Social Business und Collaboration

IBM Connect - Ein Blick in die Zukunft der digitalen Zusammenarbeit

Joachim Haydecker ist Senior Analyst des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Joachim Haydecker als IT-Analyst, IT-Consultant, Trainer und Coach. Seine Schwerpunktthemen sind Social Business, Social Networks, Enterprise 2.0,  Talent Management, Social Learning  und Wissensmanagement.
Als aktiver Blogger und Netzwerker nutzt Joachim Haydecker die gängigen Social Networks für seine berufliche und private Kommunikation. Als Sprecher und Moderator ist er regelmäßig auf Barcamps und Konferenzen aktiv. Als Spezialist für Social Business ist er bei der DNUG im erweiterten Vorstand aktiv.

 

Schafft IBM mit neuer Strategie und neuen Produkten den Turnaround in Sachen Collaboration? Was hat Big Blue seinen treuen Notes-Kunden künftig zu bieten? Antworten lieferte der Konzern auf seiner Jahreskonferenz für Social Business und Digitale Experience.

Wie schafft man es, ein so großes Unternehmen wie die IBM aus einem seit langem sehr unruhigen Fahrwasser heraus zu manövrieren? Wie gelingt es, einen neuen Kurs einzuschlagen, attraktivere Produkte auf den Markt zu bringen und glücklichere Kunden zu bekommen? Nach etlichen Reorganisationen und einem heftigen Personalabbau hat IBM mit "Design Thinking" einen neuen Weg eingeschlagen. Design Thinking ist eine erfolgsversprechende und etablierte Methode, um bessere Prozesse für die Entwicklung neuer Ideen und Produkte zu gestalten. Diese neue Denkweise versucht IBM seit geraumer Zeit ganz tief in die DNA des Unternehmens zu verankern. Nachdem viele am Anfang der Design-Thinking-Initiative glaubten, es handele sich dabei nur um einen Marketing-Gag, zeigen sich nun die ersten greifbaren Ergebnisse. Den Produktankündigungen auf der diesjährigen "Connect"-Konferenz in Orlando merkte man an, dass die IBM sich tatsächlich gewandelt hat.

Anders als nach dem unruhigen letzten Jahr zu befürchten stand, waren die anwesenden Kunden und Business Partner insgesamt sehr positiv gestimmt. Das Vertrauen, dass IBM noch die richtigen Antworten auf die Veränderungen des Marktes und die Bedürfnissen der Kunden liefern kann, war doch stark geschwunden. Das gilt nicht für das Unternehmen insgesamt, sondern auch für den ohnehin sehr kleinen Bereich Collaboration. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Connect-Konferenz massiv geschrumpft ist. Weil die Teilnehmerzahlen deutlich zurückgingen, wurde der alte Standort aufgegeben und man zog in ein neues Konferenzhotel um. Es ist abzusehen, dass die letzte eigenständige IBM-Konferenz in Orlando aufgelöst und in die große IBM-Veranstaltung in Las Vegas eingegliedert wird.

IBM investiert in Connections

Dessen ungeachtet brachte die Connect 2016 zahlreiche neue Ankündigungen. Endlich wird beispielsweise "Connections" das, was es eigentlich sein sollte: Die zentrale Kommunikationsplattform innerhalb eines Unternehmens. Integriert mit Verse für die E-Mail-Kommunikation und dem neuen und attraktiven Layout, erhalten Anwender einen Ort für ihren Informations- und Wissensaustausch.

So sieht IBMs Kommunikationsplattform Connections aus.
So sieht IBMs Kommunikationsplattform Connections aus.
Foto: eigenes Foto (2016)

IBM hat erkannt, dass es zu viele Kommunikationsformen gibt und viele Menschen mittlerweile unter den vielen Plattformen und der Frequenz der aufpoppenden Nachrichten leiden. Lange Zeit propagierten die IBM-Marketiers, dass Unternehmen keine E-Mails mehr benötigen, sondern eigentlich nur noch "Connections". 2015 kam dann der Schwenk zu IBM Verse und die Neuerfindung der E-Mail. In diesem Jahr hat der Konzern nun endlich angefangen, die verschiedenen Formen der Kommunikation zu vereinen.

