationen, Wissen, Dienstleistungen oder sogar Fabrikanlagen. Ohne diese Vernetzung dürfte die selbststeuernde Fertigung der Zukunft nicht zu realisieren sein.

Digitalisierungs-Vorhaben: Ganzheitlichkeit bleibt die Ausnahme

In der Praxis implementieren deutsche Industrieunternehmen diese Klarheit jedoch nur bedingt in ihre Strategien, Pläne und Projekte. Wir haben in unserer jüngsten Umfrage zur Industrie 4.0 untersucht, wie mittelständische und große Unternehmen die Digitalisierung vorantreiben. Die Resultate belegen: Fast alle Unternehmen verstehen das Thema zwar durchaus ganzheitlich, es werden aber nur bedingt entsprechende Investitionen getätigt.

Industrie 4.0 ist eine grundsätzliche Veränderung, die viele Unternehmensbereiche betrifft. Das sehen auch die Verantwortlichen in den Unternehmen so. Fast alle Teilnehmer der erwähnten Umfrage von Inverto stimmten beispielsweise der Aussage zu, die Industrie 4.0 könne Verbesserungen nicht nur in der Produktion, sondern auch in Einkauf, Verwaltung, Vermarktung oder Verkauf erschließen (vgl. Abb. 1).

Abb.1: Die Digitalisierung nützt sämtlichen Geschäftsbereichen
Abb.1: Die Digitalisierung nützt sämtlichen Geschäftsbereichen
Foto: INVERTO AG, Studie Industrie 4.0

Doch bei der Frage in welchen Bereichen Industrie 4.0-Vorhaben vorangetrieben werden, zeigen die Antworten Abweichendes: Viele Unternehmen investieren überwiegend in fertigungsnahe Vorhaben. Das mag zwar verständlich erscheinen - die Unternehmen brauchen zunächst die digitale Technik, bevor sie weitere Digitalisierungsvorhaben starten können - doch es passt nicht ganz zum viel geäußerten, ganzheitlichen Verständnis der Industrie 4.0.

Kann es sein, dass die Industrieunternehmen andere, nicht rein auf die Fertigungstechnik bezogene Entwicklungen, vernachlässigen?

Vernetzung: Wichtig, aber wohl nicht dringend

Ein weiteres Resultat der Untersuchung von Inverto scheint diese Vermutung zu stützen: Zwar gehen derzeit 68 Prozent der Befragten davon aus, dass die Einbeziehung von Zulieferern in Digitalisierungsvorhaben entscheidend für den Erfolg von Industrie 4.0 ist. Doch nur ein Drittel der Firmen setzt derzeit bereits entsprechende Maßnahmen um. Und auch wenn ein weiteres Viertel ähnliches plant: Noch ist die wahrgenommene Bedeutung der Lieferantenintegration erheblich größer als die Zahl der entsprechenden Realisierungsvorhaben.

Noch seltener arbeiten Unternehmen übrigens an der Vernetzung mit den eigenen Kunden: Obwohl diese zu den herausragenden Merkmalen einer digitalisierten Industrie 4.0 gehören sollte, setzen nur 11 Prozent der untersuchten Firmen entsprechende Projekte um; 33 Prozent planen Versuchsvorhaben. Die übrigen 56 Prozent der Befragten beschäftigen sich derzeit "gar nicht" damit (vgl. Abb. 2)

Abb. 2: Überblick über Industrie-4.0-Projekte
Abb. 2: Überblick über Industrie-4.0-Projekte
Foto: INVERTO AG

Das heißt: Gut die Hälfte aller derzeit laufenden Digitalisierungs-Initiativen der deutschen Industrie erfolgen ohne Einbeziehung von Zulieferern oder Kunden – sozusagen rein intern. Einfacher, günstiger oder schneller wird ein effektives Wertschöpfungsnetzwerk dadurch aber nicht.

"Digitaler Reifegrad": Großunternehmen enteilen kleineren Firmen

Dazu kommt eine weitere Schwierigkeit: Die bisher beschriebenen Lücken zwischen Theorie und Praxis zeigen sich vor allem in kleineren Unternehmen. Konzerne und große Mittelständler (hier vereinfacht: Unternehmen mit mehr als 500 Mio. Euro Umsatz) scheinen es der Umfrage von Inverto zufolge erheblich besser zu schaffen, besagte Lücken zu vermeiden oder zu schließen.

