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Idylle in stürmischen Zeiten: Infineon weiht den Campeon ein

12.07.2006
In Zeiten des Börsen-Booms und der New-Economy-Euphorie hatte der damalige Infineon-Chef Ulrich Schumacher einen Traum von der Idylle im Grünen.

Die über ganz München verstreute Verwaltung des internationalen Chipkonzerns sollte in einen malerischen Gebäudekomplex aus Holz und Glas umziehen. "Mit diesen Faktoren schaffen wir eine Atmosphäre, die die emotionale Seite unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen anspricht und ihnen ein Gefühl des sich Wohlfühlens geben kann und soll", pries er das Projekt. Heute ist Schumacher längst aus dem Amt gejagt, vor dem Münchner Landgericht läuft ein Korruptionsprozess rund um frühere Infineon-Manager und der Konzern steht vor der Zerschlagung. Die neue Firmenzentrale Campeon aber wird an diesem Samstag (15. Juli) offiziell von Vorstandschef Wolfgang Ziebart eingeweiht.

Etwas abgespeckt wurde das Projekt Campeon (Campus+Infineon) in Zeiten der Vernunft schon. Ein höheres Gebäude für den Vorstand - im Unternehmen spöttisch "Schumacher-Tower" genannt - wurde gestrichen. Doch auch so kann sich die neue Zentrale sehen lassen. Die flachen, weitläufigen Gebäude geben dem 62 Hektar großen Areal mit 160.000 Quadratmetern Bürofläche einen campusartigen Stil, eine Kindertagesstätte fehlt ebenso wenig wie kleine Seen, Sportplätze und ein Fitness-Studio.

Der Umzug von Verwaltungspersonal und Entwicklern fand schon vor einigen Monaten statt. Allerdings stieß nicht alles, was schön klingt, in der Praxis dann auch auf Begeisterung. So klagen Beschäftigte vor allem über eine schlechte Lärmdämmung in den Großraumbüros. An den Kommunikationsinseln mit Kaffeemaschine und Wasserspender hängen Schilder "bitte leise". Ein Konzernsprecher sagte dazu, durch den nachträglichen Einbau von Trennwänden sei das Problem weitgehend im Griff.

Doch insgesamt fühlen sich die meisten der 6000 Beschäftigten auf dem Gelände wohl. "Es ist schon ganz nett geworden", sagt Michael Leppek von der IG Metall. Positiv auch für die Beschäftigten: Mit dem 400-Millionen-Euro-Neubau - Infineon ist nur Mieter - sind auch die jahrelangen Spekulationen über einen Umzug der Zentrale ins Ausland erst einmal vom Tisch. Auch die Speicherchip-Tochter Qimonda, die in den nächsten Wochen in den USA an die Börse gebracht werden soll, hat auf dem Campeon in Neubiberg im Süden Münchens bereits Räume bezogen, weitere Anbauten sind geplant.

Da die Speicherpreise zuletzt nach oben zeigten und das dritte Quartal für Infineon auch im künftigen Kerngeschäft mit Logikchips nach Einschätzung von Analysten gut gelaufen ist, können die Beschäftigten bei der Einweihung am Samstag eigentlich entspannt feiern. Noch allerdings lasten viele Unsicherheiten auf dem Konzern. Der Prozess um die Korruptionsaffäre, in deren Mittelpunkt der frühere Vorstand Andreas von Zitzewitz steht, könnte sich ausweiten.

Zudem liefern sich Ex-Chef Schumacher und der Aufsichtsratsvorsitzende Max Dietrich Kley ein juristisches Scharmützel. Kley hatte in einem Interview unter anderem behauptet, Schumacher habe an Schlafstörungen gelitten, und soll nun laut einem Gerichtsbeschluss widerrufen. Kley geht in die Berufung. Neben diesen Altlasten aus der Vergangenheit ist für den Konzern aber vor allem entscheidend, dass der Börsengang der Speichersparte glatt über die Bühne läuft. Für Spannung ist bei dem Chipkonzern somit weiter gesorgt. (dpa/tc)