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IFA: Für Handy-TV zur Fußball-WM könnte es knapp werden

05.09.2005

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Man kann sich kaum eine bessere Chance für die Einführung von Fernsehen auf dem Handy in Deutschland vorstellen als die Fußball-WM 2006 - doch ein rechtzeitiger Start ist ungewiss. Probleme gibt es überall: Die Sendelizenzen sind gerade erst ausgeschrieben, die Rechte-Fragen noch nicht geklärt, eine Sende-Infrastruktur müsste erst noch aufgebaut werden. Und zudem gibt es für das leistungsstärkere der beiden möglichen Formate - DVB-H - nur wenige freie Frequenzen.

"Alle Beteiligten - T-Systems, Landesmedienanstalten, Gerätehersteller - arbeiten mit Hochdruck", sagt T-Systems-Manager Bertold Heil, der bei der Telekom-Tochter den Bereich Strategie und Geschäftsentwicklung Media & Broadcast verantwortet. T-Systems plant die technische Infrastruktur, die Medienanstalten müssen für die Sendelizenzen sorgen, die Hersteller für ausreichend Geräte - es ist eine Angelegenheit mit viel Abstimmungsbedarf. T-Systems könnte jederzeit die notwendige Infrastruktur aufbauen, es gibt aber bislang keinen Auftraggeber.

Der technische Aufbau würde zunächst einen zweistelligen Millionenbetrag kosten, sagt Heil. "Die WM wäre ein tolles Argument, Handy-TV zu starten. Mann kann aber auch so ein Ereignis nicht zum Dreh- und Angelpunkt für Investitionen in dieser Größenordnung machen." Ziel für die WM ist vorerst der Empfang in Ballungsräumen um Spielstätten. Neben dem Handy-Empfang soll es aber auch WM-Dienste der Mobilfunk-Anbieter über UMTS geben.

Derzeit gibt es zwei von der Bildqualität gleichwertige technische Standards für Handy-TV. DVB-H (H für Handheld) hat eine höhere Bandbreite und könnte dadurch bis zu 20 TV- und mehr als 100 Rundfunkkanäle ausstrahlen. Bei dem aus Asien kommenden DMB (Digital Media Broadcast) wären es zwei bis drei Fernseh- und 18 Rundfunkkanäle. Allerdings sind für DMB noch viele Frequenzen frei, während es für DVB-H nach dem Start des digitalen terrestrischen Empfangs im Moment nur wenige in einzelnen Gebieten gibt, zum Beispiel Norddeutschland oder Berlin. Damit wird zur WM nach heutigem Stand eher eine DMB-Ausstrahlung wahrscheinlich, während DVB-H sich erst 2007 oder 2008 ausbreiten dürfte. Auf der IFA sind bereits viele Empfangsgeräte zu sehen, vor allem für DMB.

Handy-TV wird die Fernsehbranche verändern, heißt es oft auf der Funkausstellung. Es entstünden drei neue Prime-Times: Weg zur Arbeit, Mittagspause, Heimweg, sagt Heil. Dafür sei eine andere Art von Inhalten notwendig, vor allem kurz, denn kaum jemand wird sich einen ganzen Spielfilm auf dem kleinen Bildschirm ansehen wollen. Die direkte Verknüpfung von Fernsehempfang und Mobilfunk in einem Gerät bietet auch große Möglichkeiten, Geld mit zusätzlichen Diensten zu verdienen.

An dieser Stelle kommen Unternehmen wie neva media des Pixelpark-Gründers Paulus Neef ins Spiel, der Sendern eine Plattform für die interaktive Ausstrahlung bieten will. Auf der IFA zeigt Neef einen Testlauf, in dem man zum Beispiel über ein Bildschirm-Menü Produkte zu einer laufenden Seifenoper kaufen kann oder sich den im Rundfunk spielenden Song herunterladen und gleich Konzertkarten bestellen. Die Menütasten auf dem Bildschirm werden dabei mit dem Programm übertragen, die Interaktion erfolgt über den UMTS-Kanal.

Auch bei neva glaubt man, dass das Handy-TV eine neue Fernsehwelt entstehen lassen wird. Bei interaktiver Werbung könnten Unternehmen gleich Kaufmöglichkeiten für ihre Produkte bieten, die andere Art des Unterwegs-Fernsehens fördert auch andere Schwerpunkte als heute zutage. Zum Beispiel hätten Umfragen ein großes Interesse an Lokalnachrichten gezeigt, sagt Neefs Geschäftspartner Bernd Curanz. Eine optimale Geschäftsmöglichkeit bietet das Handy-TV auch für Gewinnspiele. So will der Gewinnspiel-Sender 9Live so bald es geht mitmachen und zeigt auf der IFA einen Test.

Doch diese Art von DVB-H hat noch ein Problem: Es gibt bisher keine Standardisierung für interaktive Anwendungen. Das von neva und Siemens auf der IFA gezeigte Test-System könnte zwar die Grundlage für einen Standard bilden, die Festlegung ist aber ein langwieriger Prozess mit vielen Stufen, der bis Ende 2006 dauern könnte, heißt es auf der IFA. Das von Samsung entwickelte DMB hat zwar auch noch keine Verankerung in europäischen Standards, aber zumindest eine in Asien in Betrieb erprobte komplette Produktionskette. In der europäischen Industrie gibt es jedoch zum Teil Unbehagen bei dem Gedanken, den hiesigen Markt auch nur vorübergehend einer Firma aus Südkorea zu überlassen, heißt es in Branchenkreisen. (dpa/tc)