IBM um Argumente nicht verlegen

06.05.1977

Interview auf der Hannover Messe mit Erich Woerner, IBM-Basis-Datenverarbeitung

- Hier auf der Hannover Messe ist das beherrschende Thema die Ankündigung des Systems /34 durch die IBM. War diese Ankündigung nicht längst überfällig. Branchenkenner wußten, daß eine solche Maschine kommen wird, seitdem das System /32 angekündigt wurde, denn dort blieb eine große Lücke.

Wenn Sie die Lücke zwischen dem System /32 und dem Modell /3-12 ansprechen, so hatten wir in der Tat dort kein System, das dialogfähig, d. h. mit Bildschirmen ausgestattet werden konnte, sieht man einmal vom System /3, Modell 4 ab. Wir meinen aber, daß gerade für den Benutzerkreis, für den wir jetzt das System /34 angekündigt haben, es nicht nur darum ging, ein Bildschirm-System zu haben, sondern daß wir diesen Anwendern auch die leichte Handhabung und insbesondere die erforderlichen Anwendungen zur Verfügung stellen mußten.

- Worin sehen Sie den entscheidenden Unterschied zwischen der /34 im Vergleich zur /32?

Das System /32 ist eindeutig ein Batch-System und ist nach wie vor gedacht als das Einstieg-System in die Datenverarbeitung. Der Unterschied zum System /34 besteht darin, daß das System /34 voll dialogfähig ist, d. h. daß von am Arbeitsplatz installierten Daten dieser Stationen mit dem System kommuniziert werden kann.

- Mit dem kleineren Modell wurden also Bewegungsdaten zunächst nur erfaßt, und erst nach der Erfassung fand die Verarbeitung statt. Daß das ein Manko ist, mußte seit Jahren bekannt sein, denn um einige Konkurrenzprodukte anzusprechen: Die 8870 von Nixdorf gibt es seit 2 Jahren, seit etwa 4 Jahren hat Honeywell Bull mit der damaligen 58 ein solches System, und MAI hatte es noch früher. Warum kommt IBM so spät?

Ich hatte eingangs schon erwähnt, daß unserer Meinung nach nicht nur die technische Dialogfähigkeit vorhanden sein muß, sondern auch die notwendige Bedienerführungs-Software und insbesondere auch die entsprechenden Anwendungen für die Dialogverarbeitung.

- Marktbeobachter vermuten, daß sie den installierten Park von Systemen /3 und dann auch des vor zwei Jahren angekündigten Systems /32 nicht gefährden wollten.

Wir werden mit dem System /34 genau dasselbe tun, was wir mit allen neu angekündigten Systemen getan haben. In all den Fällen, in denen das System /34 die bessere Lösung für unseren Kunden darstellt, werden wir ihm das System /34 anbieten.

- Das neue System /34 hat hervorragende interne Leistungsdaten, was die Prozessor-Zyklus-Zeit angeht. Diese liegen sogar über den Werten der Systeme /3, und es hat den Anschein, daß das jetzt angekündigte System /34 eine gebremste Maschine ist. Ist sie nur die Spitze eines Eisberges, wird das System erweitert werden, ist es möglicherweise die System /3-Nachfolgeserie?

Die hohe interne Geschwindigkeit zeigt, daß dieses System speziell für den Dialogbetrieb entwickelt wurde. Wir erreichen die hohe Geschwindigkeit und insbesondere die kurzen Antwortzeiten durch verschiedene Ein-/ Ausgabe-Prozessoren und vollgepufferte Daten-Sichtgeräte, die den Hauptspeicher entlasten. Um zum zweiten Teil Ihrer Frage zu kommen: Es ist eine Gepflogenheit unseres Hauses, über zukünftige Dinge nicht zu spekulieren, und ich bitte um Verständnis, daß ich diese Frage daher nicht beantworte.