Kein CIO wird nur wegen der E-Mail Funktionalität zu Domino zurückkehren. Daher ist es für IBM der richtige Weg, eine integrierte Kommunikationsplattform anzubieten. IBM nutzt mit Connections neben optimierten Bedienelementen und neuen Anwendungskonzepten intensiv analytische Verfahren, um den Anwendern immer die Informationen bereitzustellen, die diese für ihre Arbeit benötigen.

Gemeinsam mit den Angeboten der Business-Partner ist es möglich, Informationen aus anderen Anwendungen und Quellen einzubinden. Die Marketing-Abteilung etwa kann in einer Community alle relevanten internen und externen Quellen zusammenführen. Das Vertriebsteam nutzt die Kommunikationsfähigkeiten innerhalb der Plattform und zeigt die aktuellen Vertriebszahlen aus Salesforce an. Das Intranet-Redaktionsteam erarbeitet die Inhalte gemeinsam in einer Community. Diese werden dann im Social Intranet bereitgestellt. Das Stichwort heißt "One single point of truth": Es gibt nur noch einen Ort, an dem Informationen bearbeitet, verteilt und auch diskutiert werden.

Vielen Unternehmen sind die im Internet angebotenen virtuellen Speicherplätze für Dateien ein Dorn im Auge. Trotzdem besteht immer wieder die Notwendigkeit, gemeinsam mit einem Kunden oder Zulieferer einen entsprechenden Dienst zu nutzen. Über eine adäquate Erweiterung können Benutzer nun innerhalb einer Community einen bestimmten Ordner einer dieser Dienste einbinden. So lässt sich der Austausch sicher und kontrolliert organisieren.

Abgerundet wird das Angebot durch die Weiterentwicklung von IBM Docs, das in vielen Details verbessert wurde. So können mit der kommenden Version in einem Word-Dokument Anmerkungen erfasst werden, die auch beim Im- und Export nach Microsoft Word erhalten bleiben. Die mobile Version ist noch besser in Connections integriert. Ein Dokument innerhalb einer Community bleibt auch dann nur innerhalb der Community verfügbar, wenn dieses auf dem mobilen Device bearbeitet und zurückgespeichert wird. Es erfolgt keine Speicherung außerhalb des vorgegebenen Ortes. So könnte aus einer Social-Collaboration-Platform der integrierte Arbeitsplatz der Zukunft werden.

IBM Verse, Notes und Domino

Wie in jedem Jahr erhofften sich die Notes-Anhänger viel Neues für ihren geliebten Client. Aber wie nun bereits seit einigen Jahren wurden sie enttäuscht. IBM wird den Notes-Client weiterhin pflegen und immer wieder anpassen - aber nicht mehr.

Der Notes-Client ist wie eine gute alte Werkbank. Seit vielen Jahren leistet sie treu ihre Dienste, sieht nicht mehr besonders schick aus und schleppt viel Ballast durch einige Fehlentscheidungen in der Vergangenheit mit sich herum. Aber nach wie vor kann sie alle Anforderungen erfüllen und hat eine große Fangemeinde, die auf das Produkt schwört. Ab und zu wird daran noch etwas repariert.

Offline mit Prozess- und Workflow-Anwendungen zu arbeiten, ist nach wie vor in vielen Unternehmen ein wichtiges Thema. Beispiel: Aufgrund der in den letzten Jahren bekannt gewordenen staatlichen Überwachungen werden immer mehr Fabriken vom Internet getrennt. Dort gibt es kein WLAN oder diverse Möglichkeiten online zu gehen- hier helfen nur Papier oder die Replikationsfähigkeiten der Notes-Datenbanken.

Den Domino Server will IBM künftig aufwerten. IBM Verse kommt zum Ende des Jahres in einer im Unternehmen zu installierenden Variante auf den Markt. Die technologische Basis dafür wird der Domino-Server sein. Die kommenden Updates bereiten den Domino-Server auf diese Aufgabe vor.

Zu den weiteren Verbesserungen gehört, dass der Datenbank-Index endlich aus der NSF-Datei entfernt und extra gespeichert wird. Auch in den Bereichen Sicherheit und Verschlüsselung ist einiges zu erwarten. Außerdem wird es nun endlich einen Domino-Konnektor für die letzten drei Versionen von Microsoft Outlook geben.

