Zunehmende Abhängigkeit vom Marktführer befürchtet

IBM-Zulieferer fühlen sich als "Divisions"

05.01.1984

NEW YORK (VWD) - Zunehmend besorgt über die Abhängigkeit von der International Business Machines Corp. sind in den USA Gesellschaften, die entweder in Geschäftsbeziehungen zu IBM stehen oder Computer oder andere mit IBM-Equipment kompatible Geräte herstellen.

Nach einem AP-DJ-Bericht befürchten IBM-Zulieferer, daß sie für das Geschäft mit IBM ihre Unabhängigkeit hergegeben haben und de facto "Divisions" des Konzerns geworden sind.

Hersteller von kompatiblen Geräten oder kompatibler Software sind in Sorge, daß IBM eines Tages ihre Märkte übernehmen oder den Standard ändern könnte. Der Präsident der in Cambridge (Massachusetts) ansässigen Lotus Development Corp. Mitchell D. Kapor meint, daß "jedermann zur Zeit von der Gnade von IBM abhängt".

Die gegenwärtige Situation hängt damit zusammen, daß IBM seine bisherige Praxis, den größten Teil der Geräteteile für seine Computer selbst herzustellen, aufgegeben und für seinen inzwischen am Markt dominierenden Personal Computer beschlossen hat, Leiterplatten, Datenspeicher und andere Teile von anderen Gesellschaften liefern zu lassen. Außerdem stellte IBM Software-Gesellschaften und den Herstellern von Zubehör Informationen über die Funktionsweise des Personal Computers zu Verfügung. Der große Erfolg des IBM Personal Computers hat dazu geführt, daß die zuliefernden Gesellschaften einen großen Teil ihres Geschäfts jetzt mit IBM abwikkeln. (Die Bostoner Forschungsgruppe Yankee Group schätzt, daß IBM in diesem Jahr rund 500 000 PCs oder PC XTs verkaufen wird.)

Ein Kontrakt mit IBM bedeutet für bisher kleine Gesellschaften ein großes Produktionsvolumen, niedrigere Kosten und damit auch Aufträge von anderen Kunden. Als Beispiel dafür wird in dem Bericht die Miniserie Corp., Longmont (Colorado), genannt, die Plattenspeicher herstellt und dank der IBM-Aufträge ihren Umsatz in den ersten fünf Monaten auf 23,6 Millionen Dollar, das 28fache, erhöht hat. Unter dem Einfluß von IBM ist die Microsoft Corp., Bellevue (Washington), zu einer der einflußreichsten Software-Gesellschaften geworden. Microsoft verkaufte ihre erste Version des Betriebssystems MS-DOS an IBM. Wegen der großen Zahl der verkauften IBM-Geräte wurde das Microsoft-Betriebssytem de facto zum Standard für Personal Computer. Inzwischen haben 188 Gesellschaften Lizenzen für das Betriebssystem erworben.

Die IBM-Geräte und die kompatiblen Computer haben dazu beigetragen, die Rezession in der Halbleiterindustrie der USA zu beenden. Außerdem werden nach Schätzungen für jeden verkauften IBM-Computer Umsätze in Höhe von 500 Dollar mit Zusatzgeräten wie zum Beispiel Monitoren erzielt.

Die IBM-Zulieferer sehen jedoch Gefahren in der großen Abhängigkeit von einem Kunden, der Aufträge stornieren und die Gewinne kontrollieren kann. Miniscribe machte im dritten Quartal (2. Oktober) rund 59 Prozent des Umsatzes mit IBM. Ungefähr die Hälfte der Einnahmen des Plattenspeicher-Herstellers Seagate Technology in Scotts Valley (Kalifornien) entfiel im ersten Quartal auf IBM. Diese Entwicklung hat zu Überlegungen geführt, ob IBM bereit sein wird, einen großen Teil seines Marktes an "IBM compatibles" zu verlieren, vor allem weil jetzt neue Gesellschaften in das Geschäft einsteigen. Einige Gesellschaften rechnen damit, daß IBM schließlich mehr Teile der Personal Computer selbst herstellen, in bedeutendem Umfang Software selbst entwickeln und vielleicht sogar ein eigenes Betriebssystem einführen wird.