Im Zickzack wieder nach oben

23.04.2002
Von Mirjam Müller
Mitarbeiter von Internet-Startups haben in den letzten Monaten einiges mitgemacht: Zuerst die große Euphorie, dann der Niedergang, und jetzt die Suche nach dem soliden Job. Mit einer gehörigen Portion Biss geht es weiter.

Ralf Peters ist 34. Der Informatiker hat eine der ganz steilen New-Economy-Karrieren gemacht. Noch als Student gründete er mit seinem Partner Torsten Wegener 1990 das IT-Unternehmen "Data Design Wegener & Peters", später DD Synergie, das als Full-Service-Dienstleister die Integration von Standardsoftware verschiedener Hersteller für internationale Kunden erledigte.

Die Chefetage des IT-Dienstleisters Nextevolution: Jürgen Kleinsteuber, Jens Peter Hess, Lutz Küchenmeister, Ralf Peters (v. links nach rechts).
Die Chefetage des IT-Dienstleisters Nextevolution: Jürgen Kleinsteuber, Jens Peter Hess, Lutz Küchenmeister, Ralf Peters (v. links nach rechts).

Die Geschäfte liefen blendend. Und doch hätte den Jungunternehmer um ein Haar das Schicksal vieler Startup-Gründer ereilt: Von der Uni direkt in den Chefsessel und im Zuge der großen Krise nach wenigen Jahren das Aus. Denn als sich DD Synergie 1999 für die Markteinführung ihres Produktes auf die Suche nach einer Wachstumsfinanzierung begab, kam es zu einer fatalen Liaison: "Uns wurde von allen Seiten zu einem starken Partner aus der Boom-Branche Internet geraten", erinnert sich Informatiker Peters. Die Wahl der Hamburger fiel auf die damals hoch bewertete Popnet Internet AG.

Im Dezember 2000 verkauften die Gründer ihre Firma per Aktientausch an das Neue-Markt-Unternehmen. "Leider wurde schnell klar, dass die liquiden Mittel bei Popnet nicht in der angekündigten Höhe zur Verfügung standen", sagt Peters. Durch die gesamtschuldnerische Vertragsgestaltung verschwanden fortan die Gewinne aus der profitablen Geschäftseinheit DD Synergie E-Solutions im schwarzen Loch der Popnet-Kasse. In den ersten acht Monaten des vergangenen Jahres erzielte DD Synergie als IT- und Systemhaus für Knowledge-Integration bei einem Umsatz von mehr als zwölf Millionen Euro ein Ebit von gut drei Millionen Euro. Dennoch blieb, als Popnet Ende November 2001 Insolvenz anmeldete, der DD Synergie der Gang zum Konkursrichter nicht erspart.

Statt um seinen damit obsoleten Job zu trauern, krempelte Peters die Ärmel hoch und sicherte nach der Devise "Retten, was zu retten ist" quasi über Nacht neben dem eigenen auch die Arbeitsplätze der Mitarbeiter in seinem Unternehmens. "Das ging alles ganz schnell. In weniger als einer Woche gründeten wir die Nextevolution AG, trieben einen kompetenten Investor auf, mieteten neue Büros und machten allen 110 Mitarbeitern ein Übernahmeangebot. Danach arrangierten wir in Verhandlungen mit der beteiligten Commerzbank, dem Insolvenzverwalter, einen Management-Buy-out für den Hauptgeschäftsbereich der DD Synergie."

Unkonventionelle Rettungsaktion

Mehr als 90 Prozent haben Peters und seinem neuen Vorstandskollegen Jürgen Kleinsteuber vom Mehrheitsaktionär Impala das Vertrauen ausgesprochen und arbeiten heute unter dem neuen Namen für ihre alten Kunden. "Wir haben nur einen unserer Großkunden verloren, alle anderen sind uns auch in der schwierigen Phase Ende vergangenen Jahres treu geblieben." Und nicht nur darauf ist Peters stolz: "Von den Mitarbeitern ist nur einer gegangen. Dagegen stehen fünf Neueinstellungen. So aufgestellt werden wir 2002 Umsätze in Höhe von 15 Millionen Euro erreichen."

