Arbeitswelt

In der Multitasking-Falle

ist freie Wirtschaftsjournalistin in Köln.
Nur Computer können mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen. Menschen scheitern daran oft kläglich. IT-Profis gehören zur besonders gefährdeten Spezies.
Multitasking ist ein Kampf gegen Windmühlen, warnen Psychologen.
Multitasking ist ein Kampf gegen Windmühlen, warnen Psychologen.
Foto: rubysoho/Fotolia.com

Googeln im Teammeeting, Simsen während des Geschäftsessens, Twittern im Fußballstadion. Alles kein Problem. Und Kinder sitten im Home-Office geht auch mit links. So zumindest der Plan... Viele IT-Fachkräfte spüren heute ihre Doppelverantwortung in Firma und Familie und wollen zwischen Cloud-Computing, Kundenmeeting und Kindergartenfahrten gern alles auf einmal erledigen.

Eine ganz schlechte Idee, wie Experten finden. "Männer sollten nicht in dieselbe Falle tappen wie Frauen", warnt Corinne Baumgartner, Geschäftsführende Partnerin der Beratungsgesellschaft Conaptis in Zürich. Frauen stressten sich bereits seit Jahrzehnten mit dem Anspruch, multitaskingfähig zu sein. Und genauso lange scheiterten sie daran. "Multitasking ist ein Kampf gegen Windmühlen", so die Psychologin. Und den könne niemand gewinnen.

Multitasker fühlen sich erschöpft und überfordert

Besonders gefährdet sind IT-Profis. Da wird geklickt und geliked, gechattet und gebloggt, gesimst und gemailt, was das Zeug hält. Je mehr Geräte in Griffweite sind, desto mehr verführen sie die Besitzer, ihre Arbeit zu unterbrechen. Jede SMS, jeder Tweet, jede Mail stört die Tätigkeit, mit der man gerade beschäftigt ist. Nur ein Computer kann mehrere Tasks gleichzeitig erledigen. Menschen macht Multitasking krank. Das Gehirn muss ständig zwischen den Aufgaben hin und herschalten, was anstrengend ist und auch gefährlich sein kann. "Multitasker trainieren sich eine Aufmerksamkeitsstörung an", warnt Hirnforscher Professor Manfred Spitzer. Ein Psychologenteam der Universität Leipzig hat herausgefunden, dass sich Multitasker erschöpft, frustriert und überfordert fühlen. Sie brauchen länger, um ihre Aufgaben zu erfüllen und machen dabei auch mehr Fehler. Mit dem Versuch, alles gleichzeitig zu erledigen, " trauen wir uns mehr zu, als wir können", ist Beraterin Baumgartner überzeugt. Schuld daran seien die eigenen hohen Ansprüche - und die menschliche Neugier. "Sie treibt uns dazu, auf jede neue Mail oder SMS zu schielen." Außerdem seien wir bei schwierigen Aufgaben für jede Form der Ablenkung dankbar.

Annette Cezanne, Bechtle: "Es ist ein Trugschluss, schneller zu sein, wenn man alles parallel bearbeitet."
Annette Cezanne, Bechtle: "Es ist ein Trugschluss, schneller zu sein, wenn man alles parallel bearbeitet."
Foto: Bechtle

In der IT-Branche kommen zusätzlich die hohen Anforderungen von Arbeitgebern und Kunden dazu. So wie beim IT-Dienstleister Bechtle in Neckarsulm. Viele der Mitarbeiter sind vertraglich verpflichtet, in bestimmten Zeitgrenzen erreichbar zu sein. Die Firmenregel schreibt vor, auf alle Mails innerhalb von 24 Stunden zu reagieren. "Da steigt sicher die Versuchung, alles gleichzeitig erledigen zu wollen", sagt Anette Cezanne, Leiterin der Personalentwicklung bei Bechtle. "Doch es ist ein Trugschluss, schneller zu sein, wenn man alles parallel bearbeitet."

Gefühlt jedoch scheinen Beschäftigte oft keine andere Wahl zu haben. "Wenn sich um einen herum alle Räder drehen, kann man sich im eigenen Hamsterrad schlecht abkoppeln", sagt Professor Christian Scholz, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Besserung scheint derzeit nicht in Sicht zu sein - im Gegenteil. Laut DGB-Studie "Gute Arbeit 2012" haben 63 Prozent aller Vollzeit arbeitenden Männer den Eindruck, in den letzten Jahren immer mehr Aufgaben in derselben Zeitspanne abarbeiten zu müssen. Damit liegen sie nur knapp hinter ihren Kolleginnen (69 Prozent). In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen und einen berufliche Belange über das Smartphone rund um die Uhr verfolgen, verwundert das nicht.