Grundlagen sind wichtiger als Praxis

30.07.2003
Studieren deutsche Informatiker zu lange und zu theorielastig? Droht ihnen Konkurrenz von Offshore-Programmierern? Über alte Vorurteile und neue Chancen diskutierten Professoren und Praktiker mit den CW-Redakteuren Hans Königes und Ingrid Weidner.

Gute Programmierer gibt es überall, günstige Preise aber vor allem in Indien und Osteuropa. Viele Unternehmen bauen in diesen Regionen große Entwicklerteams auf. Der IT-Arbeitsmarkt hierzulande gerät weiter unter Druck. "Lohnt sich vor diesem Hintergrund noch ein Informatikstudium?", fragte die COMPUTERWOCHE eine Expertenrunde. "Vor zehn Jahren hatten wir die gleiche Situation. Ich kann Ihnen stundenlang von den zerstobenen Blütenträumen von damals erzählen. Outsourcing über diese Entfernung ist ein verdammt schwieriger Job", entgegnete Manfred Broy, Professor für Software und Software-Engineering an der Technischen Universität (TU) in München.

Heinrich Mayr, Margit Bauer, Ernst Denert (von links). Fotos: Joachim Wendler
Heinrich Mayr, Margit Bauer, Ernst Denert (von links). Fotos: Joachim Wendler
















Eine ernst zu nehmende Gefahr für gut ausgebildete Informatiker sieht die Expertenrunde nicht. Die Diskussion um Outsourcing-Projekte sei nicht neu, die Erfahrungen der Vergangenheit ernüchternd - besonders wenn die Softwareentwicklung zur Kernkompetenz des Unternehmens gehört. Projekte, die eng mit den Anforderungen der Anwender verknüpft sind, lassen sich ebenfalls nur schwer auslagern. Und ist die Outsourcing-Entscheidung einmal gefallen, benötigen die Firmen immer noch gut ausgebildete Informatiker, um den Auftrag vorzubereiten und abzuwickeln. "Ohne ein hieb- und stichfestes Pflichtenheft liefern Projekte mit virtuellen Teams nicht die nötige Qualität. Das lässt sich nur mit guten Mitarbeitern im Inland schaffen", erläutert Margit Bauer, Geschäftsführerin der HVB Systems in München.

Erfahrungen mit Offshore-Programmierung hat sie bei ihrem vorherigen Arbeitgeber gesammelt, der Bosch GmbH. "Wir haben Entwickler aus Indien teilweise für ein halbes oder dreiviertel Jahr zur Einarbeitung nach Stuttgart geholt. Der Preisvorteil reduzierte sich dadurch wieder", ergänzt die IT-Managerin. Ernst Denert, Vorsitzender des Vorstands der IVU Traffic Technologies AG, Berlin, gibt überdies zu bedenken: "Wenn wir das Pflichtenheft so genau schreiben und spezifizieren müssen, dass man es über den indischen Zaun werfen kann, dann können wir den Code auch gleich selbst generieren." Denert, der das Softwarehaus sd&m gegründet und geleitet hat sowie an der Technischen Universität (TU) München als Honorarprofessor lehrt, gehört zu den Skeptikern in Sachen Offshore-Programmierung.

Pro und Kontra Unternehmensemester

Anders die Consultants von Accenture. "Delivery-Center" in Nord- und Südamerika, Italien, Spanien oder Indien übernehmen Entwicklungs- und Wartungsaufträge aus aller Welt. "Die Automobilindustrie macht uns das schon lange vor. Sie ist in der Lage, mit Zulieferern zusammenzuarbeiten und einzelne Bausteine zuzukaufen. Ich glaube, solche Modelle für die Softwareentwicklung sind die Zukunft", prognostiziert Senior Manager Michael Seiger von Accenture.

Doch was ist angesichts der Konkurrenz in Billiglohnländern das ideale Profil eines Informatikers? Bereitet die Hochschule den Nachwuchs angemessen auf das spätere Berufsleben vor? Heinrich Mayr, Präsident der Gesellschaft für Informatik (GI), lobte das Praxissemester während des Studiums, das mancherorts in Deutschland und Österreich bereits zum universitären Curriculum gehört. Die Semesterzahl des Regelstudiengangs erhöht sich dadurch im Nachbarland von neun auf zehn. Der Informatikprofessor aus Klagenfurt betont die Vorteile des österreichischen Modells: "Die Studierenden wirken in einem anspruchsvollen Projekt mit, gewinnen Erfahrung in der Teamarbeit und verstehen Zusammenhänge besser. Fast alle Absolventen übernehmen nach dem Studium relativ schnell eine Führungsposition."

Sein Kollege Broy kann sich dagegen überhaupt nicht für ein weiteres Semester begeistern. "Praxissemester lehne ich ab", erklärt der Münchner Professor und ergänzt: "Praktische Erfahrungen haben unsere Studenten genug, wenn sie mit dem Studium fertig sind. Wir wollen mit den Studenten die Situation in den Unternehmen verbessern." Oft sei die Arbeitssituation in der betrieblichen Praxis alles andere als beispielhaft. "Wir sind in der Informatik beileibe nicht in der Situation, dass die Betriebe alles wunderbar machen und unsere Studenten bloß alle so werden sollen, wie die Praktiker sind. Ganz im Gegenteil."

Eine fundierte Grundlagenausbildung bietet nach Ansicht von Broy die Chance, das lange Berufsleben gut zu meistern. Wenn Studierende sich an der Universität mit innovativen Themen beschäftigten, könnten sie neue Impulse in die Industrie mitnehmen. Broy empfiehlt seinen Studenten, als Werkstudent in die Unternehmen zu gehen, sich aber ansonsten auf ihr Studium zu konzentrieren. "Auch den Anwendungsbezug im Studium sehe ich kritisch. Ich bin dagegen, Studenten zu zwingen, sehr stark in die Anwendungen zu gehen." Ein Informatiker müsse sich mit grundsätzlichen Problemlösungen und Rahmenbedingungen beschäftigen, Informatik sei die Grundlagenwissenschaft des 21. Jahrhunderts. Das sei momentan nicht genügend umgesetzt, kritisiert Broy.

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