IBM 2.0 startet in Deutschland

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Der Umbau als "One IBM" ist allen Befürchtungen zum Trotz glimpflich über die Bühne gegangen. Für Unruhe sorgen jedoch Gerüchte über die Zukunft von Deutschland-Geschäftsführer Martin Jetter.

Zum 1. Juli ist IBM in Deutschland mit einer neuen Unternehmensstruktur angetreten. Deutschland-Geschäftsführer Martin Jetter hatte den Umbau Ende Januar dieses Jahres unter dem Motto "One IBM" angekündigt und klare Ziele gesetzt. Fragmentierte und sich überlappende Strukturen, die in den vergangenen Jahren unter anderem durch die zahlreichen Übernahmen entstanden waren, sollten entflochten und neu gebündelt werden. Als Ziel wurden mehr Effizienz und Kundennähe ausgegeben. IBM wird nur noch mit einer Marke in Deutschland auftreten, lautete die Vorgabe. Nur mit einer klaren Ausrichtung auf Kernkompetenzen sei der Konzern in der Lage, auf die sich ständig ändernden Anforderungen der Märkte zu reagieren, begründete Jetter den Umbau.

Konzern wird umgekrempelt

Erreichen will der IT-Anbieter die hochgesteckten Ziele mit einer komplett umgekrempelten Konzernstruktur. Demnach stellt sich IBM in Deutschland nach folgenden vier Kernkompetenzen auf:

IBM Deutschland Research & Development GmbH: Hier werden die Forschungs- und Entwicklungsressourcen zusammengefasst.

IBM Deutschland GmbH: In dieser Gesellschaft bündelt Big Blue die Sales-and-Consulting-Kompetenzen. Sie umfasst künftig das Beratungsgeschäft sowie den Vertrieb aller Produkte und Dienstleistungen von IBM.

Solutions & Services: Dieser Bereich liefert die IBM-Produkte und -Services und kümmert sich bei Bedarf auch um die Einführung. Dabei handelt es sich größtenteils um neue beziehungsweise umfirmierte Gesellschaften aus der heutigen Dienstleistungssparte Global Technology Services (GTS) und der Beratungssparte Global Business Services (GBS).

IBM Management & Business Support GmbH: Diese Gesellschaft übernimmt alle Management- und Verwaltungsfunktionen.

An dieser Vier-Säulen-Strategie sollen sich die 19 künftigen IBM-Gesellschaften in Deutschland orientieren. Jetter bezeichnet die neuen IBM-Einheiten auch als "Centers of Excellence". Ziel sei es, den Fokus der einzelnen IBM-Gesellschaften hierzulande zu schärfen. Aufgaben müssten dort erledigt werden, wo sie sich am wirtschaftlichsten abwickeln ließen beziehungsweise wo das dafür notwendige Know-how vorhanden sei, sagte Jetter im Vorfeld des Umbaus. Die einzelnen Bereiche in Deutschland müssten sich deshalb neu positionieren. Als Hochlohnland könne man nicht mit Kostenstrukturen wie beispielsweise in Indien konkurrieren.

IBM Deutschland will sich in Zukunft auf bestimmte Schlüsselbranchen und strategische Themen konzentrieren. Jetter nannte in diesem Zusammenhang Marktsegmente wie Banken, Versicherungen, die Automobilbranche sowie den öffentlichen Sektor und Themen wie Service-orientierte Architekturen, die Kooperation mit SAP, Informations- und Infrastruktur-Management sowie Green IT und IT-Sicherheit.

Im Zuge der Umstrukturierung nimmt Jetter die eigenen Mitarbeiter in die Pflicht. Die Belegschaft sei gefordert und müsse agil bleiben. Alleiniger Maßstab sei der Mehrwert für die Anwender und der Erfolg bei den Kunden. Der IBM-Geschäftsführer geht davon aus, dass die künftige Unternehmensstruktur effizienter und produktiver funktionieren wird.

8000 Mitarbeiter wechseln

Bevor Jetter die Früchte seiner Arbeit ernten kann, müssen sich erst einmal rund 8000 der insgesamt 21 000 IBM-Mitarbeiter in ihrem neuen Umfeld zurechtfinden. Dabei versprach der IBM-Chef, dass es keinen Stellenabbau geben werde und Mitarbeiter, die konzernintern in eine neue Gesellschaft wechselten, keine Nachteile zu befürchten hätten.

