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Neue Lösungen für Problemstellungen

Hackathon - Der Innovationsprozess der Zukunft?

Walter Brenner ist Professor für Informationsmanagement und geschäftsführender Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Informationsmanagement, Industrielle Services, CRM, Design Thinking und Digital Consumer Business.
In sogenannten Hackathons werden in kleinen Gruppen Ideen für eine vorgegebene Problemstellung entwickelt und programmiert. Wie praxistauglich sind die Lösungen?

Eines sei bereits zu Beginn dieses Artikels eingestanden: Für eine definitive Beurteilung des Phänomens "Hackathon" ist es im Moment zu früh. Ich kann aber erste Hinweise über Potentiale und Grenzen dieser Innovationsveranstaltungen geben. Ob Hackathons ein temporäres Phänomen sind oder im Sinne des "Here to stay" sich dauerhaft als Innovationsinstrument etablieren, wird die Zukunft zeigen.

Auf jeden Fall kann ich von einem positiven Beispiel berichten. Zusammen mit zwei Professorinnen der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, Claudia Lemke und Kathrin Kirchner, schreibe ich zurzeit ein neues Wirtschaftsinformatik-Lehrbuch für Studierende der Betriebswirtschaftslehre im ersten Semester. Der erste Band dieses Lehrbuches ist bereits publiziert.

Im zweiten Teil soll jeder Studierende der Betriebs­wirtschaftslehre praktisch erleben, wie Ideen in einem Formalisierungsprozess in Code umgesetzt werden kann. Um näher an die Erfahrungswelt der Studierenden heranzu­kommen, hat das Autorenteam im November zusammen mit vier Studierenden der Hochschule in Berlin einen Hackathon organisiert, um heraus­zufinden, wie der Programmierteil dieses Lehrbuches aussehen soll. Eine erste Erfahrung war, dass zwei Professorinnen und ein Professor nicht in der Lage sind, einen Hackathon zu organisieren und dass man nicht in jeder Stadt einen Hackathon abhalten kann.

Die vier Studierenden, die uns bei der Gestaltung des Programmierteils unterstützten, erwiesen sich als Kenner der IT-Szene in Berlin und zeigten uns, welche Location in Frage kommt und wie man die Personen in dieser Szene anspricht, welche Lebensmittel angeboten werden müssen, wie der Event abläuft und wie man mit den Teilnehmenden kommuniziert. Schon die Vorbereitung war für mich ein Lernerfahrung und es wurde mir rasch klar, dass es spezifisches Know-how braucht, um einen Hackathon "szenengerecht" zu organisieren. Auf jeden Fall kamen als Ergebnis der Vorarbeiten an einem Samstagmorgen im November 35 Personen zusammen und begannen - wie von einer unsichtbaren Hand motiviert - nach einer kurzen Einführung an der Konzeption des Programmierkapitels zu arbeiten.

Ergebnisse aus allen Gruppen wertvoll

In kleinen Gruppen wurden im Ahoy in Berlin Wilmersdorf, einem sog. Coworking-Space Programmierbeispiele entwickelt und Lehrkonzepte erstellt. Das Spektrum der Teilnehmer reichte von einer 16-jährigen Schülerin, über Studierende aus Fachhochschulen und Universitäten aus dem Grossraum Berlin und München bis zu einem 52-jährigen Fachhochschulprofessor aus Hamburg.

Es braucht keine grosse Erklärung, dass das Kreativitätspotential dieser Gruppe enorm war. Und die Ergebnisse, die nach 36-stündiger Arbeit präsentiert wurden übertrafen meine Erwartungen bei weitem. Die sechs Gruppen präsentierten gut ausgearbeitete Konzepte, die teilweise bereits programmiert waren und gaben uns wesentliche Hinweise, wie wir diesen Einstieg in die Welt der Programmierung didaktisch gestalten sollten.

Der Hackathon war als Wettbewerb organisiert. Ein Team ging als Gewinner hervor. Insgesamt wurden für die ersten drei Teams Siegesprämien in der Höhe von ca. 4000 Euro ausbezahlt. In der Jury arbeiteten die vier Studierenden, die den Hackathon organisierten, mit. Es ist aber keineswegs so, dass nur die Ergebnisse des Siegerteams verwendet werden können. In den Ergebnissen aller sechs Gruppen gab es wertvolle Hinweise. Entscheidende Hinweise für das Lehrbuch verdanken wir einem Team, das es nicht einmal unter die ersten drei schaffte.

Wertvolles Instrument mit vertretbarem Aufwand

Zusammenfassend lässt sich als erste Erkenntnis berichten, dass ein Hackathon ein wertvolles Instrument ist, um in kurzer Zeit, mit vertretbarem Aufwand, umsetzbare Ideen zu erhalten. Die präsentierten Ideen sind aber nicht "pfannenfertig" aufbereitet und auch nicht so umfangreich ausgearbeitet, dass sie 1:1 umgesetzt werden können. Dafür ist die Zeit zu kurz.

Ein Hackathon kann nach meiner Einschätzung verwendet werden, um für die beteiligte Zielgruppe bedürfnisgerechte Lösungen zu entwickeln. Ein Hackathon muss szenengerecht organisiert werden. Nicht mit der Szene vertraute Personen, wie beispielsweise der Autor dieses Beitrages, sollten sich aus der Organisation raushalten.

Ich bin der Meinung, dass sich derartige Veranstaltungen hervorragend eignen, um beispielsweise herauszufinden, welche Apps von einem Unternehmen erwartet werden. Limitierend ist sicher das rasche Wachstum der der Anzahl an Hackathons. Fraglich ist, wie lange "Freiwillige" - auch wenn Siegesprämien ausbezahlt werden - ein Wochenende für ein Projekt arbeiten.

Die Open-Source-Community auf jeden Fall beweist, dass für zahlreiche Beteiligte, die Motivation über einen sehr langen Zeitraum aufrechterhalten werden kann. Chief-Information-Officers, vor allem in konsumentenorientierten Organisationen, müssen die Vor- und Nachteile dieses Instruments kennen und Hackathons situationsgerecht einsetzen können.