Web

 

Googles Strategie gibt Anlass zu Spekulationen

22.09.2005
Buchautor Stephen Arnold ist sich sicher: Google könnte es schaffen, Microsoft von seinem Thron zu stürzen.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Als Microsoft gestern seinen internen Umbau mitteilte und bekannt gab, die bislang sieben Geschäftseinheiten in nur noch drei zu verwandeln (siehe auch: "Webtrends zwingen Microsoft zu radikalem Umbau"), war sich die weltweite Presse einig: Der Wettbewerbsdruck durch Google zwingt Gates und Co. zu massiven Änderungen. Dabei hat sich aus Microsoft-Sicht erst einmal kaum etwas geändert: Das Windows- und Office-Monopol ist unter Kontrolle, alle andere Geschäftsfelder funktionieren nur mäßig, vor allem was ihre Profitabilität angeht.

In der Auseinandersetzung mit Google geht es jedoch nicht um das bestehende Produktportfolio, es geht um die Zukunft. Wer im Internet-Zeitalter die dominierende Rolle spielt, dem eröffnen sich Perspektiven - auch an den Geldmärkten. Und hier spricht einiges für Google. Die Hälfte aller Internet-Recherchen weltweit läuft über die Suchmaschine, eine Ausgangsbasis, von der aus die Company neue Geschäftsfelder erschließen will. Microsoft indes hat hier einige Probleme (siehe auch: "Microsofts Suchmaschine floppt").

Der Buchautor Stephen Arnold hat sich mit den von Google angemeldeten Patenten sowie den öffentlich zugänglichen Entwicklungsdokumenten beschäftigt. In seinem nur als PDF-Datei erhältlichen Buch "The Google Legacy: How Google´s Internet Search is Transforming Application Software" heißt es unter anderem: "Google ist die alles verändernde Computing-Plattform dieser Jahre und könnte es schaffen, Microsoft von seinem Thron zu stürzen."

Arnold argumentiert unter anderem damit, dass Google 99 Prozent seiner Einnahmen mit Werbung erwirtschafte und seine Anwendungen, anders als die meisten Wettbewerber, kostenlos anbieten könne. Das trifft schon jetzt auf Programme wie Google Mail, Google Talk oder Google Earth zu und wird in Zukunft wohl für noch viel mehr Anwendungen gelten. Wer die Programme nutzt, hinterlässt wertvolle Hinweise, die Google für die Optimierung seines Werbegeschäfts nutzen kann. Bargeldreserven von fast sieben Milliarden Dollar - über vier Milliarden davon stammen aus einer Kapitalerhöhung vom 14. September (siehe auch: "Google will 4,18 Milliarden Dollar erlösen") - deuten darauf hin, dass Google beliebig Programme entwickeln oder zukaufen kann.

"Google positioniert sich als Lieferant von Anwendungen für jeden Gerätetyp", beobachtet der Buchautor, der zuvor 30 Jahre als Finanz- und Technologieanalyst tätig war. Das dahinter stehende Paradigma sei ein anderes als Microsofts Desktop-zentrierte Ausrichtung. Auch Sun und Oracle hätten die Zukunft des Netzwerk-basierenden Computing beschworen und die Bedeutung mobiler Endgeräte erkannt. Doch es gebe einen entscheidenden Unterschied: "Sun definierte Network Computing, Oracle versuchte es zu etablieren, aber Google setzt es wirklich um."

Ein Abkommen, das Google kürzlich mit T-Mobile abschloss (siehe auch: "Mogelpackung Web`n'walk"), aber auch Zukäufe von Mobility-Startups wie Dodgeball (siehe auch: "Google übernimmt Social-Networking-Service Dodgeball.com") oder Android belegen, dass der Internet-Gigant eine "Google-everywhere-Strategie" verfolgt. Insbesondere bei Android handelt es sich um eine geheimnisvolle, nicht einmal zwei Jahre alte Company, deren Gründer Andy Rubin zuvor Wireless-Geräte entwickelt hatte. Gegenüber "Business Week" sagte Rubin, Mobilgeräte, die Lokalisierungseigenschaften besitzen und auf die Vorlieben des Benutzers verweisen, gehöre die Zukunft.

