Trend zur Private Cloud

Haben sich Amazon & Co verzockt?

25.11.2013
Dr. Carlo Velten schreibt als Experte zu den Themen Cloud-Platforms und -Developers, Enterprise Cloud Management und Digital Business. Dr. Carlo Velten ist CEO des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Carlo Velten als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Marketing- und Strategiefragen.
Going Private - so lautet die neue Produktstrategie vieler Cloud-Anbieter. Nachdem sich die Unternehmensanwender mehrheitlich immer noch gegen reine Public-Cloud-Modelle wehren, rüsten viele Anbieter nach. Selbst Cloud-Primus Salesforce liefert nun Services von dedizierten Umgebungen.
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Foto: rubysoho, Fotolia.com

In den letzten drei Jahren beherrschten Amazon und Google medial die Cloud-Welt. Kein Artikel kam ohne die Nennung dieser beiden Namen aus. Zu verlockend die Vision, dass zukünftig alle Rechenleistung aus den Rechenzentren der beiden US-Internetkonzerne kommen würde. Die Wachstumsraten der ersten Jahre, die Vielzahl an neuangekündigten Services, die geheimnisumwitterten Mega-Rechenzentren, zu denen weder Journalisten, Analysten oder Kunden je Zugang bekommen. Eine Aura des Mystischen entstand. Ein Cloud-Mythos könnte man sagen.

Privatsphäre bitte auch für Unternehmen - Herzenswunsch der CIOs

Denn schaut man auf die Cloud-Initiativen von großen und mittelständischen Unternehmen im deutschsprachigen Raum, findet man nur wenige, die unternehmenskritische Workloads in die Public Cloud verlagern - viele haben Projekte nach den aktuellen Enthüllungen um Geheimdienstskandale und Sicherheitsrisiken wieder auf Eis gelegt. So wurden im Jahr 2013 in Deutschland nach Einschätzung von Crisp Research "nur" 210 Millionen Euro für Infrastructure as a Service (IaaS) im Public-Cloud-Modus ausgegeben - der Markt für Online-Dating ist mehr als doppelt so groß. Demgegenüber gaben die Unternehmen für den Aufbau und Betrieb von Private Clouds rund 2,3 Milliarden aus. Amazon AWS und Google Compute sind in der IT-Landschaft der Mittelstands- und Großunternehmen immer noch eine vernachlässigbare Größe. Was aber passiert vor diesem Hintergrund derzeit im Lager der IT-Anbieter?

"Going Private" - Neue Produktstrategie der Anbieter

Innovationen voranzutreiben und den Markt für neue Technologien und Modelle zu begeistern ("Evangelisieren") ist sicherlich eine wichtige Aufgabe der großen IT-Majors. Was aber, wenn die Kunden auch nach vielen Anläufen ein neues Modell (noch) nicht annehmen wollen? Anpassung lautet derzeit die Strategie der Wahl, wie sich an folgenden Beispielen ablesen lässt:

  1. Amazon AWS baut Enterprise-Funktionen aus: Bei dem Amazon Web Services (AWS) wird seit einiger Zeit versucht mittels verschiedener neuer Services, dem Wunsch nach mehr Privatsphäre und Sicherheit für Unternehmenskunden nachzukommen. In diesem Kontext werden die Angebote des "Virtual Data Centers" (VDC) ausgebaut, direkte Anbindungen vom Kunden-Rechenzentrum in die AWS-Rechenzentren (Dedicated Connect) geschaffen sowie in IAM-Services investiert. Ob dies ausreichend ist, bleibt fraglich.

  2. Salesforce bietet Großkunden private Instanzen: Vor ein paar Tagen ließ Salesforce auf der Dreamforce die Bombe platzen. Mit dem "Salesforce Superpod" offeriert man Kunden auf Basis von HPs Converged Infrastructure nun eine dedizierte Umgebung im Salesforce-Rechenzentrum. Das schafft Vertrauen in die Umgebung und räumt zudem einige Compliance-Probleme aus der Welt. Nach Einschätzungen von Crisp Research ist dies die Abkehr von der reinen "Public-Cloud"-Lehre, die Marc Benioff jahrelang gepredigt hatte. Salesforce wird - auch nach der neuen Kooperation mit Oracle - wohl zum klassischen IT-Anbieter und Multi-Cloud-Provider.