Für solche unkonventionellen Rettungsaktionen ist nicht jeder geeignet. "Unternehmer ist man nicht im Rahmen der gesetzlichen Arbeitszeiten", meint Peters. "Bei einer Übernahme in Krisenzeiten muss das Management in der Lage sein, das Team zusammenzuhalten und gemeinschaftliche Entscheidungen zu treffen, ohne zum Debattierclub zu verkommen." In der gebeutelten Branche dürfte es die eine oder andere Perle geben, bei der sich ein solches Engagement lohnen würde. "Wichtig ist, dass Kundenkontakte und Vertriebserfahrung bestehen und das Angebot auf die Bedürfnisse der Kunden ausgerichtet wird", rät Wieder-Unternehmer Peters. "Außerdem muss die Profitabilität des Geschäftsmodells auch nach außen darstellbar sein - sonst wird die Investorensuche zum Problem."

 Auch wer nicht gleich 100 Arbeitsplätze retten will, sondern einfach nur einen Job für sich selbst sucht, hat es derzeit schwer: Unternehmen schrauben ihre IT-Budgets zurück, die einstigen Stars unter den Internet-Agenturen sind zahlungsunfähig, einzelne Bundesländer melden erste arbeitslose GreenCard-Inhaber, und so manche Hightech-Unternehmen haben den Rotstift bei der Belegschaft angesetzt. Noch vor eineinhalb Jahren undenkbar, sind arbeitslose Finanzvorstände, Manager, Webdesigner und Programmierer heute keine Seltenheit mehr.

"Es gab zwar auch in der Boomphase von Frühjahr 2000 bis Anfang 2001 unter den IT-Kräften gut 30 000 Arbeitslose. Inzwischen sind es allerdings deutlich mehr", erklärt Stephan Pfisterer, der beim Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) den Arbeitskreis Bildung und Arbeit leitet. "Und viele der angekündigten Stellenreduktionen werden erst in den kommenden Monaten wirksam."

Kampagne in eigener Sache

Für die Arbeitslosen der IuK-Branche gilt, was allgemein bei der Jobsuche sinnvoll ist: Wer seinen Arbeitsplatz verloren hat, sollte nicht die Hände in den Schoß legen, sondern eine Kampagne in eigener Sache starten. Zu den Sofortmaßnahmen zählen der Kontakt zu Personalberatungen oder Headhuntern sowie die Aktivierung des privaten Netzwerks aus Freuden, Bekannten und Kollegen. Außerdem sollten Arbeitslose ihr Profil in den großen Internet-Stellenbörsen eintragen und ihren Namen in der Branche bekannt machen. Das funktioniert mit Vorträgen und Aufsätzen in Fachzeitschriften ebenso wie über Verbandsarbeit oder den Besuch von Business-Veranstaltungen.

Auch Initiativbewerbungen können zum Traumjob führen - nicht alle offenen Stellen finden sich in Zeitungen oder im Internet. Solche Schreiben müssen allerdings individuell auf die jeweilige Firma abgestimmt sein. Offensichtliche Serienbriefe versprechen wenig Erfolg. Stephan Pfisterer rät Jobsuchern vor allem zu mehr Flexibilität: "Arbeitnehmer sind heute aufgefordert, auch örtlich beweglich zu sein. Im Rhein-Main-Gebiet und in Süd- und Südwest-Deutschland ist die Situation deutlich besser als etwa in Berlin oder den neuen Bundesländern.

"Schlechte Chancen für "Halbfertige"

Im Bereich der Soft Skills hält der Bitkom-Mann "Dienstleistungsmentalität, ein hohes Maß an Kundenorientierung und die vielbeschworene Teamfähigkeit" für unverzichtbar: "Jobs für Computerfreaks, die isoliert vor sich hin programmieren, gibt es kaum. Mit technisch interessanten Lösungen, die am Kunden vorbei entwickelt werden, kann man sich heute nicht positionieren." Auch wenn es mit der neuen Stelle nicht auf Anhieb klappt, können Bewerber die Zeit sinnvoll nutzen. Das Stichwort heißt Qualifizierung.

Lutz Goertz, Leiter der Abteilung Aus- und Weiterbildung beim Deutschen Multimedia Verband (dmmv), teilt die neuen Arbeitslosen in zwei Gruppen ein: "die ,hochqualifizierten Kräfte` mit Studienabschluss und Berufserfahrung und die ,Halbfertigen´, die vor allem im Jahr 2000 ihre Ausbildung für einen der gutbezahlten Jobs in der IT- und Internet-Branche abgebrochen haben". Letzteren rät der Experte dringend zur Weiterbildung. "Das neue JobAqtiv-Gesetz bietet da auch für längerfristige Maßnahmen deutlich verbesserte Möglichkeiten." Bei der Wahl der richtigen Weiterbildungsakademie hilft der dmmv, der auf seinen Internet-Seiten die Adressen von zertifizierten Anbietern veröffentlicht hat.

