Lotusphere

IBM propagiert das Enterprise 2.0

Wolfgang Sommergut ist Betreiber der Online-Publikation WindowsPro.
Auf der diesjährigen Lotusphere erregte die Ankündigung von zwei Produkten aus der Kategorie Social Software das größte Aufsehen. Doch hinter den neuen Namen verbergen sich weitgehend bekannte Technologien.

Nach dem stillen Ende für die erfolglose "Workplace"-Produktfamilie warteten Beobachter gespannt darauf, wie sich die IBM auf ihrer diesjährigen Lotus-Konferenz in Orlando, Florida, aus der Affäre ziehen würde. Nach fünf Jahren Entwicklungszeit und mehreren Millionen Dollar an Investitionen ließ sich ein Ausstieg kaum rechtfertigen, ohne eine alternative Perspektive aufzuzeigen.

Hier lesen Sie ...

  • Wie die IBM ihr Collaboration-Portfolio auf Basis von Web-2.0-Ideen erneuert;

  • Wo unter der Oberfläche der neuen Social Software die Konzepte des gescheiterten Workplace weiter- leben;

  • Welche Vorteile die IBM für "Lotus Connections" im Vergleich zu freien Web-Tools verspricht;

  • Wie sich Notes in der Version 8 zu einem Client-seitigen Portal wandelt.

Workplace-Pleite vergessen

Die IBM bewältigte diese Herausforderung durch einen überraschenden Marketing-Coup: General Manager Mike Rhodin bezeichnete reumütig Notes/ Domino als das einzige strategische Messaging-Produkt der IBM, nachdem Workplace dem Groupware-Oldtimer diese Rolle über Jahre streitig gemacht hatte. Zusätzlich präsentierte Big Blue mit "Quickr" und "Connections" zwei Produkte, die ganz im Trend des Web 2.0 liegen. In Anlehnung an diesen Begriff ist bei Social Software für Unternehmen häufig von Enterprise 2.0 die Rede.

Notes 8 ist eine zusammengesetzte Anwendung auf Basis des Expeditor-Frameworks, in dem der bisherige Mail-Client nur mehr als eine Komponente unter anderen läuft.
Notes 8 ist eine zusammengesetzte Anwendung auf Basis des Expeditor-Frameworks, in dem der bisherige Mail-Client nur mehr als eine Komponente unter anderen läuft.

IBMs Schachzug ist deshalb sehr geschickt, weil sich die als konservativ geltende Firma mit den neuen Tools modern und vom Zeitgeist inspiriert zeigen kann - und gleichzeitig all jene Anliegen verfolgt, die schon im Mittelpunkt von Workplace standen: Migration des Collaboration-Portfolios auf eine Java/DB2-Middleware, Teamfunktionen im Kontext anderer Anwendungen ("contextual collaboration") und zusammengesetzte Applikationen im Stil von Portalen.

Name im Stil des Web 2.0

Quickr, dessen Name sich an die populäre Online-Fotoverwaltung "Flickr" anlehnt, zeigt beispielhaft den derzeitigen Kurs der IBM. Als neues Produkt angekündigt, ist es eine stark erweiterte Version von "Quickplace", einem Tool, das unter die Kategorie Instant Collaboration fällt. Die Umbenennung rechtfertigen die Armonker mit zahlreichen neuen Funktionen. Die Versionsnummer 8.0 beweist indes Kontinuität gegenüber Quickplace. IBM bezeichnet Quickr als "Collaborative Content Platform".

Quickr ersetzt Quickplace

Unter der aufgehübschten Web-2.0-Oberfläche findet sich denn auch viel Vertrautes. Dazu gehören einerseits die von Quick- place bekannten Teamfunktionen wie etwa Dokumentenablagen, Diskussionsforen und einfaches Projekt-Management. Eine Reihe von Anwendungsschablonen soll dem Konzept der Instant Collaboration treu bleiben. Zum anderen beerbt die Software die Dokumenten-Management-Komponente von Workplace. Produkt-Manager Marc Pagnier bezeichnete Quickr in dieser Hinsicht als die nächste Version des "Portal Document Manager". Entsprechend bietet Quickr gegenüber Quickplace umfangreiche DMS-Funktionen wie Check-in und Check-out sowie eine wesentlich mächtige- re Workflow-Engine. Als Enter- prise-2.0-Anwendung lässt Quickr die Unterstützung für Blogs, Wikis und RSS/Atom nicht vermissen.

