Marktkonsolidierung

IBM kauft Cognos: Konkurrenz für SAP, SAS und Oracle im Markt für Business Intelligence

Sascha Alexander ist Manager Marketing & Kommunikation bei der QUNIS GmbH, Neubeuern, die auf Beratung und Projekte in der Business Intelligence, Big Data und Advanced Analytics spezialisiert ist. Zuvor war der Autor als Director Communications bei den Marktforschungs- und Beratungsunternehmen BARC und PAC tätig. Als ehemaliger Redakteur der COMPUTERWOCHE sowie Gründer und Chefredakteur des Portals und Magazins für Finanzvorstände CFOWORLD verbindet ihn zudem eine lange gemeinsame Zeit mit IDG.
Seine Themenschwerpunkte sind: Business Intelligence, Data Warehousing, Datenmanagement, Big Data, Advanced Analytics und BI Organisation.
Mit Cognos will IBM einen der größten verbliebenen Anbieter von Software für Business Intelligence schlucken, um das eigene Angebot für das Daten-Management zu komplettieren. Der Deal gibt Sinn - doch IBM wird jetzt nach Jahren der Abstinenz wieder zum Anbieter von Anwendungen und damit zum Gegner von Oracle und SAP.

Rund 58 Dollar pro Aktie hat IBM den Anlegern von Cognos geboten. Dies entspricht einem Übernahmeangebot von rund fünf Milliarden Dollar. Laut Steve Mills, Senior Vice President der IBM Software Group, würden die Produkte von Cognos, die neben Werzeugen für Reporting und Analyse von Geschäftsdaten auch Programme für Planung, Budgetierung und Forecasting umfassen, gut zum Angebot der IBM passen. Big Blue hatte sich in diesem Markt bislang auf Produkte für das Daten-Management und die Datenintegration konzentriert, während man bei der Auswertung und Verteilung von Daten auf Partner wie Cognos setzte. Durch die Kombination der Produkte beider Anbieter könnte IBM künftig alles aus einer Hand liefern ? was laut Mills von Kunden zusehends gewünscht wird. Rob Ashe, President und Chief Executive Officer (CEO) von Cognos, bezeichnete das Angebot als eine gute Nachricht für Kunden, Partner und Mitarbeiter. Es gebe kaum Überschneidungen zwischen den Produkten, jedoch viele Synergien. Man könne Kunden künftig umfassender betreuen und neue Lösungen für Business Intelligence und Information Management auf den Markt bringen.

Übernahme lag in der Luft

In ersten Reaktionen begrüßten Marktkenner die Ankündigung. "Na endlich", kommentiert IDC-Analyst Rüdiger Spies. Cognos hatte seit langem im Mittelpunkt von Übernahmespekulationen gestanden, die nach dem Kauf des ärgsten Konkurrenten Business Objects durch die SAP neuerlich geschürt worden waren. Für Spies war Cognos zwar durchaus auch allein überlebensfähig, doch hatte der attraktive Markt für Business Intelligence in der letzten Monaten große Hersteller wie Oracle, SAP und nun IBM angelockt. "Der Deal kommt nicht unerwartet, weil zurzeit der ganze BI-Markt aufgekauft wird", spitzt Andreas Bitterer, Vice President Research und BI-Experte des Analystenhauses Gartner, die Entwicklung zu.

Bitterer und Spies erwarten, dass die Kombination der BI-Produkte von Cognos mit denen für das Daten-Management von IBM keine größeren Probleme verursachen sollte: Beide Unternehmen waren seit längerem enge Partner gewesen, wobei IBM den Aufbau von Data Warehouses und die Datenintegration übernahm, während Cognos mit seinen Berichts- und Analyse-Clients das Frontend bediente. "Nur bei der Datenintegration gibt es leichte Überschneidungen, doch war Cognos auf diesem Gebiet bisher schwach aufgestellt", sagte Bitterer. Allerdings hatte IBM bis dato nicht nur auf Cognos gesetzt, sondern auch mit anderen BI-Herstellern kooperiert. "Vielleicht auch um zu testen, mit wem man am besten zusammenarbeiten kann", vermutet Spies. Laut Bitterer scheint der Deal dennoch nicht von langer Hand eingefädelt, da Cognos noch vor kurzem die Integration von weiteren Produkten des Anbieters Informatica verkündet hatte, der mit Software für die Datenintegration mit IBM konkurriert.