Für manchen Jungarbeitslosen lohnt sogar der Schritt zurück zur Universität: "Die magische Grenze ist etwa bei Mitte zwanzig. Für Jüngere kann sich die Rückkehr an die Uni oder Fachhochschule durchaus lohnen", so Goertz. "In unserem jüngsten New-Media-Service-Ranking haben alle Top-30-Unternehmen nur Bewerber mit Abschluss eingestellt." Den bereits gut ausgebildeten Jobsuchern rät Goertz, "aktiv, zielgruppenorientiert und informell" vorzugehen: "Wer bislang Projekt-Manager bei einer Internet-Agentur war, kann ein Anwenderunternehmen aus der Old Economy zum Beispiel bei der Koordination externer Dienstleister sehr gut unterstützen. Hat man nach ein wenig Recherche auf der Homepage des Unternehmens festgestellt, dass dieses seine Online-Auftritte selbst entwickelt und betreut, kann auch eine Initiativbewerbung Sinn machen."

Zumal der weitaus größere Teil der IT-Jobs aus den Anwenderbranchen kommt: Nach einer aktuellen Studie entfallen auf jede IT-Stelle in der IT-Industrie zwei bis zweieinhalb in anderen Branchen. An erster Stelle stehen für den dmmv-Mann allerdings die informellen Branchen-Kontakte. "Das Recruiting läuft, anders als noch vor einem Jahr, verstärkt über persönliche Kontakte. Da erinnert sich jemand gerne schon einmal an alte Bekannte, nachdem er die Meldung von einer Insolvenz gelesen hat." Jobschwierigkeiten können aber durchaus auch positive Aspekte haben.

"Wenn jemand in der Krise seinen Job verloren hat oder wechseln musste, ist das nicht unbedingt ein Makel", meint Lutz Goertz. "Im Gegenteil: Mancher hat im Jammertal seine Soft Skills optimiert. Denn die Krise ist nicht vom Himmel gefallen. Die Branche hatte neun bis zehn Monate Zeit, sich darauf einzustellen, und die Multimedia-Schaffenden haben in dieser Zeit einige der schlechten Eigenschaften abgelegt, die ihnen zur Hochzeit der New Economy nachgesagt wurden. Außerdem schätzen viele Chefs Mitarbeiter, die bereits eine Krise bewältigt haben, mehr als die mit den ganz glatten Karrieren."

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Alexandra Zisterer
Alexandra Zisterer

Manche haben die schwierigen Zeiten auch genutzt, um über alternative Konzepte nachzudenken. So wie Alexandra Zisterer. Jobsorgen kannte die 31-Jährige bislang nicht. Als hochqualifizierte Fachkraft für Investor Relations hat sie sich bislang um die Finanzkommunikation für verschiedene IT- und Internet-Firmen gekümmert. Mitte vergangenen Jahres kündigte die Diplomkauffrau ihren gutbezahlten Job bei einem Hamburger Unternehmen und wagte den Schritt in die Selbständigkeit.

Gemeinsam mit ihrer Partnerin gründete sie eine eigene Agentur für Investor Relations. Damit fing der Ärger an. "In Zeiten wie diesen sparen Firmen zuallererst bei den externen Dienstleistern", erklärt Alexandra Zisterer. "Wir mussten unsere Agentur schließen, weil die Aufträge eher schleppend eintrafen und unser Investor schließlich selbst in Finanznöte kam." Für die Hamburgerin kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken: "Natürlich ist es ein komisches Gefühl, erstmals wirkliche Jobsorgen zu haben. Mit etwas Kreativität findet sich aber meist eine Lösung."

Zisterers neue Geschäftsidee orientiert sich an den Sparmaßnahmen der Firmen. "Jedes börsennotierte Unternehmen hat bestimmte rechtliche Pflichten zu erfüllen. Durch extreme Kostensenkung über Netzwerke, Telearbeit und Beschränkung auf das gesetzlich Notwendige ist es möglich, diese Basisleistungen zu einem Paketpreis von monatlich 2500 Euro anzubieten.