Nach Angaben von Pagnier soll es künftig das einzige Dokumenten-Management-Tool im Lotus-Portfolio sein. Damit stellt es die Zukunft des Veteranen "Domino Document Manager" (früher "Domino.Doc") in Frage. Sein offizielles Ende wollte die IBM noch nicht bekannt geben, vielmehr steht die Version 8 vor der Tür. Aber die technische Verschmelzung der beiden Produkte ist bereits beschlossen. Das gilt etwa für die neuen Konnektoren für Desktop-Anwendungen, eine der wesentlichen Neuerungen von Quickr. Sie stellen aus Autorenwerkzeugen oder Mail-Clients via Web-Services die Verbindung mit dem Server her. Zudem erlauben sie eine Form der Contextual Collaboration, indem sie die Quickr-Funktionen in MS Office, Lotus Notes oder den Windows Explorer einbetten. Dadurch lassen sich direkt aus diesen Anwendungen Dokumente in das Repository übertragen oder Anträge im Rahmen dokumentenbasierender Workflows genehmigen.

Content-bezogene Zusammenarbeit bezieht sich nicht nur auf Dokumente, die von Projektbeteiligten in Teamräume hochgeladen werden. Als DMS-Frontend soll Quickr auch den Zugriff auf Content-Repositories gewähren. Die Unterstützung von NSF-Datenbanken gehört zum Lieferumfang der ersten Version, die für Mitte 2007 geplant ist. Adapter für Sharepoint- und Filenet-Speicher sollen im Lauf des zweiten Halbjahres hinzukommen.

Notes- und Portal-Varianten

Die technischen Grundlagen von Quickr setzen den Kurs in Richtung Java/SQL-Datenbank fort und kommen gleichzeitig den Wünschen der traditionellen Notes-Anwender entgegen. Die Software erscheint in zwei Varianten, eine beruht auf Domino, die andere auf dem "Websphere Portal Server". Die Domino-Variante lässt sich auf Basis einer mitgelieferten Laufzeitumgebung installieren oder alternativ auf vorhandenen Domino-Servern ab der Version 6.5. Sie hat gegenüber der Portal-Server- Variante den Vorteil, dass sie Offline-fähig ist. Dafür verantwortlich ist eine Technik, die bereits vor Jahren unter der Bezeichnung "Domino Offline Services" eingeführt wurde und die Basis für iNotes bildet. Sie erweitert die Web-Anwendung um eine lokale Datenbank und den von Notes bekannten Replikationsmechanismus.

Ankündigungen auf der Lotusphere 2007

  • "Lotus Quickr" ist ein Update für "Quickplace" und gleich- zeitig der Nachfolger für den "Portal Document Manager". Die Software klinkt sich über Connectoren in Desktop-Anwendungen ein und kann am Backend über das "Java Content Repository API" (JCR) auf verschiedene Dokumentenspeicher zugreifen. Es soll eine Ausführung auf Basis von Domino und Websphere Portal Server geben.

  • "Lotus Connection" wurde von der IBM als Social Software angekündigt und enthält Profile für Personen, Wikis, Weblogs, Social Bookmarks und den "Activity Explorer".

  • Die nächste Ausführung von Notes/Domino, das unter dem Codenamen Hannover entwickelt wurde, kommt als Version 8 Mitte 2007 auf den Markt. Eine öffentliche Beta erscheint Anfang Februar. Die wesentlichen Neuerungen betreffen den Client, der künftig auf dem Java-Framework "Expeditor" basiert.

  • Sametime 7.5.1 soll im zweiten Quartal verfügbar sein. Es bietet Video-Konversationen zwischen zwei Teilnehmern und Integration mit MS Office. Das Tool für Unified Communications soll dann auch für Linux-Server und Mac-Clients verfügbar sein.

  • "Websphere Portal Express Version 6.0" richtet sich an Unternehmen bis 1000 Mitar-beiter. Diese kleine Ausführung des Portal-Servers kommt im Februar auf den Markt und enthält das Entwickler-Tool "Lotus Components Designer".

Wissens-Management 2.0

Für Portal-basierende Varianten sollte zukünftig der auf Eclipse beruhende Rich Client solche Funktionen anbieten, die aber für Quickr 8.0 noch nicht zur Verfügung stehen. Die ebenfalls für das zweite Halbjahr 2007 angekündigte Personal Edition beschränkt sich auf die Funktion einer persönlichen Dateiablage. Statt auf der lokalen Festplatte gespeichert zu werden, können Dokumente mit Hilfe der Personal Edition in eine Datenbank auf dem Server transferiert werden. Die als öffentlich gekennzeichneten Daten lassen sich von Kollegen aus dem Reposi- tory abrufen.

