Apple im Tief, geringe OS2-Akzeptanz und keine Kritik an Windows

IDC-Studie rechnet mit starkem Wachstum für Windows 3.0

31.08.1990

MÜNCHEN (CW) - Vor drei Monaten hat Microsoft Windows 3.0 auf den Markt gebracht. Die grafische Betriebssystemerweiterung für DOS-PCs schickt sich jetzt an, zum Renner in der PC-Welt zu werden und die Verbreitung des als DOS-Nachfolger geplanten OS/2 zu bremsen. In einer Kurz-Studie hat sich jetzt auch das Marktforschungsunternehmen International Data Corp. (IDC) Gedanken zur Wirkung von Windows 3.0 gemacht.

Windows 3.0 bedeutet - so die IDC - eine wesentliche Kehrtwendung für die Benutzer kompatibler PCs. Es beendet die Stagnation, die in diesem Bereich in zehn Jahren Betriebssystem-Uniformität eingetreten ist. Das neue Microsoft-Paket stellt nach IDC-Auffassung auch eine Rechtfertigung dar, auf neue leistungsfähigere PC-Systeme umzusteigen, da Windows 3.0 seinen eigentlichen Komfort erst auf ATs oder 386er PCs mit mehr als 1 MB RAM entfaltet. Außerdem könne Windows 3.0 zahlreiche "Noch-nicht-Anwender" dazu bewegen, sich einen PC anzuschaffen, da jetzt eine komfortable Benutzeroberfläche auch für preisgünstige Rechner verfügbar ist. Einen wesentlichen Grund für den Erfolg von Windows 3.0 sieht die IDC in der großen Ähnlichkeit mit der Macintosh-Oberfläche. Das werde auch dadurch bestätigt, daß Apple immer noch am Rechtsstreit in Sachen "Lookand-feel" der Benutzeroberflächen festhält und weiterhin der Meinung ist, die Rechte für derartige Schnittstellen lägen allein bei Apple. Diese Ähnlichkeiten blieben den Anwendern nicht verborgen, es spreche sich herum und jetzt kauften die Anwender Windows 3.0 quasi "unbesehen".

Weitere Gründe für den Windows-Durchbruch will die IDC in sogenannten "externen" Faktoren ausgemacht haben. So befinde sich Apple derzeit in einer "Tiefphase". Der Macintosh-Hersteller verfüge über kein lebensfähiges Niedrigpreis-Produkt und keine neue erfolgreiche Nische, wie es das Desktop-Publishing vor einigen Jahren darstellte. Die Akzeptanz von OS/2 ist noch relativ niedrig, die Einführung der neuen 32-Bit Implementation wurde verschoben. Außerdem ist die DOS-Kundenbasis nach sechs bis neun fahren für neue Werkzeuge reif.

Diese Rahmenbedingungen hätten Windows eine so günstige Marktposition beschert, wie sie kaum ein neues Produkt in den letzten Jahren hatte. Als eine "delikate Angelegenheit" für Microsoft werten die IDC-Marktbeobachter den Vertrieb des Presentation Managers neben Windows. Die Zielrichtungen der Produkte seien nicht mehr klar definiert, so daß der Anwender den für ihn am besten geeigneten Migrationspfad nicht Mehr eindeutig definieren könne. Für viele DV-Verantwortliche in großen Unternehmen liegt das Dilemma darin, daß sie jetzt nicht wissen, ob sie eine Migration zu Windows verantworten können, wenn bereits rund 18 Monate später OS/2 verfügbar sein könnte. Demgegenüber erlaube Windows nun einmal ein sofortiges Upgrade ohne große Investitionen in weitere Hard- oder Software. Außerdem fehle es bisher an Kritik über Windows 3.0.

Aus diesen Gründen sieht die IDC das größte Wachstum für Windows in den nächsten 18 bis 30 Monaten. Langfristig könne es dann Probleme im Wettbewerb mit OS/2 geben. Dann erwartet die IDC eine Koexistenz beider Umgebungen auf PC-Plattformen.

Wann kommt der Fenstersturz für Windows?

Der Erfolg scheint Microsoft recht zu geben. Rund eine halbe Million Windows-3.0-Pakete sollen bis dato verkauft worden sein. Die Zukunft der DOS-Erweiterung scheint gesichert. Glaubt man jedoch der IDC-Studie zu diesem Thema, dann hatte Windows 3.0 nur äußerst günstige Startbedingungen: Apple und OS/2 in der Krise, die DOS-Anwender wollten mal was Neues. Wenn aber in ein bis zwei Jahren OS/2 einmal läuft oder Apple wieder konkurrenzfähig ist, könnte Windows seinen "Fenstersturz" erleben. Ob es aber soweit kommt, hängt jetzt von den Softwareherstellern ab. Wenn sie die Anwender nicht im Stich lassen und brauchbare, Standardsoftware herausbringen, dann hätte Windows 3.0 gute Chancen, sich durchzusetzen. Auch die Verantwortlichen für größere DV-Installationen könnten sich dann guten Gewissens für die Migration zu Windows entscheiden, ohne schon in zwei Jahren über den Schritt zum Presentation Manager nachdenken zu müssen. zek