Es lohnt sich, bei der Smart Factory die Schlagzahl erhöhen

Industrie 4.0 - Noch ist der Wettlauf offen

24.06.2016
Franz E. Gruber ist Gründer und Chef des Smart-Factory-Spezialisten FORCAM in Ravensburg. Der studierte Wirtschaftsingenieur war in den 1990er Jahren die rechte Hand von Dietmar Hopp bei SAP, bevor er im Jahr 2001 mit FORCAM als Pionier für Fabriksoftware startete, lange vor dem Begriff „Industrie 4.0“. Franz E. Gruber, Jahrgang 1963, ist verheiratet und hat drei Kinder.
USA und Asien sind im Wettbewerb der digitalen Fabrik eine Länge voraus. Aber nur in Sachen Innovationsfreude und Risikobereitschaft. In der Fabrikhalle stehen US-Firmen vor den gleichen Herausforderungen wie deutsche.
Industrie 4.0: Der Wettlauf ist noch nicht entschieden
Industrie 4.0: Der Wettlauf ist noch nicht entschieden
Foto: Suzanne Tucker - shutterstock.com

Vor drei Jahren sprach Bundeskanzlerin Merkel den Satz: "Das Internet ist für uns alle Neuland." Seither haben Politik und Verbände viel verstanden und versuchen, mehr digitale PS auf die Straße zu bekommen - zum Beispiel bei dem aktuell drängenden Thema für einen Industrie-4.0-Standard aus Deutschland ("DIN-4.0-Stecker").

Doch wir müssen die Schlagzahl erhöhen. Mit der Digitalisierung erleben wir eine tektonische Verschiebung in Wirtschaft und Gesellschaft. Doch im führenden Industriestandort Deutschland begegnen wir dieser Revolution offenbar mehrheitlich noch mit "German Angst".

So schlussfolgert die frische Studie "Industrie 4.0 im internationalen Vergleich" (Huawei Technologies Deutschland / Handelsblatt Research Institute) für Deutschland: "Neben dem schwierigen Zugang zu Risikokapital ist hier auch ein Mentalitätswandel erforderlich: Es herrscht eine zu geringe Bereitschaft, Risiken einzugehen."

The Next Now! - Foto: shutterstock.com - SFIO CRACHO

The Next Now!

Das Urteil ist erschreckend. Der Wohlstand in Deutschland fußt auf industriellem und technologischem Vorsprung in vielen Branchen - Vorsprung durch Technik. Unser Industriesektor hat sich in der Nachkriegsära breit und bestens aufgestellt. Und heute liegt bereits ein gutes Fundament für einen modernen Smart-Factory-Standort - mit führender IT-4.0-Technologie und zahlreichen Leuchtturm-Projekten.

Doch die notwendige Geschwindigkeit für einen Innovationsschub in der Breite fehlt ganz offensichtlich noch. Wollen wir unseren Wohlstand sichern und ausbauen, muss sich ein Mentalitätswandel hin zu mehr Risikobereitschaft schnell vollziehen.

US-Firmen vor gleichen 4.0-Herausforderungen

Die USA und Asien sind in Sachen Innovationsfreude und Risikobereitschaft eine Länge voraus - ein Vorsprung durch Technikfreundlichkeit. Doch es lohnt sich weiter, auf das Gaspedal 4.0 zu drücken. Denn der Wettlauf der Industrieländer ist noch nicht entschieden.

Aus der Praxis kann ich berichten, dass sich Fertigungsverantwortliche in den USA den gleichen Herausforderungen der digitalen Transformation stellen müssen wie deutsche. Das wurde auf dem Smart Factory World Symposium meines Unternehmens Anfang Juni im US-Regierungsinstitut DMDII in Chicago deutlich.

So arbeiten auch in den USA viele Fabriken noch mit Maschinen, die nicht vernetzt sind. Oder es sind zwar erste Maschinen digital angeschlossen, doch der Big-Data-Tsunami wird nicht beherrscht. Auch erfolgt das Stör- und Fehlermanagement mancherorts noch handschriftlich auf Papier - wie in den 90er Jahren.