Handel

Handel mausert sich zum IT-Arbeitgeber

Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 18 Jahren. Langweilig? Nein, sie endeckt immer wieder neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und in ihrem eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisert.
Einkaufen und IT haben viel gemeinsam. Läden aller Art kommen ohne Soft- und Hardware nicht mehr aus. Dennoch hängt dem Handel ein wenig attraktives Image an, wenn es um Job und Karriere geht - zu Unrecht.

Der Einkaufswagen spricht mit dem Kunden, und das Regal meldet den bevorstehenden Ausverkauf eines Produkts. Spätestens seit die Metro AG im Frühjahr ihren Future Store im niederrheinischen Rheinberg eröffnete, ist klar: Einkaufen hat viel mit IT zu tun. Dank eines Tablet PC am Einkaufswagen werden im Future Store alle Einkäufe registriert, bevor es zur Kasse geht. Das lästige Umschichten der Waren aus dem Wagen auf das Band entfällt, denn der digitale Assistent hat die Endsumme schon berechnet.

Vom Kiosk bis zum Konzern

Das ist nur eine von vielen Neuerungen, über die die Branche schon seit langem laut nachdenkt, genauso wie über intelligente Waagen- und Kassensysteme, die das Einkaufen im Laden angenehmer machen sollen. Hier ist sichtbar für den Kunden, was sonst im Hintergrund bleibt: "Ohne eine vernünftige IT-Infrastruktur ist ein moderner Handel nicht mehr wettbewerbsfähig", weiß Wilfried Malcher, Experte für Bildungsfragen beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) in Berlin. "Data Warehouse, Efficient Consumer Response, Supply-Chain-Management und E-Logistik, mit den Themenbeschäftigt sich die Branche im Moment."

Im Handel arbeiten drei Millionen Beschäftigte in 50000 Unternehmen - vom Kiosk an der Ecke bis zum Konzern ist alles dabei. Aber geprägt scheint er durch einige wenige Großunternehmen wie Metro, Rewe, Edeka, Tengelmann, Aldi, Otto, Walmart oder Karstadt-Quelle, die international operieren, viele tausend Beschäftigte haben und ein breites berufliches Spektrum anbieten. Sie sind auch die Hoffnungsträger für die Zukunft: Durch ihre Größe und Marktmacht sind die Ketten und Konzerne viel unabhängiger von wirtschaftlichen Schwankungen als der Tante-Emma-Laden nebenan.

Chancen für Akademiker

Doch bislang bestimmten beim Thema Karriere im Handel auch hier oft Arbeitszeiten und Gehälter die Diskussion. Das Image war wenig glamourös, dementsprechend hatten Unternehmen oft Mühe, die Fachleute für ihre IT-Abteilungen zu finden. Das hat sich geändert: "Vorbei sind die Zeiten, in denen interessante Jobs und Führungspositionen nur mit Fachleuten besetzt wurden, die eine Lehre im Handel absolviert hatten", sagt Malcher. "In nicht wenigen Zentralen von großen Handelshäusern liegt heute der Akademikeranteil bei weit über 50 Prozent." Durch den ständigen Strukturwandel werden auch die Aufgaben für Betriebswirte oder IT-Spezialisten immer komplexer, die Jobs attraktiver, die Verdienstmöglichkeiten besser.

Das hat damit zu tun, dass sich der E-Commerce in aller Stille besser entwickelt als vermutet. Über 14 Millionen Menschen kaufen hierzulande regelmäßig im Netz ein - auch ein Verdienst der großen Versandhäuser, die sich früh das virtuelle Shopping auf die Fahnen geschrieben haben. Mittlerweile bezeichnet sich der Otto-Versand als weltweite Nummer zwei im Online-Versandhandel und erzielt im Business-to-Consumer-Geschäft einen Umsatz von jährlich 1,7 Milliarden Euro. Nach einem insgesamt eher mühsamen Anfang liegen die Deutschen hinter den Amerikanern und den Koreanern jetzt weltweit auf Platz drei beim E-Commerce. Möglich machen es Spezialisten, die intelligente und kundenfreundliche Shop- und Bezahlsysteme entwickeln.