Notes ist nicht Tod! Aber die Zukunft liegt bei der IBM im Browser und in den mobilen Anwendungen. Unternehmen, die auf dem Domino-Server neue Anwendungen entwickeln, müssen sich intensiv mit XPages auseinandersetzen. Wer keine Scheu hat, Applikationen in der Cloud zu entwickeln, greift auf die Bluemix-Plattform zurück.

Watson Analytics wird greifbarer

Viel hat IBM immer wieder über Watson berichtet, aber so richtig greifbar waren die gepriesenen Fähigkeiten für viele Anwender nicht. Wo liegt der Mehrwert? Wie kann man diesen Service selbst nutzen? Was heißt es überhaupt, wenn ein Computer Text lesen, übersetzen, verstehen und analysieren kann?

In den Bluemix-Vorträgen wurden interessante Anwendungen gezeigt, die sich die Fähigkeiten zunutze machen. Unter anderem wurde auf Basis von node.js und einem grafischen Editor ein Web-Service live entwickelt, der auf einem Domino-Server lokal oder in der Cloud die Daten speichert. Die Quelle war in diesem Fall ein Twitter-Stream. Die Tweets wurden in Echtzeit mit Hilfe eines von IBM Watson

bereitgestellten Übersetzungsservices im Hintergrund ins Spanische übersetzt und in einer XPages Anwendung angezeigt.

Ein anderes Unternehmen stellte einen Dienst für Bewerberinterviews zu Verfügung. Die Bewerber beantworten auf einer vorbereiteten Website Fragen, die per Video aufgezeichnet werden. Diese Videos werden von Watson transkribiert und nach bestimmten Vorgaben ausgewertet. Niemand wird daraufhin einen Mitarbeiter einstellen, aber die Personalabteilung erhält bereits zu einem frühen Zeitpunkt einige zusätzliche Informationen über den Bewerber.

IBM Toscana: Live Chat und Community für agile Teams

Unter dem Projektnamen "Toscana" kündigte IBM ein völlig neues Produkt an. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus einem Live Chat und einer Community. Wer bereits mit Slack und WhatsApp gearbeitet hat, wird vieles wiedererkennen. Anwender können gemeinsam live an Dokumenten arbeiten. Hat ein Kollege einen Text geschrieben, kann man jederzeit am Arbeitsplatz oder mobil mit einsteigen und eigene Inhalte hinzufügen. Am Ende der Arbeit wird das Ergebnis in ein Dokument oder in ein Wiki überführt.

"Toscana" steckt zwar noch im Entwicklungsstadium, soll aber noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. Auch wenn IBM selber noch nicht weiß, wohin die Reise mit dem Produkt gehen wird, ist der Ansatz interessant. Die Zielgruppen sind agil arbeitende Teams und kleinere Unternehmen.

Fazit: IBM auf dem richtigen Weg

IBM hat in den vergangenen Jahren nicht nur im Bereich Collaboration Vertrauen und viele Kunden verloren. Trotzdem setzen nach wie vor große Unternehmen und auch viele KMUs auf die IBM Collaboration Lösungen. Business-Partner auf der Connect berichteten von vielen interessanten Gesprächen mit Kunden, die vorher noch nie im IBM Universum zu sehen waren (siehe auch: Collaboration Programme: Es muss nicht immer Exchange sein).

Wird der kleine Collaboration-Bereich innerhalb IBM also die Kurve kriegen? Werden endlich die gezeigten Folien aus der Marketingabteilung fertig entwickelt und auf die Straße gebracht? Den Beweis hierfür kann nur die IBM erbringen. Hatte man in der Vergangenheit wenig Hoffnung, so überwiegt nun das Gefühl, dass die Veränderungen innerhalb der IBM Früchte tragen. Noch sind sie nicht abgeschlossen. Man darf jedoch hoffen, dass die neue Denkweise "Design Thinking" im Konzern weiterverfolgt wird und somit noch mehr innovative Produkte entwickelt werden, die zeitnah auf den Markt kommen.

Unternehmen, die sich mit dem integrierten digitalen Arbeitsplatz der Zukunft (Digital Workplace) beschäftigen, sollten sich mit den aktuellen und kommenden Lösungen der IBM auseinandersetzen. Der Ansatz und die konkreten Lösungen, wie Mitarbeiter in einem Unternehmen zusammenarbeiten und Informationen austauschen können, ist nach wie vor einer der modernsten und hat an Attraktivität gewonnen. (wh)