IBMs 9370: Unsicherheit und die Frage nach dem Bedarf

07.11.1986

Unsicherheit und daraus resultierend mangelnde Akzeptanz hat IBM mit der Ankündigung der neuen Rechnerserie 9370 bei den Anwendern hervorgerufen. Dies belegen eine Reihe von Aussagen, die die COMPUTERWOCHE im Rahmen des "Thema der Woche", dem Anwenderforum in der CW, einholte. Bemerkenswert ist, daß die Gesprächspartner zwar alle eine Meinung (nicht immer die beste) zur neuesten IBM-Ankündigung hatten, aber nicht, wie sonst an dieser Stelle üblich, ein Statement mit voller Namensnennung abgeben wollten. CW-Redakteur Andreas Dunse, in dieser Ausgabe für das "Thema der Woche" zuständig, faßte die Aussagen zusammen.

Für einen Abteilungsrechner vom Schlage einer 9370 besteht in der Bundesrepublik kaum Bedarf. Auf diese Kurzformel lassen sich die vielfältigen Statements bundesdeutscher Anwender verdichten. Vor allem die /36-, /38- und 43XX-Anwender haben umfangreiche Investitionen in ihre Hard- und Software getätigt und sind nun froh dar. über, daß diese Konfigurationen (endlich) anwendungsgerecht laufen. Bei diesen Anwendern herrscht die Frage vor, für welchen konkreten Einsatz die neuen Maschinen vorgesehen sind. Sollen sie etwa die Nachfolge der (gestorbenen) 8100-Rechner antreten?

Ein Anwender aus Baden-Württemberg drückte es so aus: Die 9370 präsentiert sich für uns als ein schlecht definierbarer "Koffer" in der Einsteiger-Preislage um etwa 27000 Mark. Wir wissen noch nicht sehr viel von dem System, doch für unser Unternehmen scheint diese Maschine nur bedingt brauchbar zu seinen. Für den mit einer /38 arbeitenden DV-Chef ist das System "eher uninteressant", da sein Unternehmen jetzt mit einer Konfiguration arbeite, die den Ansprüchen gerecht werde und auf der auf. gebaut werden solle. Unklar ist für ihn, welche Strategie die IBM mit diesem Produkt tatsächlich verfolgt.

Nicht unwesentlich ist dabei auch die Frage nach dem Preis für eine entsprechende Konfiguration: "Als wir über Händlerquellen erfragter welchen Ersatz diese 9370 speziell für unsere Belange darstellen soll, stand selbstverständlich zunächst die Kostenfrage im Vordergrund. Uns wurde daraufhin mitgeteilt, daß eine Konfiguration nach unseren Bedürfnissen preislich etwa zwischen 50000 und 80000 Mark angesiedelt sein würde."

Aus der Sicht des DV-Leiters will die IBM mit diesem System vielleicht in den /36-Markt einbrechen; als Ersatz für eine Netz/PC-Lösung erscheint ihm die 9370 jedoch als zu groß bemessen, "Aus unserer Sicht gibt es somit im Moment keinen Grund dafür, weshalb wir uns mit diesem neuen System weiter beschäftigen sollten."

Eine ähnliche Argumentation brachte auch ein Anwender aus dem Norden der Bundesrepublik in die Debatte: "Wir haben uns unmittelbar nach diesem Announcement nicht weiter mit dem System 9370 beschäftigt, weil wir für unser Unternehmen im Moment keine konkrete Einsatzmöglichkeit für eine solche Maschine sehen. Es scheint aber zumindest festzustehen, daß die IBM mit diesem Schritt einen weiteren Schritt in Richtung der VAX-Klasse von Digital Equipment vorgesehen hat." Allerdings stellte der DV-Leiter gleichzeitig in Frage, ob es dem Marktführer mit einer Maschine dieses Typs ernsthaft gelingen kann, in die DEC-Domäne, den technischwissenschaftlichen Markt, einzudringen.

