Eine private Hochschule wird zur Gründerschmiede

Immer mehr Absolventen packt das Internet-Fieber

14.04.2000 | von Gabriele Müller
Der Internet-Gründungsboom in Deutschland, so scheint es, hat viel mit einem Kürzel aus drei Buchstaben zu tun: WHU. Aus der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung in Vallendar bei Koblenz sind in der letzten Zeit eine ganze Reihe von jungen Firmen hervorgegangen, die von sich reden machen. Von Gabriele Müller*

Am Anfang stand der Frust. In der Bibliothek nicht vorhanden, im Laden nicht zu bekommen oder schlicht unbezahlbar: Mit diesen Hindernissen hatte Boris Wertz als Student oft zu kämpfen, wenn er vor einer Prüfung Fachliteratur suchte. Aus dem Ärgernis wurde schließlich eine Geschäftsidee. Mit dem Internet-Service "Justbooks.de GmbH" (www.justbooks.de) ziehen der 26-Jährige und seine Freunde Malte Brettel, 32, Hannes Blum, 31, Florian Heinemann, 23, und Christian Langer, 28, nun von Düsseldorf aus einen schwunghaften Handel mit antiquarischen Druckwerken im World Wide Web auf. "Wer gebrauchte Bücher günstig und bequem kaufen oder verkaufen möchte, der ist bei uns genau richtig", verspricht Wertz.

540 000 Neugründungen

Die Idee ist einfach und funktioniert ähnlich, wie bei anderen Buchhandlungen im Web auch: Name des Autors oder Stichwort eingeben oder den Katalog nach bestimmten Kategorien durchsuchen und schauen, was angeboten wird. Damit der Spaß bei der Sache nicht zu kurz kommt, darf auch gefeilscht werden - solange bis sich Anbieter und Käufer einig sind. Seit der Gründung im Oktober 1999 haben es die fünf schon geschafft, über 400 000 Titel bei Justbooks zu versammeln.

"Das ging aber nur, weil wir inzwischen mit mehr als 40 professionellen Antiquariaten zusammenarbeiten", erklärt der frisch gebackene Firmenchef. In Zukunft will er mit Verlagen kooperieren, um das Angebot weiter auszubauen und irgendwann Europas führender Anbieter von gebrauchten Büchern im Internet zu werden.

Rund 540 000 Neugründungen, hat das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn ermittelt, gab es 1998 in Deutschland. Über 40 Prozent davon waren im Bereich Dienstleistungen aktiv. Die Hitliste wird dabei längst nicht mehr von Sonnenstudios, Waschsalons oder mobilen Pflegediensten angeführt. Multimedia-Firmen, Softwarehäuser, Marketing-Firmen und Internet-Dienstleister holen kräftig auf.

Allerdings ist das Medium Internet allein noch keine Garantie für den unternehmerischen Erfolg, Ideen sind hier ebenso wichtig wie in anderen Branchen auch. Noch so gute fachliche Qualifikationen helfen wenig, wenn die Marktkenntnis fehlt. Kaufmännisches Know-how, Geldgeber und eine Unternehmensstrategie, die auch in der ersten Flaute trägt, sind unerlässlich. Genau das aber lernen die wenigsten Gründer in ihrer Ausbildung.

An der privaten Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung in Vallendar ist der Name Programm. Die rund 280 Studenten werden von elf Lehrstuhlinhabern und rund 30 externen Dozenten in BWL ausgebildet, das unternehmerische Element ist Teil des Lehrplans. Der Erfolg zeigt sich in einer wahren Welle von neu entstandenen Firmen, deren Inhaber alle hier ihr Diplom erworben haben.

Von der Sushi-Bar bis zum Internet-Auktionshaus reiche die Palette der Gründungen, weiß der Rektor der WHU, Professor Klaus Brockhoff, der bis 1999 noch in Kiel lehrte. "24 unserer Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter haben in den letzten Jahren Unternehmen gegründet, und wir kennen von unseren ehemaligen Absolventen rund 40, die als Unternehmer oder Miteigentümer von Familiengesellschaften tätig sind." Am meisten Furore gemacht haben die WHU-Absolventen und Gründer von Alando, das heute Ebay Deutschland heißt und eines der erfolgreichsten Online-Auktionshäuser ist.