Auch technisch ist Google den Ausführungen Arnolds zufolge in der Lage, als weltweiter Anbieter von Applikationen in zunehmender Vielfalt aufzutreten. "Das Unternehmen verfügt über eine skalierbare IT-Architektur auf der Basis von Commodity-Hardware." Google könne seine Kapazitäten schnell und zu geringen Kosten beliebig ausweiten - anders als manche Konkurrenten, die sich eng an die Architekturen einzelner Anbieter gebunden hätten. Die Unternehmensgründer Sergey Brin und Larry Page haben laut Arnold selbst öffentlich demonstriert, wie sich im Konzern viele billige Server, geclustert und mit Open-Source-Software bestückt, zu einer leistungsfähigen IT-Landschaft zusammenfügten. Defekte Rechner können jederzeit herausgenommen und durch neue ersetzt werden, ohne dass die gesamte Infrastruktur leide (siehe auch: "Google setzt auf Billighardware").

Das Szenario einer beliebig skalierbaren IT-Landschaft, die mit jeder Last fertig wird, wird durch Googles Aufkauf ungenutzter Glasfaser-Kapazitäten noch gestützt. Das Unternehmen, dem Interesse am Aufbau eines eigenen weltweiten Backbones nachgesagt wird (siehe auch: "Gerüchte um Googles Pläne mit Glasfasernetzen") , kann damit erst einmal ganz pragmatisch eine preiswerte und leistungsfähige Kommunikation zwischen seinen Datenzentren sicherstellen.

Über die eigentlichen strategischen Ziele von Google sind sich indes weder Arnold noch die meisten Marktbeobachter klar. Aber vielleicht ist genau das Teil des Plans: Das Unternehmen ist nicht zuletzt für Investoren deshalb so interessant, weil es keine endgültigen Antworten über seine Pläne gibt und jede Menge Spielraum für Phantasien lässt. Das betrifft nicht nur die Frage, was Google mit den Milliarden an täglich eingegebenen Suchanfragen vorhat, die ja immerhin die Interessen, Wünsche und Ängste eines Gutteils der Weltbevölkerung spiegeln. Es geht auch ganz pragmatisch um die anstehende Ausrichtung des Konzerns.

Google ist die bedeutendste Suchmaschine, bietet eine wachsende Palette an Applikationen und engagiert sich im TK-Geschäft, wie nicht nur der Einstieg in den Voice-over-IP-Sektor zeigt (siehe auch: "Google spricht"). Das Unternehmen beteiligt sich gleichzeitig an Current Communications Group, einem Anbieter, der Internet-Zugänge über das Stromnetz bietet (siehe auch "Google investiert in Powerline") . Erst vor wenigen Tagen wurde außerdem "Google Secure Access" in einer kleinen Testregion angeboten: eine zum Download bereitstehende Client-Anwendung, die Einwohnern in bestimmten Regionen von San Francisco einen sicheren, kostenlosen Zugang zu einem öffentlichen Wireless LAN ermöglicht (siehe auch: "Plant Google einen WLAN-Dienst?"). Auch an einigen Satelliten soll Google interessiert sein - möglicherweise, um sein Programm Google Earth besser vorantreiben zu können.

Ob die vielfältigen Initiativen und Beteiligungen von Google am Ende das stimmige Bild einer Gesamtstrategie ergeben, ist völlig unklar. In jedem Fall entsteht der Eindruck, dass das Unternehmen alle Hebel in Gang gesetzt hat, um auf Dauer wichtigster Player im Internet-Zeitalter zu sein. Dabei werden immer neue Visionen geschaffen und mit einer Phantasie und Schnelligkeit verfolgt, der Microsoft nicht folgen kann. Bislang jedenfalls nicht. (hv)