- Von Mitbewerbern hörte ich, daß diese weniger über das Produkt als vielmehr über den Preis der /34 besorgt sind. Es ist wohl doch so, daß IBM in diesem Marktsegment erstmals ein Produkt ankündigt, das unterhalb der Preise der wichtigsten Konkurrenzmodelle ausgezeichnet ist. IBM geht also voll in die Offensive?

Wir haben das System 134 genauso wie alle anderen unserer Produkte kalkuliert, wobei wir sicher in Rechnung gestellt haben, daß für ein derartiges System ein großer Benutzerkreis gewonnen werden kann.

- Das hieße, daß IBM seine Preise festlegt, ohne auf die Preise des Wettbewerbs Rücksicht nehmen zu müssen?

Keineswegs. Wir sehen uns in einem aktiven Wettbewerb, dem wir uns täglich neu stellen müssen.

- Der Preis also macht der Konkurrenz Sorge, die ansonsten auf einige technische Mankos beim System /34 verweist, zu denen ich Sie gerne einzeln fragen möchte. Zunächst zur Plattenkapazität, die maximal auf 27 Millionen Bytes ausgebaut werden kann. Reicht das tatsächlich für den angesprochenen Kundenkreis, wenn all das auf dem System gemacht werden soll, das Sie in der Werbung propagieren?

Wir sind der Meinung, daß wir in der Größenordnung dieses Systems eine ausgewogene Kapazität zur Verfügung stellen. Nach unseren Erfahrungen mit System-/32- und System-/3-Anwendern sind die 27 Millionen Bytes eine ausgewogene Kapazität.

- Nehmen wir ein mittleres Handelsunternehmen, eindeutig System /34 Zielgruppe, das sagen wir 8000 Artikel hat und 3000 Kunden. Dafür Auftragserfassungs-Abwicklung, Finanzwesen und alles One-Line für das Management-Informations-System fahren will, dann sind 27 Millionen Bytes doch wohl ein wenig zu wenig Speicherkapazität.

Wenn Sie pro Artikelsatz und Kundensatz 1000 Stellen annehmen, dann haben Sie erst 11 Millionen Stellen Ihrer verfügbaren 27 Millionen gebraucht.

- Die externe Speicherung erfolgt auf Festplatte, nicht auf Wechselplatte. Gewiß, die Super-Diskette hat eine Million Bytes Kapazität, und die Übertragungsrate ist sehr hoch, dennoch, das Ganze ist recht unkomfortabel im Hinblick auf die Datensicherung und gegebenenfalls das Freimachen des Systems für andere Anwendungen.

Ein Dialogsystem muß stets sämtliche Daten in direktem Zugriff haben. Deshalb haben wir auch die Festplatte. Die Datensicherung mit der 2D-Diskette ist unseres Erachtens ausreichend, und wenn ich hier Leistungsdaten anfügen darf: die Sicherung des gesamten 27-Millionen-Speichers nimmt lediglich 15 Minuten in Anspruch, die darüber hinaus noch im Multiprogramming abgewickelt werden kann.

- Das Auswechseln wäre komfortabler gewesen. Behält man sich solchen Komfort für größere Systeme, etwa das System drei vor?

Im Gegenteil. Wir sind der Meinung, daß die Vorteile der Festplatte nicht den größeren Systemen vorbehalten bleiben sollen. Diese Vorteile sind Sicherheit und permanente Verfügbarkeit aller Daten, höhere Zugriffsgeschwindigkeit und größere Wartungsfreundlichkeit.

- Die maximale Ausbaustufe für das System /34 ist 64 KB Hauptspeicherkapazität.

Für das System /34 ist 64 KB.

- Reicht das, reicht das insbesondere dann, wenn man acht Bildschirme anschließt? Präzise gefragt, wie hoch ist der System-Software-Bedarf?

