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IBM und Microsoft bei Web-Services Hand in Hand

18.09.2003
Microsoft-Gründer Bill Gates und IBMs Softwarechef Steve Mills traten gestern unerwartet gemeinsam in New York auf, um eine weit reichende Kooperation bei neuen Web-Services-Standards anzukündigen.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Microsofts Chairman und Chief Software Architect Bill Gates und IBMs Softwarechef Steve Mills traten gestern in einem New Yorker Hotel gemeinsam vor die Presse, um eine Kooperation im Bereich Web-Services anzukündigen. Man habe gemeinsam Methoden entwickelt, wie Unternehmen miteinander über das Internet Geschäfte machen könnten, ohne dass für jeden neuen Kunden oder Lieferanten neue Software programmiert werden müsse, erklärte das Duo. Andere Firmen sollen diese Standards ohne Lizenzgebühren nutzen können.

Damit standen zum ersten Mal seit Anfang der 90er Jahre wieder Top-Manager beider Unternehmen gemeinsam auf einer Bühne. Microsoft und IBM hatten sich seinerzeit überworfen, nachdem Microsoft sich entschieden hatte, für PCs sein eigenes Betriebssystem Windows zu pushen und aus der damals noch gemeinsamen Entwicklung von OS/2 auszusteigen.

Gates erklärte einem Bericht des "Wall Street Journal" zufolge, Ingenieure bei Microsoft und IBM hätten seit rund zwei Jahren an der Entwicklung der neuen Web-Services-Programme gearbeitet. Die Kooperation habe sich aus der "heterogenen Natur der installierten Computer- und Softwarebasis beim Kunden" ergeben. Anwender bräuchten in Ergänzung zu Basisstandards wie XML und SOAP neue, weiter reichende Spezifikationen: "Dieser mächtige neue Layer wird uns auf die nächste Ebene heben", versprach Gates.

"Das ist ein Meilenstein", kommentierte Gartner-Analystin Joanne Correia die Zusammenarbeit. "Diese beiden Firmen repräsentieren die halbe Softwareindustrie." Firmenkunden seine gegenüber Web-Services bislang unsicher gewesen, weil sie nicht sicher sein konnten, wann Softwareanbieter deren Implementierung in den Griff bekommen würden. "Der Markt brauchte das Commitment, dass diese beiden Firmen das in die Hand nehmen wollen."

Programmierer von IBM und Microsoft erhielten im Zuge der Ankündigung Gelegenheit, eine Reihe wichtiger Fähigkeiten ihrer neuen Software zu demonstrieren. Anhand einer Beispielanwendung aus der Automobilindustrie wurden unter anderem Features aus den Bereichen Security, Reliable Messaging und Transaktions-Support gezeigt, wobei auch Server unter Linux eingesetzt wurden. Innerhalb geschlossener Microsoft- oder IBM-Welten war derartiges in der Vergangenheit bereits problemlos möglich, nicht aber übergreifend.

Amy Wohl, President der Analystenfirma Wohl Associates, äußerte sich angesichts dessen begeistert. "Niemand hat je zuvor gezeigt, dass so etwas möglich ist", sagte die Fachfrau. Das man künftig "alles miteinander verbinden könne, ohne alles neu zu coden - das wird unglaublich faszinierend". Forrester-Analyst Uttam Narsu warnt allerdings, dass IBM und Microsoft das Management von Web-Services vernachlässigten. Und das sei bei der Evaluierung der Technik "die erste Frage, die große Unternehmen stellen".

Mills erklärte, beide Partner gingen davon aus, bei der endgültigen Ausarbeitung ihrer Standards mit anderen Anbietern wie Oracle oder Bea Systems zusammenzuarbeiten. Man habe sich aber entschlossen, bereits jetzt in der realen Welt nutzbare Software zu zeigen, damit die Standards rascher Verbreitung fänden. "Standardisierungsgremien können in Chaos resultieren", warnte der IBM-Obersoftwerker. Gates sagte indes, die Standards sollten royalty-free einem solchen Gremium übereignet werden, möglicherweise eher der Organization for the Advancement of Structured Information Standards (OASIS) als dem World Wide Web Consortium (W3C), das viele frühere Web-Services-Standards verwaltet.

Obwohl Microsoft und IBM mit .Net und J2EE zwei unterschiedliche Architekturen vertreten, kooperieren sie bei Web-Services quasi seit der ersten Stunde. Unter anderem riefen sie vor rund drei Jahren die Web-Services Interoperability Organization (WS-I) ins Leben. Diese wurde allerdings von Beginn an als Versuch kritisiert, sich die Vorherrschaft in dem entstehenden Markt zu sichern. Narsu vermutet, dass hinter dem gestrigen Auftritt - der dem Vernehmen nach hauptsächlich von Microsoft arrangiert wurde - die Befürchtung steht, dass Web-Services weniger in geschäftskritischen Anwendungen eingesetzt werden als von den Herstellern erhofft. "Sie machen sich anscheinend Sorgen, dass die Akzeptanz verflacht." (tc)