Big Blue gründet Client-Server-Unit

IBM: Die zentrale Rolle des Mainframe wird durch CS bedroht

04.12.1992

ARMONK (IDG) - Mit der Gründung einer Client-Server-Group (CS) in der vergangenen Woche zeichnet sich Branchenkennern zufolge ein Paradigmenwechsel bei der IBM ab. Offenbar wollen die Armonker angesichts des bröckelnden Mainframe-Verkaufs aktiv im Client-Server-Markt mitmischen.

Die neue Division wird einerseits die existierenden Produkte aus Armonk so miteinander verzahnen, daß sie als Client-Server-Lösungen angeboten werden können. Andererseits soll die CS-Gruppe je nach Kundenanforderungen eigene Produkte entwickeln. Damit hat auch die IBM Corp. die Wachstumsmöglichkeiten des Client-Server-Marktes erkannt und ihre bisher Mainframe-zentrierte Sicht der unternehmensweiten Datenverarbeitung teilweise korrigiert. "Der Mainframe mag passen oder nicht, seine Rolle ist nicht mehr in jedem Client-Server-Konzept vorherbestimmt", sagte IBMs President Jack Kuehler gegenüber der "Financial Times". Aber dem Mainframe das Lebenslicht ausblasen wollte der IBM-Manager, an den die neue Division zu berichten hat, denn doch nicht. Dieser Schritt bedeute keine Abkehr vom Mainframe, er könne den Satz "Der Mainframe ist tot" jedenfalls nicht akzeptieren.

Gleichwohl stellt die Gründung der Client-Server-Group die erste Maßnahme des Konzerns zur aktiven Beteiligung an diesem Markt dar. Die Mannschaft unter Leitung von Thomas Furey, der bisher stellvertretender General-Manager Programming Systems war, soll in erster Linie den bestehenden Lines of Business (LOB) helfen, ihren Kunden integrierte Client-Server-Lösungen zu liefern. Sie wird vorerst im Hintergrund arbeiten und für den IBM-Vertrieb die Anpassungsprogrammierung für die Client-Server-Arena erledigen, berichtet die CW-Schwesterzeitung "Computerworld". Die Entwicklung eigenständiger Produkte dürfte vorerst noch zweitrangig sein.

Darüber hinaus sollen in den wichtigsten ausländischen Märkten Kundenzentren eingerichtet werden, in denen potentielle Klienten sich über das CS-Angebot informieren und auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Pilotanlagen testen können.

Gespart wird an der Ausstattung der Unit nicht: 900 IBMer - 800 davon sind Software-Entwickler - werden umbesetzt und arbeiten künftig für den neuen Geschäftszweig. Beispielsweise gehören sämtliche Mitarbeiter des Endicott Programming Laboratory (bisher bei Enterprise Systems aufgehängt) ab sofort zu CS. Dabei arbeiten jedoch die meisten wie zuvor am VM-Betriebssystem, nur wenn notwendig sollen sie in Client-Server-Projekte eingebunden werden. Wie das Unternehmen weiter mitteilte, kommen aus den anderen LOBs zusätzliche Mitarbeiter. Finanziert werden dürfte die Unit aus den Budgets der anderen Geschäftsbereiche, die wahrscheinlich jeweils eine bestimmte Summe zur Verfügung stehend müssen. Noch werde der Bereich nicht wie die LOBs an Gewinnen und Verlusten gemessen, hieß es aus Unternehmenskreisen.

Die Formierung der Gruppe ist nach Angaben des Unternehmenssprechers Jon Iwata als Signal an Kunden zu verstehen, die sich für Client-Server-Lösungen interessieren, daß Big Blue "wirklich diese Reise mit ihnen unternehmen will, ohne in Fragen von Hard- und Software Befangenheit zu zeigen". Der englische Branchendienst "Computergram", berichtet, daß CS sogar auch den Anwendern Service anbieten wird, die gänzlich ohne IBM-Hardware auskommen wollen. Die Tatsache, daß die Division an Kuehler aufgehängt ist, spricht jedenfalls dafür, daß sie nicht unter dem Kuratell einer bestimmten Line of

Business steht.

Allerdings rechnen Marktbeobachter für die IBM mit Schwierigkeiten auf ihrem Weg zum Client-Server-Anbieter. So glaubt John Stevenson, Vice-President MIS bei Dr. Pepper Co./Seven Up Cos., zwar angesichts der abbröckelnden Mainframe-Verkäufe an die Wichtigkeit eines erfolgreichen Auftretens in diesem Markt, prophezeit den Armonkern aber auch schwere Zeiten: "Ich bin nicht sicher, ob sie wissen, wo ihre Kunden sind, und ob sie wissen, wie sie in diesem Markt Fuß fassen können. Das ist alles sehr neu für sie."

Außerdem stelle sich die Frage, ob die IBM-Vertriebsorganisation die neue Client-Server Gruppe nutzen oder einfach weiter versuchen werde, Mainframes zu verkaufen, gibt Frank Dzubek, President der Communications Network Architects Inc., einem Consulting-Unternehmen in Washington DC, zu bedenken. Er fügte hinzu, daß CS auch den Endicott Labors eine neue Rolle zuweise. "Man gibt Leuten etwas anderes zu tun, anstatt sie überflüssig zu machen."

Amy Wohl, Präsidentin von Bala Cynwyd, einem Ableger der Unternehmensberatung Wohl Associates, glaubt an die große Bedeutung dieses Marktes für die Zukunft der IBM: "Sie muß erfolgreich sein, wenn sie es nicht schafft, bekommt sie große Schwierigkeiten." Allerdings fügt sie ihre Bedenken hinzu: "Es sind zwei Paar Stiefel, mit dem Zauberstab zu fuchteln und zu sagen, beobachtet aufmerksam, was wir im Client-Server-Bereich tun werden, oder tatsächlich ein erfolgreicher Lieferant von Client-Server-Lösungen zu sein." Schließlich dächten die Kunden nicht zuerst an die IBM, wenn sie über Client-Server redeten.