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Hitachi gibt den Mainframe-Markt auf

07.03.2000
Nur der bestehende Kundenstamm wird weiter bedient

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Hitachi Data Systems (HDS), der in den USA ansässige Mainframe-Ableger des japanischen Mischkonzerns Hitachi, hat gestern einen "strategischen Produktübergangsplan" angekündigt. Die Kernaussage lautet schlicht: Der Kampf um weitere Marktanteile im Großrechnermarkt rechnet sich nicht.

Die Konsequenz: Die bisherigen Auslieferungsvorhaben für die existierenden Produktlinien ("Pilot", "Skyline", "Trinium") wurden drastisch zurückgenommen. Neue Maschinen und Upgrades sollen nur noch an den bestehenden Kundenstamm verkauft werden.

Gleiches gilt offenbar auch für den europäischen Wiederverkäufer Comparex. Geschäftsführer Hans-Dieter Jonescheit erklärte dazu, die Liefersituation bei den auf IBM-Chiptechnik basierenden Systemen lasse schlicht nur noch Upgrades zu - das Neukundengeschäft sei mangels Masse nicht mehr möglich. Die Hybrid-Systeme der Trinium-Familie (hierzulande als "M3000" vertrieben) seien im Prinzip preislich nicht mehr wettbewerbsfähig. HDS´ neue "Hercules"-Hardware sei wohl erst in zwei Jahren (Ende 2001) zu erwarten, und die bisher bekannten Produkt-Details stellten eine OS/390-Kompatibilität in Frage. "Wer zwei Jahre nur Upgrades bieten kann, der ist raus aus dem Geschäft", so Jonescheits Fazit. Comparex werde sich daher umorientieren und sich stärker auf das Geschäft mit NT-Lösungen (in Kooperation mit der EMC-Tochter Data General) sowie im Unix-Umfeld (wegen der neuen EMC-Partnerschaft vor allem im Solaris-Bereich) konzentrieren.

Laut Chris Worall, Vice President für das Server-Produkt-Marketing, ist mit dem Neukundengeschäft einfach kein Geld mehr zu verdienen. Zwar halte die Nachfrage nach mehr Mainframe-Leistung ungebrochen an, doch sei der Preisverfall so heftig, dass es "kein gutes Geschäft" sei, diese weiterhin zu befriedigen.

Worall bemühte sich nach Kräften, die Neuausrichtung von HDS nicht als endgültigen Ausstieg aus dem Großrechnergeschäft erscheinen zu lassen. Schließlich, so der Marketing-Mann, würde die bisherige Kundschaft weiterhin bedient. Wer sein System aufrüsten wolle, der könne das nach wie vor tun, jedenfalls auf absehbare Zeit. "Die Produktlinien sind offen, und sie bleiben offen", erklärte Worall.

Jedenfalls soll der Schwerpunkt der technischen Entwicklungen künftig auf "heterogenen Enterprise-Servern" liegen. "Der Markt verlangt nach heterogenen 100-prozentigen Echtzeitumgebungen mit einer heute noch unerreichten Leistung und Skalierbarkeit - und das zu immer niedrigeren Preisen", erklärte Yoshihiro Koshimizu, President und CEO (Chief Executive Officer) von HDS. Sein Unternehmen werde sich daher - im Gegensatz zur Konkurrenz - Technik mit einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis und neuen Geschäftsmodellen zuwenden. Neben neuen Servern gehöre dazu ein verstärktes Engagement im Bereich Storage (CW Infonet berichtete) sowie im Lösungsgeschäft. Details will man binnen 90 Tagen bekannt geben.

Nicht ganz unschuldig am Sinneswandel der Japaner dürfte IBM sein. HDS macht sich mit dem Schritt weg vom Big Iron à la Big Blue unabhängiger vom bisherigen Zwangs-Technologielieferanten. Beobachter halten es nämlich laut "Computergram" für ausgesprochen unwahrscheinlich, dass IBM dem PCMer (Plug-Compatible Manufacturer) Hitachi die neueste Generation "G7" seiner aktuellen CMOS-Prozessoren zur Verfügung stellen wird.