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Projekte werden priorisiert

Google stellt sich auf härtere Zeiten ein

Thomas Cloer war viele Jahre lang verantwortlich für die Nachrichten auf computerwoche.de.
Er sorgt außerdem ziemlich rund um die Uhr bei Twitter dafür, dass niemand Weltbewegendes verpasst, treibt sich auch sonst im Social Web herum (auch wieder bei Facebook) und bloggt auf teezeh.de. Apple-affin, bei Smartphones polymorph-pervers.
Nachdem Google in den Boom-Jahren mit dem Geld richtiggehend um sich geworfen hat, muss nun auch der Internet-Konzern den Gürtel enger schnallen.

Dem widmet sich aktuell das "Wall Street Journal" in einem längeren Artikel (derzeit auch für Nicht-Abonnenten frei zugänglich). Die Quintessenz: Google ist noch immer fast vollständig - genauer zu 97 Prozent - abhängig von der Suchvermarktung über Textanzeigen, und die wächst in Zeiten der Rezession nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit gewohnt.

CEO Eric Schmidt versucht, Google neue Umsatzquellen zu erschließen.
CEO Eric Schmidt versucht, Google neue Umsatzquellen zu erschließen.
Foto: Google

Das geht natürlich nicht spurlos an Google vorbei. Ausgaben werden gekürzt, und nicht mehr jeder Entwickler bekommt gleich 20 Leute für ein experimentelles Projekt zugewiesen. Außerdem weitet Google seine Anzeigen auf bislang werbefreie Bereiche wie Google Finance oder demnächst wohl auch Google News aus. Nennenswerte neue Umsatzströme sind nämlich noch immer nicht in Sicht. "Tausend Blumen erblühen zu lassen, von denen hinterher etliche verwelken und vergehen, hat bislang gut funktioniert", kommentiert Thomas Eisenmann, Professor an der Harvard Business School. "Aber wenn man das führende Werbenetz über alle Medien hinweg sein will, braucht man mehr Top-Down-Management."

Das weiß natürlich auch der Google-Chef Eric Schmidt. Dem Bericht zufolge hat sich der CEO in den vergangenen Wochen mit seinen Top-Führungskräften zusammengesetzt, um festzulegen, in welchen Bereichen man fokussierter investieren sollte. Ganz oben auf der Prioritätenliste stehen demnach grafische Anzeigen ("display ads"), Werbung auf Mobiltelefonen sowie die gehosteten Firmen-Programme "Google Apps".

Schmidt zufolge werden nun Entwicklungs- und Vertriebs-Ressourcen verstärkt in diese Bereiche verschoben und von weniger vielversprechenden Projekten abgezogen. Teams auf Projekten, mit den Google vor allem "herumfrickelt", sagt Schmidt, "werden naturgemäß kleiner, wenn wir die Leute umsetzen".

Google kämpft mit dem gleichen Problem wie andere Technologiefirmen - von Microsoft bis eBay - vor ihm: dem Ende des durchgebrannten Wachstums. Im dritten Quartal erzielte der Konzern zwar noch 31 Prozent Wachstum gegenüber der Vorjahreszeit, aber das ist doch deutlich weniger als die 92 Prozent jährliches Wachstum im Jahr 2005. Mit 14 Milliarden Dollar Cash und rund 30 Prozent des US-amerikanischen Markts für Online-Werbung ist Google aus Sicht von Wall-Street-Analysten aber natürlich trotzdem deutlich besser gewappnet gegen den Abschwung als seine Konkurrenten.

Trotzdem vollzieht sich innerhalb von Google nun ein merklicher Wandel. Früher war galt es nach Aussagen ehemaliger und gegenwärtiger Produktentwickler als "Grobheit", darüber zu reden, ob ein Projekt zukünftig Geld einbringen werde. Wichtigster Maßstab war stattdessen, ob eine neue Idee das "Nutzererlebnis" der Internet-Gemeinde verbessere. Daraus resultierten jede Menge Projekte, die nicht ansatzweise so erfolgreich wurden wie etwa Gmail (in Deutschland: Google Mail).

Inzwischen kümmern sich bei Google ausgewiesene Finanzexperten wie Francois Delepine (Vice President of Financial Plannung and Analysis) oder der "Six-Sigma"-geschulte neue Chief Financial Officer Patrick Pichette um rigidere Budget-Prozesse und Kostenkontrolle. Was sich offenbar auch auszahlt - im Oktober-Quartal übertraf Google die (zugegeben reduzierten) Erwartungen, während etwa Yahoo! oder eBay nach üblen Zahlen Entlassungen ankündigen mussten. "Es gibt noch viel mehr, was wir tun können", sagte Schmidt seinerzeit.