Der beste Grund für Standards ist ein ökonomischer

In offenen Systemen läßt sich Software gut wiederverwenden

10.04.1992

Bei der Xtra-Bedarfsumfrage 1991 der X/Open gaben weniger als ein Drittel der leitenden Angestellten an, die Vorzüge offener Systeme nicht zu erkennen. Es erhebt sich also die Frage, welche -plausiblen ökonomischen Argumente sich dem Management vortragen lassen, um ihre Zustimmung zu offenen Systemen zu gewinnen.

Beim US-Verteidigungsministerium (DoD) ist dieses Thema von nicht geringem Interesse. Während die Argumente für offene Systeme emotional abgesichert sind, lassen sie sich ohne stichhaltigen Nachweis wirtschaftlicher Vorteile nicht verkaufen. Zwar besitzen sie in mehr als einer Hinsicht Vorzüge, doch liegt der Hauptvorteil eines offenen Systems in der Software. Die Planung des DoD sieht eine Steigerung der Software-Ausgaben von derzeit über 15 Milliarden US-Dollar auf jährlich über 45 Milliarden US-Dollar vor.

Schaut man sich an, wie sich diese Ausgaben zusammensetzen, erweisen sich die wachsenden Wartungsaufwendungen als ausschlaggebender Faktor. Sie kommen hauptsächlich dadurch zustande, daß die einzelnen Software-Anschaffungen Inseln darstellen, für deren Konzipierung und Wartung Spezialisten gebraucht werden. Bei Hunderten von Wartungseinheiten, die mit jeweils ganz spezifischen Wartungsproblemen zu tun haben, besteht also keine Möglichkeit, die Ressourcen über alle Anwendungen gleichmäßig zu verteilen.

Bei der Frage, wie das DoD während der nächsten 15 Jahre und darüber hinaus seine derzeitigen Ausgaben konstant halten kann, ergibt sich als einzige wirtschaftlich vorteilhafte Lösung die Wiederverwendung von Software.

Was bedeutet nun Wiederverwendung von Software? Es handelt sich um ein Konzept, das im Bereich der Software und Informationstechnik bisher weitgehend außer acht gelassen wurde. Für das DoD zumindest umfaßt diese Strategie neben der Speicherung von Codeelementen auch die Archivierung von Anforderungen, Entwürfen, Tools, Dokumentationen und Testreihen.

Denn ein Blick auf ein typisches Projekt macht deutlich, daß die Programmierungskosten, bezogen auf das Gesamtprojekt, an Signifikanz verlieren. Was vielmehr immense Kosten verursacht, ist die Dokumentationsumgebung, insbesondere die Test- und Prüfungsdokumentation.

Natürlich erstreckt sich die Wiederverwendbarkeit nicht allein auf den Bereich der Implementierung, sondern, was weit wesentlicher ist, auf den der Designstandards. Neben dem Code wird auch das Design wiederverwendet. Offene Systeme machen eine derartige Modularität möglich, da der Anwender während des Übergangs zur Wiederverwendbarkeit Interoperabilität erreichen und seine Anwendungen allmählich in diese flexiblen Designschablonen übertragen kann.

Zur Realisierung einer Strategie der Wiederverwendbarkeit hat das DoD eine Verteilerbibliothek eingerichtet, auf die Mitarbeiter von über 60 entfernten Entwicklungsstandorten elektronisch zugreifen können. Die Masterkopien aller Komponenten befinden sich an zentraler Stelle, wo sie gewartet und geschätzt werden; Kopien existieren an den anderen Standorten. Diese liefern ihre Komponenten an die Zentralstelle, die ihrerseits aktualisierte und neue Komponenten verteilt.

Eine Möglichkeit, die Spitzen-Manager für die Strategie der Wiederverwendbarkeit in offenen Systemen zu gewinnen, besteht darin, Software als Vermögenswert zu präsentieren. Das Management muß erkennen, wie sich durch die Wiederverwendung von Software die Produktivität steigern läßt, weil die Dinge schneller, besser oder auch - wenn sie sich als unnötig herausstellen - Oberhaupt nicht erledigt werden.

Dabei darf nicht unerwähnt bleiben, daß Software-Wiederverwendung maßgeblich zur Wirtschaftlichkeit offener Systeme beiträgt. Dies sind Vorzüge, die sich dem Topmanagement eingängig aufzeigen und nahebringen lassen - Argumente, die greifbar und begreiflich sind.

