Nachgebaute Computer erleichtern den Einstieg

IBM und DEC haben in Ungarn, Polen und der CSFR gute Karten

18.01.1991

FRANKFURT (CW) - Osteuropa konnte sich langfristig zu einem wirtschaftlichen Mekka für West- und Fernost-Anbieter entwickeln. Der polnische, tschechische oder ungarische Markt eröffnet nach einer Untersuchung der Eschborner Diebold Deutschland GmbH vor allem PC- und Telefonherstellern, aber auch traditionellen DV-Anbietern gute Geschäfte.

Keine Schwierigkeiten, in diesen Markt einzusteigen, dürften IBM und DEC haben, deren Mainframes und Minicomputer in den RGW-Ländern jahrelang illegal nachgebaut wurden. Als "Einheitliches System Elektronischer Rechentechnik" (ESER) und als "System der Kleinrechner" (SKR) haben Plagiate der IBM /360- und /370-Großrechner sowie der DEC/VAX-Maschinen nicht nur in der ehemaligen DDR, sondern auch in anderen osteuropäischen Ländern große Verbreitung gefunden.

Auch die englische Fujitsu-Tochter ICL kann sich im Ostgeschäft gute Chancen ausrechnen. Das Unternehmen ist bereits in Osteuropa - besonders in Polen - ein traditionell starker Anbieter. Etwa die Hälfte aller 765 Mainframes arbeitet in Polen mit dem älteren ICL-Betriebssystem-Nachbau ODRA, während nur 26 Prozent ESER-Rechner und 16 Prozent IBM-Systeme installiert sind.

Einen blau gefärbten Markt finden dagegen Investoren in der CSFR vor, wo 88 Prozent der 800 installierten Mainframes das ESER-Logo tragen - hier dominieren also die Nachbauten der IBM-Mainframes. Reine IBM-Rechner sind dagegen nur mit einem Anteil von insgesamt drei Prozent vorhanden. Auch am kleineren ungarischen Markt (190 Mainframes) sind ESER-Systeme mit einem Marktanteil von 41 Prozent die am häufigsten installierten Großrechner.

Da IBM selbst etwa 31 Prozent des Marktes mit seinen /370-Systemen hält, dominieren die Armonker - ähnlich wie in der Tschechoslowakei - auch dort den Markt. Immerhin kann Siemens mit seinen BS2000-Rechnern hier noch 23 Prozent der Marktanteile für sich in Anspruch nehmen.

Die in allen drei Ländern installierten kompatiblen Rechnerkopien sind laut Diebold etwa zehn bis zwölf Jahre alt und dürften in nächster Zeit abgelöst werden. Allerdings bevorzugen die finanzschwachen RGW-Länder wohl in erster Linie Secondhand-Hardware, so daß Westanbieter die besseren Geschäfte im Mainframe-Softwarebereich machen dürften.

Gute Absatzchancen können sich West-Investoren am PC-Markt ausrechnen: Liegt in Deutschland die Quote der Personal Computer pro 100 Einwohner bei mehr als fünf, so arbeitet in Polen weniger als ein Prozent der Einwohner mit einem PC, während die Rate in Ungarn bei exakt 1,0 und in der CSFR bei 1,8 liegt.

Tschechische Anwender arbeiten zu 64 Prozent mit PCs aus eigener Produktion. 27 Prozent der 280 000 installierten Geräte stammen aus Fernost und nur 9 Prozent aus westlichen Industrienationen. Anders gestaltet sich die Situation in Ungarn, wo von 100 000 Rechnern 65 bis 70 Prozent aus westlichen und fernöstlichen Ländern eingeführt wurden. Auch der polnische Markt ist fest in der Hand dieser Unternehmen: Nur drei Prozent der insgesamt 300 000 PCs stammen aus Polen.

Minicomputer kommen in den drei RGW-Ländern zu 50 Prozent oder mehr aus eigener Produktion, wobei es sich meistens um Plagiate westlicher Rechner handelt. Dabei spielen Nachbauten von DEC-Systemen eine besondere Rolle. Die Installationszahlen liegen in Polen insgesamt bei 1800, in Ungarn bei 850 und in der CSFR bei 2800 Systemen.

Ein Wachstumsmarkt ist auch der Telekommunikations-Bereich. Gab es in der alten Bundesrepublik Anfang 1989 pro 100 Einwohner etwa 46 Telefon-Hauptanschlüsse, so liegt die Anzahl bei den östlichen Nachbarn weit darunter. Rund acht Anschlüsse wurden in Polen und Ungarn gezählt, während das tschechische Netz mit knapp 14 Anschlüssen pro 100 Einwohner etwas besser ausgebaut war. In Polen mußten Interessenten bis zu 15 Jahre auf einen Telefonanschluß warten.

Die Diebold-Studie kommt zu dem Schluß, daß westliche Investitionsgüter-Hersteller kräftig an der Entwicklung in Osteuropa verdienen werden. Diese Unternehmen profitieren von der Zwangslage der Ostbetriebe, die ihre vorhandenen Produktionsanlagen modernisieren und internationalen Maßstäben anpassen müssen. Zudem stehen diese Länder vor der Aufgabe, die Verkehrs- und Kommunikationsstrukturen auszubauen und die Energiewirtschaft voranzutreiben. Gute Geschäfte versprechen auch der entstehende Dienstleistungssektor und der Umweltschutz.

Allerdings verschweigt Diebold auch die Risiken nicht: politische und volkswirtschaftliche Instabilität, eine schlechte Infrastruktur, mangelhafte Zahlungsdisziplin, eine "fatale" Produktions- und Industriestruktur, unklare gesetzliche Grundlagen sowie eine geringe Mobilität und Produktivität - das alles sind Faktoren, die sich kaum kalkulieren lassen.