IBM wird wieder Anwendungen verkaufen

Aus strategischer Sicht wird der Deal erhebliche Veränderungen für IBM haben. So hatte Big Blue jahrelang rigoros eine Rückkehr in den Markt für Anwendungen abgelehnt und stets betont, ein Infrastrukturanbieter bleiben zu wollen. Noch in letzter Zeit hatte IBM stattdessen den Begriff "Asset-based Solutions" bevorzugt. Doch mit dem Kauf von Cognos ist IBM laut Spies endgültig ins Applikationsgeschäft zurückgehrt: "Mit den BI-Produkten kauft IBM keine Middleware, sondern geht ins Enduser-Geschäft." Zudem schüre der Cognos-Kauf die Konkurrenz zu Oracle und SAP, Gartner-Analyst Bitterer sieht hier sogar einen "totalen Konfrontationskurs", den IBM einschlägt.
Bisher hatte sich IBM mit diesen Herstellern vertragen, man hatte sogar voneinander profitiert. Das sei nun vorbei: IBM konkurriere nun offen mit SAP, und dass nicht nur wie bisher bei der Middleware (SAP Netweaver versus IBM Websphere), sondern künftig auch bei Business Intelligence und Software zur Unternehmenssteuerung (Corporate Performance Management). Cognos war seit langem Partner der Walldorfer gewesen und hatte sich für SAP-Produkte wie Netweaver BI zertifizieren lassen. Nun konkurrieren diese BI-Produkte unmittelbar mit denen von Business Objects. Oracle wird durch den sich abzeichnenden Deal weiter isoliert, glaubt Spies. So stehe Oracle nun nicht mehr nur mit der Datenbank und "Fusion"-Middleware sondern ebenfalls nach dem Kauf von Hyperion und Siebel Systems bei BI mit IBM im Wettbewerb.

Verschwindet der BI-Markt?

Für den seit Monaten von Übernahmen erschütterten BI-Markt ist der Kauf von Cognos eine weitere Hiobsbotschaft. So steht etwa für BI-Experte und Berater Wolfgang Martin endgültig fest, dass es keinen eigenständigen BI-Markt mehr gibt: Vielmehr werde BI nun fester Bestandteil eines BPM/SOA-Modells à la IBM oder eines ERP-II-Modells à la Infor. "Verblieben im Rumpfmarkt ist jetzt nur noch SAS Institute und die kleinen Anbieter." Die Kleinen hätten aber eine gute Chance, sich als Best-of-Breed mittels Service-Orientierung in lukrative Nischen zu positionieren. Doch auch der privat geführte BI-Marktführer SAS Institute sieht seine Chance und geht mit IBM ins Gericht. Laut Geschäftsführer Jost Dörken hat mit IBM wieder ein Generalist einen Spezialisten in sein Portfolio einverleibt.
"Unternehmen wollen sich jedoch nicht von diesen Softwareriesen abhängig machen ? vor allem aufgrund deren proprietärer Technologien", kritisiert der Manager. IBM werde die Cognos-Lösungen in seiner Produktwelt aufgehen lassen und Kunden damit Flexibilität nehmen, wie sie eine plattformunabhängige Lösung von SAS bieten könne. Was bei IBM auf den ersten Blick wie eine durchgängige, homogene Plattform aussehe, sei nichts anderes als das Produkt von insgesamt 23 Übernahmen: "Dies bedeutet: 23 zu integrierende Softwarewelten, 23 Mal Schnittstellenproblematik". Doch BI-Experte Martin gibt für Cognos-Kunden Entwarnung. Die Übernahme bedeute "einfach weitermachen". Die IBM habe bei allen Akquisitionen bisher bewiesen, dass man die einmal erworbenen Lösungen weiter entwickele und die Kunden gut bediene, so Martin.