Trotz dieser Beteuerungen hat der Umbau innerhalb der IBM-Belegschaft für einige Unruhe gesorgt. Die Ankündigung habe die Mitarbeiter verunsichert, so Rolf Schmidt, zuständig für den Bereich IT in der Bundesverwaltung der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Nachdem die hiesigen IBMer in den vergangenen Jahren angesichts von Betriebsstilllegungen, Personalabbau, Diskussionen um die Kürzung von Pensionsansprüchen sowie die Kündigung des Urlaubsgeldes einiges erduldet hätten, wüssten nun viele nicht, welches IBM-Etikett sie künftig tragen müssten. Schmidt räumt allerdings ein, dass IBM den Übergang in die Konzernstruktur gut gemeistert hat. Bis dato scheint der Umstieg glimpflich abgelaufen zu sein. Die Befürchtungen im Vorfeld, IBM wolle für ein größeres Gefälle in der Belegschaft sorgen, hätten sich nicht bewahrheitet. Verdi zufolge habe für alle Gesellschaften neue Tarifverträge aushandeln können. Gerüchte, wonach die Pensionsansprüche gefährdet seien, träfen aus seiner Sicht nicht zu. Das IBM-Management habe seine Versprechen gehalten.

Teile und herrsche

Nicht ganz so euphorisch sieht Bertold Baur von der IG Metall die aktuellen Entwicklungen. Zwar seien die Tarifverträge unter Dach und Fach. Mit der stark zersplitterten Organisation werde jedoch der Kollektivschutz der Belegschaft untergraben. Der Konzern schüre die interne Konkurrenz und könne so mehr Druck auf die einzelnen Gesellschaften ausüben, fürchtet der Gewerkschafter. Darüber hinaus müsse man abwarten, ob sich die Wachstumserwartungen des IBM-Managements erfüllten, dämpft Baur zu hohe Erwartungen. Sollte dies nicht der Fall sein, werde es auf Kosten der Mitarbeiter gehen.

Kunden wollen mehr Transparenz

Ob die Rechnung der hiesigen IBM-Führung aufgeht, hängt vor allem davon ab, wie die Kunden die neue Organisation annehmen. Die ersten Reaktionen sind vorsichtig positiv. In der Vergangenheit habe es durchaus das eine oder andere Problem in der Kundenansprache gegeben, berichtet Michael Weiß, Region Manager Deutschland der IBM-Nutzervereinigung GSE und verantwortlich für den Mainframe-Betrieb bei Huk-Coburg. Beispielsweise hätten oft wechselnde Ansprechpartner und mangelnde Produktkenntnisse des Vertriebs die Kunden verärgert. Deshalb begrüßt Weiß die Pläne, den Kunden eine einheitliche Schnittstelle zu bieten und das Branchen-Know-how zu stärken. Darüber hinaus mahnt der Anwendervertreter mehr Ordnung im IBM-Lösungsportfolio an. Unter den zahlreichen Zukäufen habe die Transparenz gelitten. Angesichts sich überschneidender Produktlinien müsse sich der Konzern mehr um die Integration seiner Produkte kümmern, damit den Kunden ein gut sortiertes Lösungsportfolio präsentiert werden könne.

Was macht Jetter?

Nachdem das hiesige IBM-Management die Umstrukturierung überraschend ruhig über die Bühne gebracht hat, rumort es an der Konzernspitze. Für Aufregung sorgen derzeit Spekulationen um die Person von Deutschland-Geschäftsführer Martin Jetter. Konzernintern geht das Gerücht um, der IBM-Geschäftsführer werde seinen Posten räumen und zu BMW wechseln. IBM nimmt zu derlei Gerüchten prinzipiell keine Stellung, und auch beim Münchner Autobauer will man von dem neuen Management-Mitglied nichts wissen. Für Verdi-Mitglied Rolf Schmidt wäre der Abschied Jetters unvorstellbar. Nachdem der Manager den Umbau des Konzerns persönlich so stark vorangetrieben habe, wäre es unfassbar, dass der Kapitän in dem Augenblick das Schiff verlässt, in dem es ablegt.

Auch in Kundenkreisen kann sich niemand eine Demission des langjährigen IBM-Managers vorstellen - gerade jetzt, wenn es darum gehe, die Ernte der vergangenen Arbeit einzufahren. Unter Anwendern wird vielmehr darüber spekuliert, welche Möglichkeiten sich für den Deutschland-Geschäftsführer ergäben, sollte die Umstrukturierung erfolgreich sein. Möglicherweise könne dies die Türen zu einem hohen Posten in der US-amerikanischen Konzernzentrale öffnen.