ZEW-Studie

"Industrie 4.0" deutschen Unternehmen noch kaum ein Begriff

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Eine aktuelle IKT-Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ergab, dass deutsche Unternehmen in punkto Digitalisierung noch starken Nachholbedarf haben – sowohl, was die Umsetzung von Projekten rund um Industrie 4.0 als auch das Wissen davon betrifft.
Je höher das Umsetzungspotenzial in der Branche, desto weiter verbreitet ist der Begriff Industrie 4.0.
Je höher das Umsetzungspotenzial in der Branche, desto weiter verbreitet ist der Begriff Industrie 4.0.
Foto: Bugphai FOTO - Fotolia.com

Während das Thema Industrie 4.0 in Politik und Medien gerade en vogue ist, ist der Begriff insgesamt nur 18 Prozent der hiesigen Unternehmen überhaupt geläufig. Laut ZEW-Studie haben bislang lediglich vier Prozent der Unternehmen entsprechende digitale Projekte bereits in die Praxis umgesetzt oder planen, damit in naher Zukunft zu beginnen.

Wenig überraschend korreliert die Kenntnis von Industrie 4.0 mit der Größe und Branchenzugehörigkeit des Unternehmens. So ist der Begriff in Branchen mit einem hohen Umsetzungspotenzial wie der ITK-Branche, der Elektroindustrie und dem Maschinenbau durchaus einer Großzahl an Firmen geläufig. Und unabhängig von der Branche kennt die Hälfte der befragten Unternehmen mit mindestens 500 Mitarbeitern den Term Industrie 4.0, fast ein Viertel setzte bereits ein entsprechendes Projekt um oder plant dies zumindest. Zum Vergleich: Bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen liegt der Anteil mit Digitalisierungsprojekten oder Planungen zwischen drei und elf Prozent.

Weitere Erkennisse der Umfrage:

  • Cloud Computing wird äußerst heterogen über diverse Branchen hinweg eingesetzt und von insgesamt 20 Prozent der Unternehmen genutzt. Am stärksten verbreitet ist die Nutzung in der ITK-Branche (45 Prozent), Schlusslicht ist die Metallindustrie mit gerade einmal sechs Prozent

  • Datensicherheit ist für insgesamt 78 Prozent der Unternehmen bei der Nutzung von Cloud Computing ein Risikofaktor. Zudem geht jeweils mehr als ein Drittel geht davon aus, dass dadurch internes IT-Know-how verloren geht und dadurch dem Unternehmen kein zusätzlicher Nutzen entsteht;

  • Schnelles Internet (mindestens 50 Mbit/s) nutzen insgesamt 25 Prozent der Unternehmen. Im Detail wird eine hohe Bandbreite besonders in der ITK- und der Medienbranche nachgefragt. Aber auch im Fahrzeugbau, der Chemie- und Pharmaindustrie, den Finanzdienstleistungen sowie den Unternehmensdienstleistungen nutzen mehr als 30 Prozent der Unternehmen schnelle Internetzugänge;

  • Mobile internetfähige Endgeräte ergänzen immer mehr die konventionelle Arbeit an einem festen Rechner. Der Anteil der Beschäftigten mit Internet-Zugang (56 Prozent) blieb jedoch in den letzten fünf Jahren konstant;

  • Homeoffice bieten zwar insgesamt 46 Prozent der Unternehmen an, wird aber nur von insgesamt acht Prozent der Beschäftigten genutzt. Bei nur vier Prozent der Firmen steht es allen Beschäftigten offen;

  • Erreichbarkeit außerhalb regulärer Arbeitszeiten erwarten mehr als die Hälfte der Unternehmen zumindest von einem Teil ihrer Beschäftigten;

  • Big Data-Analyse, die Auswertung großer Datenmengen aus unterschiedlichen Quellen in Echtzeit, wird von insgesamt 18 Prozent der Unternehmen eingesetzt, besonders hoch ist der Anteil im Finanzsektor (44 Prozent), im Fahrzeugbau (25 Prozent) sowie in der Chemie- und Pharmabranche (24 Prozent). Während Big Data-Analysen in Unternehmen ab 250 Beschäftigten bereits eine relativ weite Verbreitung (49 Prozent bzw. 58 Prozent) gefunden haben, liegt die Nutzung bei den Kleinunternehmen nur bei rund 13 Prozent;

  • Social-Media-Anwendungen wie Online-Netzwerke, Kurznachrichtendienste oder Blogs nutzen insgesamt 44 Prozent der Unternehmen - mehr als doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Auch hier steigt die Verbreitung mit der Unternehmensgröße.

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Für die IKT-Umfrage 2015 des ZEW wurden rund 4500 Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe sowie aus ausgewählten Dienstleistungssektoren befragt. Die Ergebnisse der Erhebung sind geschichtet hochgerechnet auf die Grundgesamtheit aller Unternehmen bzw. Beschäftigten der betrachteten Branchen mit mindestens fünf Beschäftigten in Deutschland. Der vollständige IKT-Report 2015 findet sich hier zum Download.

 

Olaf Barheine

Ja, das Buzzword „Industrie 4.0“ ist in Medien und Politik en vogue; aber auch halt nur dort. In den Entwicklungs- und Forschungsabteilungen nennt das kein Mensch so. Dort geht es um die Technik, die dahinter steckt. Vermutlich wissen viele Ingenieure nicht einmal, dass das, was sie da entwickeln, von Politik und Pressevertretern als „Industrie 4.0“ bezeichnet wird.

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