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Grids sollen geschäftstüchtiger werden

28.04.2005

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die vor rund einem Jahr gegründete Enterprise Grid Alliance (EGA) will im kommenden Monat ihre ersten Empfehlungen dazu vorlegen, wie Anwenderunternehmen Grid-Lösungen geschäftlich nutzen können. Noch Ende dieser Woche werde außerdem die Globus Alliance die Version 4.0 des quelloffenen "Globus Toolkit" herausbringen, mit der man Anwendungen erstellen kann, die auf unterschiedlichen, verteilten Computern ablaufen.

Die Richtlinien der EGA adressieren einem Bereicht von "Cnet" zufolge eine Reihe von technischen Problemen von Sicherheit bis hin zu einem versorgerartigen Preissystem für den Einkauf von Rechenleistung in standardisierten Einheiten. Bislang kommt Grid Computing vor allem im akademischen Umfeld zum Einsatz. "Die Herausforderung besteht darin, die Ideen aus den Labors heraus in den kommerziellen Einsatz hineinzubekommen", erläutert Steve Tuecke, CEO von Univa. Diese Firma hatte Tuecke im vergangenen Dezember mit verschiedenen Grid-Kennern gegründet, um auf Basis des Globus Toolkit kommerzielle Systeme zu entwickeln.

Experten vergleichen den Zustand der Grid-Industrie gern mit dem des Internets vor zehn Jahren. Bevor kommerzielle Nutzer ihre Rechner-Ressourcen über weit verteilte Netze hinweg effektiver ausnutzen können, benötigen sie zunächst eine Auswahl an standardisierten Lösungen. Heutzutage würden die meisten Grid-Implementierungen mit herstellerspezifischen Tools innerhalb einer Firma realisiert, meint Illuminata-Analyst Jonathan Eunice.

"Wir stecken in der Phase der Entwicklung, in der man ein Grid baut und nicht kauft. Das sind alles nur Tools", so Eunice. "Das ist zwar kommerziell tauglich, aber man muss noch immer eine Menge Dinge zusammensetzen."

Das Globus Toolkit 4 ist dafür konzipiert, die Entwicklung von Applikationen zu vereinfachen, die auf unterschiedliche Ressourcen - zum Beispiel Server, Storage und Datenbanken - zugreifen, die über ein Netz verteilt sind. Es nutzt dazu eine Reihe existierender Spezifikationen wie Web-Services. Unternehmensanwender sollen mit solchen Anwendungen ihre Systeme besser auslasten können. Oft seinen Server oder Datenbanken substanziell ungenutzt, weil solche Ressourcen für eine bestimmte Anwendung angeschafft würden, anstatt von vielen gemeinsam genutzt zu werden.

Die EGA dagegen verfolgt einen breiteren Ansatz. Über mehrere Jahre hinweg will sie die Nutzung von Grid-Computing fördern, dabei helfen zu definieren, wo die Technik effektiv ist, und Standards vorantreiben. "Es gibt nicht viele Leute, die Grid übergreifend andenken", erläutert Peter Ffoulkes, Director of Marketing für High-Performance and Technical Computing beim EGA-Mitglied Sun Microsystems. "Das ist kein Elfenbeinturm-Grüppchen, das den Ozean zum Kochen bringen will."

Ein Beispiel für eine frühe kommerzielle Grid-Nutzung ist der Finanzdienstleister Wachovia, der Grid-Software des Spezialanbieters DataSynapse nutzt, um eine Reihe neuer Banking-Anwendungen zu hosten. Diese laufen verteilt über die Workstations der Wachovia-Trader, wenn diese eine Zeitlang nicht genutzt werden. Die Firma sparte sich auf diese Weise die Anschaffung von acht "Sun-Fire-15K"-Servern, sagte Robert Ortega, Vice President of Architecture and Engineering.

"Wir nutzen die Grid-Plattform jetzt in Szenarien, die man als traditionelle Transaktionsverarbeitung betrachtet, etwa Aktienkäufe oder die Abfrage von Marktdaten", erklärte der Wachovia-Mann. Aus seiner Sicht gibt es bei der Grid-Nutzung noch verschiedene Herausforderungen. Dazu gehören Softwarelizenzen, die auf den Einsatz auf nur einem Rechner zugeschnitten sind sowie das Fehlen von Grid-fähiger Anwendungssoftware und von geeigneten Abrechnungsmodellen. Außerdem müssten Sicherheit und Zuverlässigkeit von Grids unter Beweis gestellt werden, bevor Abteilungen bereit seien, ihre eigenen Systeme mit anderen zu teilen.

Dieses kulturelle Problem sieht auch Wolfgang Gentzsch von MSNC, einer nicht gewinnorientierten Firma, die ein großes Grid für Behörden gebaut hat, als großen Hemmschuh für die weitere Verbreitung der neuen Technik an. "Die Leute wollen nicht teilen", klagt Gentzsch, der bis vor einem Jahr die Grid-Abteilung von Sun leitete. "Eigentlich wissen wir, wie wir mit der Technik umgehen müssen. Die kulturellen Probleme, das ist die wirkliche Veränderung." (tc)