Es spreche jedoch grundsätzlich einiges dafür, daß Big Blue mit diesem Announcement einen erneuten Vorstoß in ein Marktsegment plant, in dem das Unternehmen bislang nur schwer Fuß fassen konnte: "Man sollte - als typischer IBM-User - im Vorfeld der Entscheidung zugunsten einer 9370-Lösung zwei gewichtige Punkte abklären: Zum einen, ob dieses System von der Performance her bestehende Konfigurationen effektiver und kostengünstiger abzulösen vermag, und zum zweiten, ob das Preis/Leistungs-Verhältnis in der Grundkonfiguration akzeptabel ist und ob Aufrüstungs-Optionen vorhanden sind." Generell jedoch will der DV-Spezialist vorerst nicht mit einer solchen Lösung liebäugeln, zumal auch hier bereits ein System installiert ist, daß den Anwendungserfordernissen Rechnung trägt.

Ein dritter DV-Leiter aus Hessen fragt sich ebenfalls, wofür diese Maschinen eingesetzt werden sollen: Wir vertreten nach eingehender Prüfung des 9370 Announcements die Auffassung, daß ein solches System für unsere Belange derzeit nicht zum Einsatz kommen wird." Wie seine bisher zitierten Kollegen ist auch er mit den installierten Systemen und der darauf implementierten Software derzeit zufrieden, der Einsatz einer 9370 mithin nicht relevant. Die IBM, so die Vermutung des hessischen Computerprofis, verfolge mit diesem Modell eine neue Marktstrategie, "über die wir uns allerdings noch nicht im klaren sind".

Er glaubt, daß mit diesem System den 8100-Anwendern weitergeholfen werde, da diese Typenreihe über kurz oder lang endgültig vom Markt verschwinden wird. Damit wäre der Weg für eine 9370 geebnet. Doch bleibt für ihn die grundsätzliche Frage, an welcher Stelle die IBM mit dieser Rechnerklasse im Markt einsteigen will. Wichtig ist auch bei ihm der kaufmännische Aspekt: "Man muß sich demnach fragen, ob eine 9370 abhängig von der geforderten Performance - kostengünstig einsetzbar ist. Grundsätzlich jedoch sehen wir für ein solches System - im Sinne eines Ersatzes für bereits installierte klassische DV - keine Einsatzberechtigung."

"Ob eine 9370 tatsächlich einen brauchbaren Ersatz für Systeme vom Schlage einer /34 oder /36 darstellt, können wir uns eigentlich nicht vorstellen" - so die Argumentation eines weiteren DV-Verantwortlichen aus Baden-Württemberg. Für ihn liegt die Vermutung nahe, daß IBM jetzt den Einstieg in einen Bereich plant, den er zwischen vernetzten PCs und der nächsthöheren DV-Kategorie angesiedelt sieht. "Soweit wir diese Ankündigung richtig interpretiert haben", so der Anwender, "ergibt sich allerdings bei der kleinstmöglichen Konfiguration offensichtlich nicht die Möglichkeit der Aufrüstung vor Ort, was die Beweglichkeit in der Tat deutlich einschränke."

Weiterhin geht auch dieser User davon aus, daß mit dieser Art Abteilungsrechner "den 8100-Anwendern entsprechender Trost" zugesprochen werden soll. Für-- dedizierte Anwendungen in Netzen, wie sie auf 8100-Systemen zumeist implementiert seien, mag die 9370 durchaus eine Lösung darstellen. Immerhin sei die 8100-Reihe bereits vor einigen Jahren als "Totgeburt" klassifiziert worden. Auch könnten die Maschinen der unteren 43XX-Kategorie davon betroffen sein: "Für diese beiden Rechnerklassen sehen wir in absehbarer Zeit einen Ersatz durch die 9370."

Der Preis spielt auch für diesen DV-Chef eine wichtige Rolle, da seiner Meinung nach einige Anwender der obenerwähnten Systeme sicherlich keine Einbußen der Rechnerleistung - auch nicht durch Einsatz eines Systems wie der 9370 - hinnehmen würden. Man solle, rät der DV-Fachmann, nicht vom Basispreis ausgehen, sondern vor allem den Zusatzkosten Aufmerksamkeit schenken, die sich durch eine adäquate Aufrüstung ergeben. "Da wir jedoch nicht zu den Usern der 43XX oder 8100 zählen, ergibt sich aus unserer Sicht keine Möglichkeit für einen alternativen Rechnereinsatz mit Hilfe einer 9370."