Bereits im Rahmen des Knowledge-Managements der 90er Jahre bemühte sich die IBM um Lösungen für das Auffinden von Informationen und Wissens- trägern in Unternehmen. Damals sollte der "Discovery Server" Daten aus unterschiedlichen Quellen durchforsten, automatisch kategorisieren und anhand von Metainformationen Experten für diverse Fachgebiete ermitteln. Die Software verschwand vom Markt, aber das Anliegen blieb, besonders für die typischen IBM-Großkunden. Mit "Lotus Connections" nimmt Big Blue einen neuen Anlauf und besinnt sich dabei auf Konzepte, die seit einiger Zeit erfolgreich im Web praktiziert werden. Das Produkt umfasst eine Funktion zur Verwaltung von Bookmarks ("Dogear"), ein Weblog-System auf Basis des Open-Source-Tools "Roller", Wikis, Unterstützung für Profilseiten, die vom IBMs internen "Blue Pages" abgelei- tet wurden, sowie den erstmals mit Workplace ausgelieferten "Activity Explorer".

Integrierte Social Software

IBM charakterisiert Lotus Connections als Social Software. Sie übernimmt damit wesentliche Konzepte des Web 2.0.
IBM charakterisiert Lotus Connections als Social Software. Sie übernimmt damit wesentliche Konzepte des Web 2.0.

Im Vergleich zu den meist kostenlosen Online-Diensten unterstreicht die IBM, dass ihre Lösung keine Sammlung von verschiedenen Web-2.0-Funktionen sei, sondern ein integriertes Produkt. Dies äußert sich etwa darin, dass auf der Profilseite eines Mitarbeiters die von ihm am häufigsten vergebenen Schlagwörter ("Tags") in Form einer Tag Cloud eingeblendet werden. Connections extrahiert sie aus den Lesezeichen, die eine Person in Dogear hinterlegt hat, oder aus ihrem Blog, wo Tags den Inhalt von Einträgen beschreiben sollen.

Connections ist eine Java-Anwendung auf Basis des Websphere Application Servers und benötigt im Gegensatz zu anderen Collaboration-Tools im IBM-Portfolio kein Portal. Sie kann für die Erstellung von Benutzerlisten auf diverse LDAP-konforme Verzeichnisse zugreifen. Als Standard-Client dient ein Ajax-getriebenes Web-Frontend. Zusätzlich klinkt die IBM Connections auch in den Kontext an- derer Desktop-Anwendungen an. So zeigt ein Popup-Fenster über den Einträgen der Sametime-Kontakte nicht nur den Online-Status der betreffenden Personen an, sondern auch die Titel der letzten Blog-Postings oder die kürzlich gespeicherten Bookmarks. Eine ähnliche Integration ist auch für Notes 8 geplant. Zusätzlich sollen künftig die Konnektoren von Quickr die Möglichkeit bieten, Dokumente nicht nur in ein Content-Repository zu speichern, sondern beispielsweise dafür auch ein Lesezeichen in Dogear zu hinterlegen. IBM-Sprecher erklärten auf der Eröffnungsveranstaltung das seit Jahren virulente Metadatenproblem durch die freie Verschlagwortung für gelöst. Sie soll nicht nur auf Daten in Connections angewandt werden, sondern etwa auch in Quickr, um Dokumente zu klassifizieren.

Workplace unter der Haube

Nach dem Scheitern von Workplace, das Mike Rhodin mit Bezug auf Clayton Christensens Business-Bestseller salopp mit einem "Innovator?s Dilemma" erklärte, leben nicht nur die Konzepte dieser Produktlinie fort. Vielmehr beruht die nächste Version von Notes auf Basistechnologie, die ebenfalls im Rahmen des 2001 ausgerufenen Java-Kurses entstand. Der unter dem Codenamen "Hannover" entwickelte Client fußt auf dem "Expeditor"-Framework, das seinerseits auf "Eclipse" aufsetzt. Es bietet die Grundlage für alle zukünftigen Rich Clients aus dem Lotus-Portfolio und des Portal-Servers.

Schon zu Workplace-Zeiten hatte die IBM das neue Java-Frontend als Client-seitiges Portal charakterisiert. Ähnlich wie sein Web-Pendant sollte es die Entwicklung von zusammengesetzten Applikationen ("Composite Applictions") erlauben, die andere Anwendungen unter einer Oberfläche aggregieren unter der sie interagieren können. Im Gegensatz zu einem Web-Portal sollte sich das Eclipse-Frontend auch für den Offline-Betrieb eignen.

Notes auf Java-Basis

Lotus Quickr führt Quickplace und den Portal Manager zusammen. Es könnte später auch Domino.Doc beerben.
Lotus Quickr führt Quickplace und den Portal Manager zusammen. Es könnte später auch Domino.Doc beerben.