Um plausibel darzulegen, wie sehr sich Investitionen in offene Systeme auszahlen, darf ein Hinweis auf den Restwert, sprich: die Wiederverwendung, keinesfalls fehlen. Gerade die Dauerhaftigkeit der eigentlichen Softwarekomponente ebnet dem Unternehmen den Weg zur Reduzierung der laufenden Kosten und ermöglicht die Flexibilität, die dem Kunden bisher nicht geboten wird.

Einer der heiklen Punkte im Plädoyer für offene Systeme ist die Amortisation, die sich möglicherweise erst nach Ablauf der üblicherweise herangezogenen Ein- oder Zweijahresfrist bemerkbar macht. Offene Systeme zeichnen sich dadurch aus, daß sie die Wartungskosten mindern, die wirtschaftliche Nutzungsdauer verlängern und die mit der Umstellung verbundenen Migrationskosten reduzieren.

Nach Schätzungen des DoD ist bei offenen Systemen, sofern die betrieblichen Funktionen die gleichen bleiben, nach Ablauf eines sechsjährigen Planungszyklus eine Datenaustauschbarkeit von 60 Prozent erreicht. Folglich werden 40 bis 60 Prozent des errechneten diskontierten Cash-Flows nicht aus Front-end-Einsparungen resultieren, sondern aus solchen langfristiger Natur.

Offene Systeme müssen Teil einer breit angelegten technischen Strategie sein, die auf allen Ebenen eines Unternehmens, also nicht nur im technischen Bereich, sondern ebenso innerhalb der Vorstands- und Management-Gremien intensiv diskutiert wird. Dies ist um so wichtiger, als die technischen Probleme im Zusammenhang mit offenen Systemen zwar weiterhin bestehen und zu bewältigen sind, das Haupthindernis auf dem Weg zu offenen Systemen sehr bald jedoch weniger in der Technik selbst als vielmehr auf der Entscheidungsebene zu suchen sein wird,

Der Krieg der Zukunft ist ein Informationskrieg. Information wird der Wettbewerbsvorteil jedweder Verteidigungsstrategie des 21. Jahrhunderts sein. Daher müssen wir offene Systeme nicht länger nur als etwas Erstrebenswertes ansehen, sondern zugleich als etwas äußerst Gewinnbringendes. Äußerst gewinnbringend aber können sie nur dann sein, wenn das Management offene Systeme nicht etwa nur als taktischen Schachzug begreift, sondern als ein langfristiges Engagement. Prinzipien des US-Verteidigungsministeriums für die Systemplanung:

- Command- und Control-Anforderungen sowie funktional-ökonomische Analysen sind maßgebende Faktoren für das Design, sofern Sicherheit und Überlebensfähigkeit nicht den Vorrang erhalten.

- Schnelle, evolutionäre, prototypgesteuerte Implementierung innerhalb einer allgemein definierten Strategie. Effektive Vielfalt entsteht aus Standardelementen.

- Technisches Ziel sind anbieterunabhängige Systeme mit Interoperabilität, zentraler Dateneingabe, Standard-Datenelementen und anwenderseitig freier Wahlmöglichkeit innerhalb von Standards, die unabhängig vom Einsatz auf alle Systeme anwendbar sind.Die Doktrin der evolutionärer Systembeschaffung

- Betriebsverbesserungen sind ein kontinuierlicher Prozeß.

- Ein besseres Produkt erfordert zunächst eine Veränderung des Betriebsprozesses.

- Systeme sind ein Mittel der Neukonzeptionierung von Betriebsprozessen.

- Ständige Kostensenkung erfordert ständige Finanzplanung.

- Vertretbarkeit stützt sich auf risikoabhängigen diskontierten Cash-flow.

- Inkrementelle Gewinne lassen sich durch betriebliche Lernprozesse erzielen.

- der Management-Prozeß bestimmt Betriebskosten. - Die Prozeßverbesserung lenkt Automation und Kosten.

- Die Qualität der Ausführung bestimmt das Betriebsergebnis.

Definition von Software-Wiederverwendung

Zuvor entwickelte Software-Lebenszeit-Komponenten können auf ein neues System oder die Erweiterung beziehungsweise Verbesserung eines bestehenden Systems angewendet werden. Dieses umfaßt:

- Anforderungen,

- Entwürfe,

- Implementierungscodes,

- Tools,

- Dokumentation,

- Testreihen und

- sonstiges (Textabsätze, Formulare, Zusammenfassungen).