  3. Microsoft bringt Azure als Toolkit - Hosted PaaS wird unternehmensfähig: Microsoft hat sich entschieden, seine PaaS-Technologie, die bislang nur als Cloud-Service auf der Microsoft Azure Plattform verfügbar war, nun seinen Partnern als Technologie-Stack anzubieten. Das heißt konkret, dass lokale Partner, wie zum Beispiel die Pironet NDH AG, Azure als "Hosted Service" zusammen mit Support und Beratung vor Ort anbieten können. Durch diese Option wird es wohl zukünftig auch PaaS "made in Germany" geben und für mittelständische und große Unternehmen interessant, sich diesem neuen Development-Modell zu nähern. Denn bislang entwickeln auf den Public-PaaS-Plattformen hauptsächlich freiberufliche Entwickler, Startups und Digitalagenturen. Analog zu Microsoft sind VMware mit Cloudfoundry und Red Hat mit Openshift verfahren. Vor diesem Hintergrund wird nach Einschätzungen von Crisp Research "Platform as a Service" im kommenden Jahr zu einem der zentralen Cloud-Themen für ISVs und große Unternehmen in der DACH-Region .

  4. Das Openstack-Startup Nebula baut Cloud-Appliance: Das vom ehemaligen NASA-CTO gegründete Openstack-Startup Nebula hat rund zwei Jahre nach der Gründung nun sein Produkt vorgestellt - eine hochintegrierte Cloud-Appliance basierend auf Openstack und Standard-Hardware von IBM, Dell und HP. Das System ist klar als Private Cloud gestaltet, bringt aber durch die Openstack-Konformität und die Kompatibilität zu den Amazon AWS APIs einen hohen Standardisierungsgrad frei Haus mit. So können Anwender relativ gut hybride beziehungsweise Multi-Cloud-Ansätze fahren, ohne sich vor einem Vendor-Lock-in fürchten zu müssen. Andere Startups gehen ähnliche Wege. Ob dies ausreicht, um langfristig gegen die ausgereiften Systeme von IBM, HP und Co. zu bestehen, darf bezweifelt werden. Dennoch steht ein Marktfenster mittelfristig offen. Denn solange die großen Player ihre Cloud-Appliances nicht standardkonform (also etwa Openstack und Openflow unterstützen) und zu deutlich reduzierten Preis- und Lizenzstrukturen anbieten, haben Nebula und Co. eine Chance. Hinsichtlich der Openstack-Unterstützung sind IBM und HP den Startups aber mittlerweile auf den Fersen.

Cloud Transformation - Eine Sache des Vertrauens

Die Nebula-Appliance "960px".
Die Nebula-Appliance "960px".
Foto: Nebula

Viele Cloud-Service-Provider sind enttäuscht von der - aus ihrer Perspektive - langsamen Cloud-Transformation auf Seiten der Anwender. Wer von IT-Leitern allerdings fordert, sie mögen ihr Allerheiligstes - die Applikationen und Daten ihres Unternehmens - einem externen Provider übergeben, der sollte bedenken, dass gegenseitiges Vertrauen die Basis jeglicher Zusammenarbeit sein muss. Und hier haben einige Cloud Provider noch eine hohe Lernkurve vor sich. Allen voran Google und Amazon. Nur wer seinen Kunden Transparenz und Einblick in die eigenen Betriebsabläufe bietet, kann deren Vertrauen gewinnen. Mit dem gerade gewonnenen 600-Millionen-Dollar-Deal über den Bau und Betrieb einer Infrastruktur für die CIA hat sich Amazon AWS wohl einen Bärendienst erwiesen - zumindest was den Aufbau von Vertrauen im europäischen Markt angeht.

Ausblick - Von der Private- in die Multi-Cloud-Welt

Unter diesen Vorzeichen ist die Cloud-Weltherrschaft von Amazon und Google wohl doch noch ein paar Jahre entfernt. Aber wer A sagt muss auch B sagen. Wenn europäische und speziell deutsche Unternehmen das (Managed-)Private-Cloud-Modell vorziehen, wird in den kommenden Jahren auch mehr Arbeit an der Integrationsfront zu leisten sein. Am besten man setzt schon heute auf Produkte und Provider, die sich die neuen Cloud-Standards, wie zum Beispiel Openstack oder Openflow, zu eigen machen. So lassen sich in zwei bis drei Jahren dann relativ schmerzfrei Migrationspfade in Richtung der großen Public-Cloud-Plattformen á la Amazon, Google und Co. schlagen. Denn in der Welt der digitalen Kundenbeziehungen und Prozesse werden wir ganz ohne diese sicher nicht auskommen. (jha)