Bei Notes 8 handelt es sich mithin nicht mehr um den bekannten Groupware-Client, vielmehr läuft das, was bisher als Notes bezeichnet wurde, als eine Komponente unter anderen in einem portalartigen Frontend. Dieses verfügt nach dem Muster von Outlook über eine Werkzeugleiste ("Side Shelf"), wo sich andere Anwendungen in Form von Expeditor-Plug-ins einhängen lassen. IBM bringt dort etwa den Activity Explorer unter, ein Tool, das ebenfalls im Rahmen von Workplace eingeführt wurde. Es erlaubt die vorgangsbezogene Organisation von Informationen unterschiedlicher Herkunft, etwa von E-Mails, Dokumenten in einem Quickr-Repository oder einem Chat in Sametime. Letzteres positioniert die IBM als ihr Produkt für Unified Communications. Es beruht seit der Ver- sion 7.5 ebenfalls auf dem Eclipse-Framework und lässt sich bei Bedarf im Side Shelf von Notes 8 unterbringen oder in einem frei schwebenden Fenster darstellen.

Notes als Zentrum des Desktop

Mit dem neuen Client erhebt die IBM den Anspruch, nicht bloß eine Collaboration- und Messaging-Anwendung anzubieten, sondern die Anforderungen des von Analysten definierten "Enterprise Desktop" (IDC) beziehungsweise "High Perfomance Desktop" (Gartner) zu erfüllen. IBM zufolge sollten Anwender nach Möglichkeit ihre vorhandenen Business-Applikationen in das Client-seitige Portal integrieren, so dass die Benutzer ihre gesamte Arbeit von dort erledigen können.

Die Client-Strategie auf Basis von Expeditor erlaubt der IBM die Portierung ihrer Desktop-Anwendungen auf verschiedene Betriebssysteme. So wird Notes 8 in einer funktional und optisch identischen Version für Windows, Linux und den Mac zur Verfügung stehen. Das neue Client-Konzept folgt laut IBM einem Service-orientierten Modell, in dem die eigentlichen Anwendungsdienste von der Präsentationsschicht unabhängig sind und sich daher in verschiedenen Kontexten darstellen lassen. Vice President Ken Bisconti sprach in seiner Eröffnungsrede davon, dass Benutzer Informationen und Funktionen in verschiedenen Arbeitsumgebungen abrufen könnten. So bevorzugten jüngere Mitarbeiter die synchrone Kommunikation, so dass sie Sametime als zentrales Tool wählen können, während sich andere vor allem im Mail-Client oder einem RSS-Reader aufhalten würden. Aufgrund der Erweiterbarkeit der Applikationen, die allesamt auf der gleichen technischen Grundlage basieren, ließen sie sich mit Hilfe diverser Bausteine zu vollständigen Arbeitsumgebungen ausbauen.

Die Vision von einer schönen neuen SOA-Welt auf dem Client litt bisher unter dem Mangel an Tools, die sowohl Kompon- enten für Web-Portale als auch das Rich-Client-Framework erzeugen können. Während der Portal-Server Portlets nach dem JSR-168-Standard ausführt, folgt Eclipse/Expeditor einem eigenen Programmiermodell. Die IBM kündigte auf der Lotusphere an, dass der "Lotus Component Designer" (ehemals "Workplace Component Designer") nun beide Welten bedienen kann.

Zwei Herzen in einer Brust

Trotz dieser Fortschritte für Entwickler muss Big Blue in der neuen Client-Welt einige wesentliche Lücken schließen. Diese offenbaren sich besonders bei Anwendungen, die sich wie Notes 8 aus Expeditor-Plug-ins und Altanwendungen wie dem "eigentlichen" Notes-Client zusammensetzen. Der Notes-Nutzer geht aufgrund seiner bisherigen Erfahrung davon aus, dass nach der Replikation einer Anwendung diese auch offline uneingeschränkt zur Verfügung steht. Da aber die neuen Anwendungen wie etwa der Activity Explorer ihre Daten nicht in einer NSF-Datei ablegen, sondern dafür einen eigenen Speicher benutzen, sind diese ohne Server-Verbindung nicht mehr verfügbar. Die dafür nötigen Synchronisierungsmechanismen soll es erst mit Notes 9 geben. Und dann steht die IBM immer noch vor der Aufgabe, die Funktionen von zwei verschiedenen Plattformen so aufeinander abzustimmen, dass der Benutzer von den Inkonsistenzen eines heterogenen Systems nichts mitbekommt.