IBM schliesst englische ICPI Big Blue beendet Ausflug in europaeischen PC-Clone-Markt

25.02.1994

MUENCHEN (CW) - Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen: Am Donnerstag vergangener Woche kuendigte die IBM PC Co. Europe das Aus fuer ihre Clone-Tochter Individual Computer Products International Limited (ICPI) an. Seit Mitte dieser Woche werden keine Ambra-Rechner mehr produziert, der Vertrieb endet am 31. Maerz.

Die IBM Personal Systems Europe begruendet die Schliessung der Clone-Tochter mit veraenderten Marktbedingungen. Aufgrund der niedrigen Preise erfreuten sich Markengeraete auch im Low-end- Segment wachsender Beliebtheit. Fuer die unter dem IBM-Logo vermarkteten PS/1-, Value-Point- und Thinkpad-Rechner seien zudem die Kosten drastisch gesenkt und die Vertriebskanaele verbreitert worden. Das hat laut William McCracken, President der IBM PC Co. Europe, dazu gefuehrt, dass diese Produkte inzwischen ueber die gleichen indirekten Kanaele vertrieben werden und dasselbe Marktsegment bedienen, das die ICPI mit den Ambra-Maschinen ins Visier genommen hatte. "Wir gruendeten ICPI 1992, um unsere Praesenz im Low-end-Markt zu verstaerken. Aufgrund der verbesserten Konkurrenzfaehigkeit werden 1994 und in den folgenden Jahren die Marken PS/1, Value-Point und Thinkpad die Ambra-Position im europaeischen Markt ausfuellen."

Da waehrend der knapp zweijaehrigen Existenz der Clone-Tochter in Europa nur 140 000 PCs verkauft wurden, duerfte das keine unloesbare Aufgabe fuer die IBM PC Co. sein. Auch fuer die Distributoren Computer 2000, Merisel und Macrotron, die bisher die blauen Clones in Deutschland vertrieben haben, stellt das Verschwinden der ICPI kein groesseres Problem dar: "Da duerfte nichts anbrennen, zumal wir in dieser Sache sehr eng mit IBM und ICPI zusammenarbeiten und der Service von der Schliessung nicht in Mitleidenschaft gezogen wird", erklaert Walter Glogauer, Leiter Presse- und Oeffentlichkeitsarbeit von C2000. Umsatzeinbussen bleiben dem Distributor wahrscheinlich erspart, da kuerzlich mit der IBM ein europaweit gueltiger Vertrag ueber den Vertrieb von PS/1- und Value-Point-PCs unterzeichnet wurde. Macrotron, fuer deren Vorstandssprecher Michael Kaak die ICPI-Entscheidung "Sinn macht", soll Insidern zufolge ebenfalls mit der IBM ueber den Vertrieb dieser Produktlinien verhandeln. Auch Peter Ammon, Director Communications bei Merisel gab sich gelassen: "Im PC-Bereich bieten wir Rechner einer ganzen Reihe von Herstellern an. ICPI war einer davon."

Fuer die 64 Angestellten der in London ansaessigen Firma ist das Aus indes eine bittere Pille. Die meisten von ihnen erhalten nach Angaben einer IBM-Sprecherin Aufhebungsvertraege und entsprechende Abfindungen. Ausserdem werden sie von einer auf Outplacement spezialisierten Personalberatung bei der Jobsuche unterstuetzt. Lediglich vier Mitarbeiter, die von der IBM UK zu der britischen Clone-Tochter gewechselt waren, kehren in den Schoss der Muttergesellschaft zurueck.

After-sales-Service und -Support sollen von der Geschaeftsaufgabe unberuehrt bleiben. Die mit der Wartung beauftragten Drittfirmen kuemmern sich laut IBM weiterhin um die Ambra-Kundschaft. In Deutschland ist nach wie vor die Berliner IBM-Tochter CPS fuer den Service zustaendig, die Stuttgarter Big-Blue-Niederlassung sorgt fuer Ersatzteile und technischen Support.

Die Ambra-Linie brachte der IBM im europaeischen Clone-Geschaeft 1993 laut Dataquest nicht nur einen Marktanteil von einem Prozent, sondern auch, so heisst es in einer offiziellen Erklae- rung der PC- Company, "unschaetzbare Erfahrungen und Daten" ueber ein Marktsegment, von dessen Gegebenheiten sie vor dem ICPI-Engagement keine Ahnung hatte.

Ambra habe die IBM in die Lage versetzt, mit Marketing- und Vertriebsverfahren fuer den Low-end-Bereich zu experimentieren. Spaeter seien die so gewonnenen Kenntnisse den eigenen Markengeraeten zugute gekommen. Deshalb mache es fuer die IBM Sinn, "die Investitionen nun auf ihre eigenen Maschinen zu konzentrieren", urteilt Dataquest-Analyst Steve Brazier.

Im Gegensatz zu ihrer englischen Schwester darf die erst im vergangenen Jahr gegruendete amerikanische Ambra Computer Corp. weiterarbeiten.