„Im Grunde herrscht Vollbeschäftigung“

Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
Die IT-Industrie wünscht sich, dass Informatikstudenten stärker auf bestimmte Berufsbilder hin ausgebildet werden und weniger als Generalisten die Unis verlassen. Nach Ansicht von Heinrich Mayr muss es jedoch vorrangig darum gehen, Absolventen auf ein langes Arbeitsleben vorzubereiten. Mit dem GI-Präsidenten sprach CW-Redakteurin Ingrid Weidner.

CW: Der IT-Arbeitsmarkt ist am Boden. Zur CeBIT haben Sie aber junge Menschen noch ermutigt, Informatik zu studieren. Woher nehmen Sie diesen Optimismus?

Mayr: Seit Informatik Ende der 60er Jahre zur eigenständigen Disziplin wurde, gab es am Arbeitsmarkt immer ein Auf und Ab. Die strukturelle Arbeitslosigkeit von Informatikern liegt bei zwei bis drei Prozent, es herrscht im Grunde Vollbeschäftigung. Schätzungsweise gibt es pro Jahr 12000 Arbeitsplätze für Absolventen, demgegenüber schließen jährlich nur zirka 6000 ihr Studium ab. Die Lücke wird mit Quereinsteigern gefüllt. Eine Kurzsichtigkeit wie Anfang der 90er Jahre, als nach Negativmeldungen und Entlassungen die Zahl der Studienanfänger dramatisch einbrach, dürfen wir uns nicht mehr leisten. Sonst ist die nächste die Katastrophe schon programmiert.

CW: Welche Fähigkeiten benötigt ein Informatiker, und was sollte er im Studium lernen?

Mayr: Abstrahieren, also die Gegebenheiten und Probleme aus unterschiedlichen Anwendungsbereichen erkennen und diese mit Erfahrungswissen kombinieren. Informatiker müssen in Prozessen denken können. Dazu bedarf es einer ganzen Reihe von Grundlagen. Informatik ist eine Querschnitts- und Grundlagendisziplin mit formal-, ingenieur-, sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Wurzeln. Angehende Informatiker müssen ihre Werkzeuge verstehen, also zum Beispiel Software-, Rechner- und Netzwerktechnik. Dann müssen sie lernen, sich immer wieder auf neue Anwendungsbereiche einzustellen und diese zu verstehen. Ein Studium ohne den permanenten Bezug zu den Anwendungen gibt keinen Sinn, da die Informatik für die Anwendungen lebt.


Zur Person

Heinrich Mayr übernahm im Jahr 2000 das Präsidentenamt der Gesellschaft für Informatik (GI). Der 55-jährige Professor für Angewandte Informatik lehrt seit 1990 in Klagenfurt, Österreich. Seine wissenschaftliche Karriere startete er mit einem Informatikstudium an der Technischen Universität Karlsruhe.

CW: Die Industrie vermisst den Praxisbezug der Hochschulausbildung. Gibt es Lösungen?

Mayr: Zunächst: Die Universität bildet vor, nicht aus. Die Forderungen der Industrie, die Lehre immer auf die aktuellen Moden auszurichten, sind zu kurzsichtig. Nicht alles, was in ist, hat Bestand. Bewährte Ansätze und die Erfahrungen damit werden zu schnell abgewertet und vergessen, bevor sie in der Breite verstanden worden sind. Damit werden aber auch die alten Fehler immer wieder neu gemacht. Das kann schnell zu Oberflächlichkeit führen. Nicht alles, was nicht neu ist, ist altmodisch, aber da bestehen Ressentiments. Wir gehen zwar auf viele Forderungen ein, können aber nicht alle Grundlagen über Bord werfen.

CW: Wie könnte eine engere Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Wirtschaft aussehen?

Mayr: Die Universitäten müssen sich der Praxis öffnen und Kooperationen mit Unternehmen eingehen. Die Studierenden lernen dann in gemeinsamen Projekten. Grundsätzlich sind Universitäten nicht dazu da, Arbeitskräfte für die Industrie auf einen ganz bestimmten Job hin auszubilden. Wir haben die Aufgabe, Menschen auf ein langes Berufsleben akademisch vorzubilden, die Lernfähigkeit soll ja noch in 30 Jahren gegeben sein. Und das gerade in unserer dynamischen Disziplin. Wenn wir nur auf den momentanen Bedarf hin ausbilden, dann könnten diese Absolventen in zehn bis 15 Jahren die Anforderungen nicht mehr erfüllen und müssten ausgewechselt werden. Eine solche Produktion von Wegwerf-Arbeitskräften fände ich inhuman und unsozial.

CW: Welche Qualifikationen fehlen den Studierenden in ihrer Ausbildung?

Mayr: Der Sprache kommt eine wichtige Rolle in der Ausbildung zu, und damit meine ich nicht nur das Erlernen einer Fremdsprache. Ein Informatiker muss auch das Deutsche richtig beherrschen, die Präzision im Ausdruck ist bei den heutigen Abiturienten nicht besonders ausgeprägt. Wir achten in unseren Lehrveranstaltungen deshalb darauf, dass die Studierenden eine klare und präzise Ausdrucksweise erlernen.

CW: In der Arbeitslosenstatistik tauchen vermehr IT-Fachkräfte zwischen Mitte 40 und Anfang 50 auf. Sind Informatiker in diesem Alter besonders von Arbeitslosigkeit bedroht?

Mayr: Entscheidend ist, welche Vorbildung diese Menschen haben, ob es so genannte Computerexperten sind oder Programmierer, die sich in einem ganz bestimmten Bereich ausgepowert haben und keine Chance hatten, sich weiterzubilden. Oder ob sie keine Ausbildung haben, die es ihnen ermöglicht, sich schnell in neue Themenfelder einzuarbeiten. Unternehmen müssen das Wissen ihrer Mitarbeiter auf einem bestimmten Niveau halten. Nur dann können diese auch noch mit 55 oder 60 leistungsfähig sein. Es liegt nicht am Alter, dass Leute ausgebrannt sind. Umgekehrt sollten Angestellte wie Unternehmer denken, die Wissen und Leistung anbieten, die es auf einem wettbewerbsfähigen Niveau zu halten gilt. Weiterbildung ist also eine Hol- und Bringschuld.

CW: In der Realität sparen Unternehmen gerade bei der Weiterbildung. Was empfehlen Sie?

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