Zwar investieren die "Großen" auch überwiegend in fertigungsnahe Digitalisierungsvorhaben. Aber anders als viele kleinere Unternehmen geben sie zusätzlich Geld für die Digitalisierung von Produktentwicklung oder Supply Chain Management aus. Zudem ist der Anteil der Großunternehmen, die bereits in die Digitalisierung investieren, erheblich größer als der Anteil der mittelständischen Unternehmen, die ähnliche Projekte vorantreiben. So betreiben oder planen jeweils mehr als drei Viertel aller Großunternehmen Vorhaben in den Bereichen "Big Data", "Digitalisierung des Maschinenparks" und "Entwicklung neuer Produkte". Von den untersuchten mittelständischen Unternehmen geben dagegen gerade mal 53 Prozent Geld für die Digitalisierung von Maschinen aus – Projekte in den anderen Bereichen erhalten sogar noch weit weniger (vgl. Abb. 3).

Abb. 3: Projekte grpßer und mittelständischer Unternehmen im Vergleich
Abb. 3: Projekte grpßer und mittelständischer Unternehmen im Vergleich
Foto: INVERTO AG, Studie Industrie 4.0

Anspruch und Wirklichkeit: Noch herrscht großer Abstand

Wer jetzt anmerkt, diese Resultate seien wenig überraschend und spiegelten letztlich nur die unterschiedlichen Ressourcen und finanziellen Möglichkeiten großer und mittelständischer Unternehmen wider, hat grundsätzlich recht – übersieht aber etwas Wesentliches: Ein allzu großer Vorsprung der Großunternehmen gegenüber den Mittelständlern könnte nämlich bedeuten, dass Konzerne in Deutschland schon bald keine Zulieferer mehr finden könnten, die technologisch und organisatorisch "auf einer Höhe" wären. Und das hieße: Der deutsche Mittelstand würde abgehängt.

Um dies zu vermeiden müssen sich die Industrieunternehmen beim Vorantreiben des Themas um eine Angleichung von Herangehensweise und Geschwindigkeit mit allen Partnern der Wertschöpfungskette bemühen.

Digitalisierung neu denken: unternehmensübergreifende Zusammenarbeit

Großunternehmen könnten dazu beitragen, indem sie die Zahl ihrer eigenen Vorhaben zur Lieferantenintegration erhöhen und auch kleine Zulieferer in Einkaufs-, Supply Chain Management- oder IT-Vorhaben einbeziehen. Auch altbewährte Verfahren könnten zum Zuge kommen – wie etwa zweckgebundene Lieferantenkredite für Digitalisierungsvorhaben oder Joint-Ventures für Aufbau und Betrieb unternehmensübergreifender Supply Chain Management- oder Warenwirtschaftssysteme.

Mittelständische Unternehmen könnten hingegen damit beginnen, Priorität und Dringlichkeit des Themas Digitalisierung neu zu bewerten. Die Zahlen der erwähnten Untersuchung belegen, dass Industrie 4.0, Internet of Things, Big Data und ähnliche Entwicklungen sich zunehmend durchsetzen. Es dürfte also höchste Zeit sein, entsprechende eigene Vorhaben auf den Weg zu bringen. Dabei sollten die Unternehmen unbedingt auf ein integriertes Vorgehen achten, das alle relevanten Geschäftsbereiche und Schnittstellen berücksichtigt. Konkrete Maßnahmen sollten sie keinesfalls alleine angehen - sondern rechtzeitig wichtige Geschäftspartner auf eine mögliche Beteiligung ansprechen um gemeinsame Standards zu entwickeln.

Fazit

Unabhängig davon, dass die Teilnehmer in Davos das Thema Industrie 4.0 äußerst sachkundig und weitsichtig besprochen haben - in der Praxis verstehen viele Industrieunternehmen ihre eigene Digitalisierung noch immer vor allem als fertigungstechnisches Vorhaben. Zudem scheinen sie die Zusammenarbeit mit anderen Wertschöpfungspartnern zu vernachlässigen. Das ist verständlich, aber auch riskant. Wenn in der Industrie der Zukunft neue Wege der Kooperation zur Grundlage wirtschaftlichen Erfolgs werden, dann sollten sich die Unternehmen hierzulande so früh wie möglich darin üben. Und wenn die vierte industrielle Revolution unser aller Leben wirklich verbessern soll, darf wirklich niemand außen vor bzw. zurückbleiben. Es wäre gut, wenn Davos dazu ein Stück beigetragen hat. (mb)