Eine Hochschule als Schmiede für Internet-Experten? "Richtig ist", so Professor Brockhoff, "dass dieses Medium eine große Faszination auf unsere Studenten ausübt und eine Plattform für die Gründung von Unternehmen schafft, ohne dass man eine technische oder naturwissenschaftliche Idee als Grundlage benötigt. Das bietet auch Betriebswirten viel mehr Möglichkeiten als bisher." Aber erklärt das dieses Phänomen? Oder grassiert an der WHU nicht doch ein geheimnisvoller Virus, der zu Gründungen beflügelt? "Nein", sagt Chris Schroers, Mitbegründer der Kölner Econia.com AG, einer Internet-Plattform für gewerbliche Anbieter und Käufer. "Wir glauben aber, dass die Zeit für Internet-Gründungen im Moment einfach reif ist." Denn neben einer wachsenden Akzeptanz bei den Online-Nutzern gebe es auch erfolgreiche Vorbilder für Web-Handelsplattformen in den USA.

Studium an Partner-Unis ist Pflicht

Sich mit diesen vertraut zu machen ist an der WHU Pflicht. Nach Grundstudium und Betriebspraktikum geht es für ein Jahr an zwei Partner-Universitäten im Ausland. Ein Semester wird ein Master of Business Administration-(MBA-) oder Graduiertenprogramm an einer englischsprachigen Universität belegt, ein weiteres an einer anderen Partnerhochschule. Japanisch, Chinesisch, Portugiesisch, Italienisch oder Russisch stehen neben den allgemeinen Wirtschaftsfächern auf dem Programm. Während dieses Auslandsstudiums wird zudem ein dreimonatiges Praktikum absolviert.

"Während den Auslandssemestern lernt man erfolgreiche Geschäftsmodelle sowie die Trends und Wirtschaftssysteme in anderen Ländern kennen", erinnert sich Schroers. Manchmal kristallisierten sich dabei schon die ersten Geschäftsideen heraus. So auch bei den vier Econia-Gründern Markus Berger, Chris Schroers, Christian Schulte und Maik Stockmann, die sich von amerikanischen Vorbildern anregen ließen und sich nach ihrem Diplom im Sommer 1999 gegen lukrative Jobs bei einer Unternehmensberatung entschieden. Vor wenigen Wochen ist ihr Online-Marktplatz ans Netz gegangen. "Wir sind keine Preisagentur, sondern ein Informationsvermittler, der Einkäufer und Produktanbieter zusammenbringt", schildert Schroers das Prinzip. Dort sollen Einkäufer Produkte ausschreiben, die durch Typ, Produktname oder Eigenschaften möglichst klar zu charakterisieren und zu vergleichen sind. Büroeinrichtungen, Fahrzeuge, Versicherungen, Kleinmaschinen oder Halbfertigteile etwa stellen sich

die Macher von Econia. com vor. Sie suchen dann in ihrer Datenbank für den Einkäufer möglichst viele Lieferanten, die dessen Kaufanfrage beantworten. Preisverhandlungen und Kaufabschlüsse sind Sache der beiden Vertragsparteien. Eine Gebühr erhebt Econia.com nur vom Einkäufer.

Anfängliche Durststrecke

Auf den skeptischen Einwurf, dass kaum eines der Unternehmen bislang mit E-Commerce Geld verdient, reagieren die Betreiber von Justbooks und Econia eher gelassen. Sie sind sicher, auch eine anfängliche Durststrecke durchstehen zu können. Zudem vertrauen sie auf die Kontakte und Diskussionen in der studentischen Entrepreneurship-Gruppe, die es an der WHU gibt und in der sich potenzielle Gründer austauschen. "Hilfreich ist aber auch der Kontakt zu den Ehemaligen, dem Alumni-Club", berichtet Schroers. Hier gibt es nicht nur Rat, sondern auch Tat, etwa in Form von Finanzierungshilfen und Beteiligungen für junge Firmen. Solche Unterstützung hat auch Econia in Anspruch genommen.

Aber auch die Hochschule selbst tut einiges, um ihre Absolventen gut gerüstet in das Unternehmerdasein zu entlassen. Kurse, in denen die Aufstellung von Business-Plänen geübt wird, sind fester Bestandteil des Lehrplans. Das Gelernte können die Verfasser bei internationalen Wettbewerben testen. Stolz ist nicht zu verkennen, wenn Rektor Brockhoff darauf hinweist, dass der Business-Plan-Wettbewerb Mootcorp der University of Texas in Austin schon viermal von den WHU-Studenten gewonnen wurde und vor zwei Jahren auch der Gründerwettbewerb der Firma L’Oréal.

Für das Frühjahr plant die Hochschule die Eröffnung eines Zentrums für Unternehmertum und Existenzgründung mit einer eigenen Professur und einem geschäftsführenden Direktor, der sich um die praktische Gründungsberatung kümmern soll.

*Gabriele Müller ist freie Journalistin in Wuppertal.