Anders als anfangs vermutet, ist der E-Commerce kein Selbstläufer - er funktioniert nur nach bestimmten Spielregeln, bei denen das elektronisch gestützte Customer-Relationship-Management eine große Rolle spielt. Was hier gilt, trifft auch für die "E-Logistik" zu - der Kunde, der einmal verprellt wurde, kommt nicht wieder. Da haben Versender wie Otto oder Quelle nicht nur langjährige Erfahrung - sie suchen auch IT-Profis zur Abwicklung komplexer Geschäftsvorgänge. Begehrt sind vor allem Entwickler und SAP-Spezialisten.

Vom Versandhandel haben es auch die anderen gelernt: Jedes Handelshaus, das etwas auf sich hält, ist im Netz vertreten und vertreibt auch dort unter dem Stichwort Multi-Channelling Produkte und Dienstleistungen. Ein Beispiel ist die Rewe-Gruppe, zu der allein in Deutschland 8500 Fach- und Supermärkte, aber auch sechs Reiseveranstalter und 2500 konzerneigene und Partnerreisebüros gehören. Die Gruppe ist mit ihrer Touristikplattform Avigo und verschiedenen Business-to-Business-Portalen im Web präsent. "Vernetzung von Märkten und Lieferanten ist bei uns im Moment generell ein großes Thema", sagt Katja Hoppmann vom Personal-Marketing der Rewe-Zentral AG.

Um Bedarf und Anforderungen in Sachen IT zu bündeln, haben die meisten Handelsriesen eigene IT-Töchter gegründet, etwa die MGI GmbH bei der Metro AG oder die Itellium GmbH für die Karstadt-Quelle AG. Schon seit Anfang der 90er Jahre arbeitet die Rewe-Informationssysteme GmbH als konzerneigener Dienstleister, hat sich in den vergangenen Jahren kräftig von 260 auf rund 500 Mitarbeiter verstärkt und wächst noch weiter. "45 neue Mitarbeiter sind in diesem Jahr allein in unserem IT-Bereich dazugekommen, und es sind ungefähr noch zehn weitere Stellen zu besetzten", sagt Hoppmann.

Gefragte Anwendungsentwickler

Vor allem Anwendungsentwickler, zum Beispiel für den Bereich Data Warehouse, sind im Handel gefragt. Die findet auch Rewe heute leichter als noch vor einigen Jahren. Rund 800 Stellensuchende melden sich hier im Monat - ein Drittel davon aus dem IT-Bereich.

Ist der Handel als Arbeitgeber interessanter geworden? Neben einer allgemein schwachen Konjunktur spielen wohl weitere Faktoren eine Rolle: Entgegen dem Trend bauen die großen Handelsunternehmen ihren Personalbestand, wenn auch moderat, weiter aus. Sie versprechen, unabhängig von der derzeitigen Wirtschaftslage, sichere Jobs. Dazu kommt, dass "wir selbst unsere Aktivitäten im Bereich Personal-Marketing sehr verstärkt haben, um attraktiver für qualifizierte Bewerber zu werden", so Hoppmann. Schließlich lässt sich wohl auch das Vorurteil der niedrigen Gehälter nicht aufrechterhalten. Ein Entwickler mit Berufserfahrung oder ein Betriebswirt in der Position eines Marktleiters können mit durchschnittlich 40000 bis 50000 Euro Jahresgehalt rechnen, schätzt der HDE. (am)

Angeklickt

Wie andere Anwenderbranchen profitiert auch der Handel von der allgemein schwachen Konjunktur, indem er deutlich mehr Bewerbungen von IT-Profis erhält als in der Vergangenheit. Die großen Handelsunternehmen bauen ihren Personalbestand moderat, aber stetig aus und versprechen sichere Jobs.