Technisch-soziale Innovationen

Grenzen der Kooperationskultur

Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Er hat sich neben Energiethemen vor allem auf den Bereich Informationstechnologie im Bankensektor spezialisiert.
Es lohnt, sich als Bank gegenüber Stakeholder zu öffnen - auch wenn das Potential nicht grenzenlos ist. Lothar Lochmaier zieht ein vorläufiges Fazit.

Als Trendlabor riskiert die Vorzeigefiliale der Deutschen Bank in Berlin - die Q110- immer wieder den Blick über den Tellerrand. Dass dies angesichts der in den letzten Jahren stecken gebliebenen Innovationsdynamik in der Branche ein notwendiger Schritt ist, zeigt die Kooperation mit ausgewählten Partnern aus anderen Branchen.

So waren kürzlich gemeinsam mit der Berliner Technischen Kunsthochschule und dem Fraunhofer Institut in der Filiale innovative Techniken aus dem Bereich der 3D-Anwendungen zu sehen. Allerdings blieb es nicht beim passiven "Ausstellungsbesuch". Denn die Bankfiliale der Zukunft wird durch den Geist der Co-Creation geprägt sein.

Startups sind dabei, das Gesicht von Wirtschaft und Gesellschaft durch technisch-soziale Innovationen mitzugestalten.
Startups sind dabei, das Gesicht von Wirtschaft und Gesellschaft durch technisch-soziale Innovationen mitzugestalten.
Foto: alphaspirit - Fotolia.com

So konnten die Besucher in der Q110 beispielsweise ein interaktives Schaufenster als Verbindung der digitalen mit der analogen Welt ansteuern. Der Betrachter steuerte die "Auslagen" des Schaufensters durch bloße Handbewegungen von außen. Im konkreten Fall ließen sich auf diese Weise Informationen zu sechs verschiedenen Bankprodukten abrufen und individuelle Terminvereinbarungen mit dem Berater über QR-Code beziehungsweise über das private Smartphone vereinbaren.

Eine weitere in der Q110 erlebbare neue Anwendung war das "Traumhaus", eine großformatige stereoskopisch-anamorphotische Projektion. Der Betrachter konnte das Objekt mit einer 3D-Brille betrachten und durch Bewegungen mit der Hand das Exponat berührungslos steuern, um sich so virtuell durch die Stockwerke und Ansichten des Gebäudemodells hindurch zu bewegen. Der Kontext zu einer möglichen Nutzung dieser Technik in der Zukunft, beispielsweise als Tool für die Beratung rund um die Immobilienfinanzierung, liegt auf der Hand.

Technisch-soziale Innovation

Ein weiteres interessantes Exponat war ein 3D-Kiosk. Das Display zeigte verschiedene Objekte und Informationen. Virtuelle Tasten lassen sich so ohne Berührung nur mit Hilfe des ausgestreckten Zeigefingers bedienen. Eine denkbare Anwendung im alltäglichen Bankbetrieb wäre etwa der Ersatz herkömmlicher Tastaturen an Kundenterminals.

Wenngleich derartige Szenarien zum kreativen Mitgestalten unter Einbezug externen Sachverstands in der gewöhnlichen Bankfiliale für manche noch ungewohnt erscheinen, so zeigt sich doch ein nachhaltiger Trend in der Finanzbranche. Gekennzeichnet ist dieser durch drei wesentliche Merkmale:

  1. Externe Kooperationen rücken von der Peripherie in den Mittelpunkt der Geschäftsstrategie.

  2. Der Kunde sitzt bei der Co-Creation mit am Regiepult, und zwar sowohl beim Produktdesign als auch bei nach gelagerten Dienstleistungen.

  3. Zahlreiche Fintech-Startups treiben die Innovationsdynamik in der Finanzbranche weiter voran. Ignoriert diese den Trend, tritt folgende Phase in Kraft:

  4. Kleinere wie größere IT-Player werden sich signifikante Marktanteile an den Produkten und Dienstleistungen im Finanzwesen erschließen.

Spannend ist vor allem die von Fintech-Startups ausgehende Dynamik: Ein derartiges Ökosystem umfasst beispielsweise die Bereiche Payments, Corporate Banking, Personal Finance Management(PFM), Security in der Cloud oder auch Crowdfunding. Spezielle Events, Netzwerktreffen, Barcamps und Coworking-Spaces heizen die Entwicklung an.

Kurzum: Die Startups sind dabei, das Gesicht von Wirtschaft und Gesellschaft durch technisch-soziale Innovationen mitzugestalten. Ob dieser Trend zu der von einigen Experten in Aussicht gestellten wachsenden "Disintermediation im Banking" führt, also die Banken in ihrer Rolle als zentrale Finanzintermediäre unter Druck setzt, darüber kann vorerst zwar nur spekuliert werden. Fakt ist aber, die Finanzbranche benötigt die neue Fintech, ihre Ideen und Kompetenzen wie der Teufel das Weihwasser.

Schaut man sich die neue Landkarte in der globalisierten Finanzwelt an, so lässt sich abschließend unschwer erkennen, dass in Zukunft größere Teile der Wertschöpfungskette nicht mehr zentral, sondern dezentral orchestriert sein werden. Daraus allerdings eine grundlegende Revolution in der Demokratisierung des Finanzwesens auszurufen, erscheint verfrüht. Fest steht aber auch: Das Mittel der Co-Creation wird sich in seinen vielfältigen Gestaltungsformen, wie in dieser Serie aufgezeigt, immer mehr als kreative Speerspitze erweisen, um neue Innovationskreisläufe zwischen unterschiedlichen internen und externen Spielern anzustoßen.