"Von grundsätzlich geringem Interesse" war für einen weiteren User aus dem Norden der Bundesrepublik die IBM-Ankündigung dieser neuen Maschine. "In unserem Unternehmen wurde vor einiger Zeit eine 4381 installiert. Man kann vielleicht argumentieren, daß dies ein etwas verfrühter Schritt war - aber wir kennen die Leistungsklasse, in der sich die neue Maschine bewegt, noch nicht. Im Extremfall müßten wir bis zum Zeitpunkt der Auslieferung warten, um uns ein konkretes Bild über die Performance der 9370 verschaffen zu können. Geduld ist demnach bis in das erste Quartal 1987 angesagt, wenn die ersten Maschinen beim Anwender landen. So lange konnten wir nicht warten."

Was ihn bei dieser Ankündigung "eigentlich etwas gestört hatte", war die Klassifizierung des Rechners, "der in etwa zwischen der 43XX und den nächsthöheren Maschinen angesiedelt zu sein scheint". Aus diesem Grund ist für ihn auch nicht klar ersichtlich, was die IBM mit diesem neuen System konkret vorhabe. "Man kann von einem Gefühl der Verunsicherung beim Anwender sprechen." Aber abgesehen davon: "Nach der Installation der 4381 fehlt für uns jetzt die Notwendigkeit, uns weiter mit der 9370 zu beschäftigen."

"Bezüglich der implementierten Software sind wir, wie vermutlich noch viele andere Unternehmen, die eine 4381 mit ähnlicher Peripherie (diverse Platten- und Bandeinheiten; 100 Bildschirme) einsetzen, etwas hinten dran. Doch wir haben in der Vergangenheit bereits so viel in die Entwicklungsarbeit investiert und werden auch weiterhin investieren, daß nicht von heute auf morgen die Hardware durch ein neues System ersetzt werden kann."

Für einen bayerischen Anwender lag die Vermutung nahe, daß "IBM mit der Installation von /36-Maschinen als Abteilungsrechner in größeren Unternehmen in der 43XX-Welt nicht erfolgreich landen konnte und daher jetzt als Alternative einfach ein ganz neues System präsentiert hat". Das sei auch vom Preis her interessant, da die 9370 als alternatives System für diesen Bereich offensichtlich eine kostengünstige Lösung darstelle. Die Großanwender hätten die /36 offenbar nicht als vollwertiges System anerkannt. Keine Meinung hatte der Bayer zu der Frage, ob die 9370 die 8100-Systeme ablösen könne. Zur Beurteilung dieses Problems fehle ihm das nötige Know-how über die Architektur der 8100.

In seinem Unternehmen sei man durch die Ankündigung eines neuen Abteilungsrechners überrascht worden: "Wir glaubten eher, daß irgendwann einmal die IBM imstande sein wurden mit Hilfe einer Hardware-Komponente die 43XX-Welt mit derjenigen der /36- und /38-Systemreihe zusammenzubringen. Das wurde aber mit diesem System offensichtlich auch nicht erreicht. "

Als "relativ frischgebackene /38-Anwender" kamen dem DV-Leiter unmittelbar nach dem 9370-Announcement erst einmal Zweifel, ob mit dieser Maschine der richtige Weg eingeschlagen wurde. "Doch wenn man überlegt, welche Zusatzkosten beim Einsatz der 9370 auf jemanden zukommen können, herrscht wiederum Unsicherheit." Ein wichtiges Kriterium stellt für ihn auch die Frage nach der Software dar: "Zwar mag für die Anwender von Original-IBM-Software eine Fülle von Applikationen relativ unproblematisch sein, doch muß die Frage der diversen Zulieferer von Paketen ebenfalls geklärt werden und gerade hier muß man sich über eventuell gravierende Folgekosten im klaren sein."

Inwieweit sich die 9370 später bei Großkunden durchzusetzen vermag, wollte der DV-Verantwortliche nicht beurteilen. Zumindest war aber aus seiner Sicht der Einsatz eines Abteilungsrechners dieser Art bislang kein Thema, "womit sich weitere Überlegungen in dieser Richtung erübrigen".