Der Hauptspeicher des Systems /34 ist nicht mehr im traditionellen Sinne zu betrachten. Er ist in sogenannte Zwei-K-Blöcke eingeteilt, und ein Bestandteil der Software für dynamische Speicherzuordnung sorgt dafür, daß nur die Programmteile im Speicher sind, die zur Verarbeitung gebraucht werden. Alle übrigen werden ausgelagert und bei Bedarf wieder in den Speicher zurückgeholt, so daß mit dem 64 K-Speicher auch Anwendungsprogramme, die beispielsweise 80 K benötigen, durchgeführt werden können. Wenngleich wir der Ansicht sind, daß es nicht mehr viel Sinn hat, bei der Organisation des Hauptspeichers nach Belegung durch Software zu fragen; die Beanspruchung des Hauptspeichers liegt je nach Zusammensetzung der Software zwischen 14 und 22 K.

- Macht man mit der Entscheidung für virtuelle Speichertechnik jetzt bei Kleinsystemen erneut den Fehler, den man vor einigen Jahren bei den großen Computern machte und der für die Groß-EDV mittlerweile ja wohl auch eingesehen wurde?

Zunächst einmal, der virtuelle Speicher erfüllt nach wie vor den Zweck für den er konzipiert war, und so kann man wohl nicht von einem Fehler sprechen. Und was das System /34 betrifft, die Systemkomponenten sind durchaus ausgewogen, insbesondere wenn wir die hohe Übertragungsrate von 62 KB pro Sekunde berücksichtigen.

- In der Ankündigung heißt es, daß System /32-Aufsteiger ihre Software problemlos übernehmen können. Das ist doch wohl nur formal richtig, denn diese Anwendungen sind zunächst Batch-orientiert und zum anderen auf einen Bildschirm abgestimmt, der 6x40 Zeichen und eben nicht 1920 Zeichen darstellt. Sinnvolle System-/34-Nutzung hieße damit auch Neu-Programmierung?

Die Batch-Anwendungen des Systems 132 lassen sich 1:1 auf die /34 übernehmen. Wir haben gleichzeitig mit dem Produkt als wesentliche Mehrleistung für den Benutzer auch eine Erweiterung unserer MAS-Anwendungen auf Dialogverarbeitung angekündigt. Im übrigen ist organisatorischer Fortschritt sicher nicht ohne gewisse Softwaremühen zu erreichen.

- Ob dafür RPG II die optimale Sprache ist, ist wohl kaum noch zu behaupten, nachdem das angesehene Fachmagazin Datamation kürzlich in einer ausführlichen Studie insbesondere Bussiness-Basic und RPG II bezüglich ihrer Eignung für Dialog-Anwendungen verglichen hat. Auch die Konkurrenz setzt auf Basic. IBM aber hält an dem ursprünglich für Batch-Anwendungen konzipierten RPG II fest.

Der bekannte RPG II wurde für das System /34 für Dialogverarbeitung wesentlich erweitert. Wahrscheinlich wäre die Untersuchung von Datamation wesentlich anders ausgefallen, wenn bereits dieser RPG II berücksichtigt worden wäre. Darüber hinaus ist heute RPG II bei diesem Benutzerkreis die meist verbreitete Programmiersprache. Durch diese Dialogerweiterung und durch unsere vorhandenen MAS-Programme, die in RPG II geschrieben sind, erreichen wir eine bis heute nicht bekannte niedrige Einstiegsschwelle für eine Dialogverarbeitung.

- Welche IBM-Produkte wird das neue Systeme /34 vom Markt verdrängen?

Sie haben selbst vorhin gesagt, Herr Dr. Maurer, daß im Produktangebot der IBM eine Lücke bestand, die wir jetzt geschlossen haben.

- Darüber könnte man lange streiten, aber lassen wir das.

Erich Woerner (51)

studierte Betriebswirtschaft (Dipl.-Kaufmann) und ging 1952 zu IBM, wo er sich in verschiedensten Positionen des Vertriebs ("die kann man gar nicht mehr aufzählen") hochdiente, um 1972 den Bereich Basisdatenverarbeitung aufzubauen. Der oberste Chef der "Klein-IBM" ist verantwortlich für den Vertrieb und die technische Wartung der IBM-Systeme 132, 134, 13 und 17 und ist in 34 Städten des Bundesgebietes durch seine Außendienstorganisation vertreten.