Eher Evolution als Revolution

Industrie 4.0 in der Praxis

Daniela Hoffmann ist freie IT-Fachjournalistin in Berlin.
Eher Evolution als Revolution, meinen viele Unternehmen mit Blick auf die Diskussionen rund um Industrie 4.0. Trotzdem werden erste Erfahrungen gesammelt, und das technisch Machbare wird ausprobiert, wie Beispiele zeigen.

Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Bereich von Industrie 4.0, in dem es um die Vernetzung von Maschinen, Werkstücken und Informationen geht", sagt Bernd Häuser, Leiter des Zentralbereichs Fertigung bei Bosch. "Vor allem beim Thema bessere Datengenerierung und -auswertung für die Fertigungssteuerung und Prozessverbesserungen sehen wir viel Potenzial." Die Daten und ihre Analyse bildeten dabei den Dreh- und Angelpunkt.

Foto: christian42, Fotolia.com

Einige Fragen gelte es zu klären: "Wie schafft man es überhaupt, die Vernetzung mit dem Werkstück herzustellen? Und wie geht man damit um, wenn sich das Werkstück in verschiedenen Stufen des Fertigungsprozesses meldet?" Relevante Informationen aus dem Datenwust zu filtern - Stichwort Big Data und Data Mining - beschäftigt die Fertigung bei Bosch.

Dort gibt es in der Prozesskette der Halbleiterfertigung viele Fertigungsstufen, die voneinander abhängen. Prozessdaten aus einer Fertigungsstufe an die nächste zu melden läuft unter "fortschrittlicher Prozesskontrolle". Die datentechnische Verknüpfung mehrerer Prozessstufen, heute in der Halbleiterfertigung meist mit Hilfe von Manufacturing Execution Systems (MES) umgesetzt, sei eine Anwendung von Industrie 4.0, sagt der Fertigungsleiter. Eine andere die Linienlogistik, bei der jedes Werkstück Daten mit Maschinen austauscht und so durch die Fertigungsprozesse gesteuert wird oder die Prozesse selbst steuert.

Neue Datenmodelle

"Meldungen zum Zustand oder Standort von Fertigungschargen oder zum jeweiligen Ausschuss werden heute teilweise aufwendig manuell oder semiautomatisch erfasst", schildert Häuser. Können diese Daten automatisch gemeldet werden, lassen sich viele nicht wertschöpfende Tätigkeiten einsparen. Besonders viel verspricht sich der Bosch-Manager auch von der besseren Verbindung von Daten aus unterschiedlichen, oft inkompatiblen Systemen, die sich heute noch zu aufwendig gestalte.

Bernd Häuser, Bosch: „Wichtig ist, bei den Anfängen dabei zu sein, sonst wird man abgehängt.“
Bernd Häuser, Bosch: „Wichtig ist, bei den Anfängen dabei zu sein, sonst wird man abgehängt.“
Foto: Bosch

"Die Möglichkeiten von Industrie 4.0 können als wettbewerbsdifferenzierend genutzt werden", sagt Häuser. "Wichtig ist, dass man als Unternehmen jetzt, bei den Anfängen, dabei ist, sonst wird man abgehängt." Wer den Anschluss an die gerade entstehenden Standards verliere, sei draußen. Der Schlüssel, um sich innerhalb dieser Standards Wettbewerbsvorteile zu verschaffen, liege in der Frage, wie sich aus den Daten die richtigen Erkenntnisse ziehen lassen.

"Ziel des Industrie-4.0-Ansatzes ist eine noch flexiblere Steuerung der Produktion, die den Schwenk von hochvolumiger Fertigung hin zu einer Einzelsteuerung ermöglicht, bei der sich Prozessdaten schnell auf eine Maschine oder ein Gerät aufspielen lassen und zeitaufwendige Rüstvorgänge obsolet werden", erklärt Häuser. In diesen Kontext passten auch neue Techniken wie 3D-Drucker, bei denen Rüstzeiten entfielen. Wenn Maschinen sich schneller auf unterschiedliche Produkte einstellen oder umstellen ließen, rücke die individuelle industrielle Fertigung einen großen Schritt näher.

Inhalt dieses Artikels