Compute Engine gestartet

Google bietet Amazons AWS Paroli

Joachim Hackmann ist Principal Consultant bei Pierre Audin Consulting (PAC) in München. Vorher war er viele Jahre lang als leitender Redakteur und Chefreporter bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Die Mitte vergangenen Jahres als Preview-Version angekündigte "Google Compute Engine" ist ab sofort verfügbar. Der Anbieter verspricht mehr Betriebssystem-Support, transparente Wartung und günstigere Preise.
Foto: Google

Die Compute Engine ist ein Baustein in der "Google Cloud Platform", die sich speziell an Entwickler richtet. Der Suchmaschinen-Konzern richtet sich mit diesem Portal speziell an Software-Entwickler. Ihnen will man auf Basis der eigenen weltweit verteilten Data-Center-Infrastruktur Zugang zu Ressourcen wie Speicher, App-Entwicklungs-Tools, SQL- und NoSQL-Datenbanken sowie Big-Data-Analyse-Diensten bieten. Basis sind die Infrastruktur- und Data-Center-Kapazitäten, die Google etwa für den Betrieb der Search-Engine oder für die Google-Apps benötigt.

In das Cloud-Umfeld fügt sich die nun in den Produktivbetrieb übernommene Compute Engine ein. Sie wurde erstmals Mitte vergangenen Jahres als IaaS-Komponente (Infrastructure as a Service) vorgestellt. Rund eineinhalb Jahre gab es den Dienst nur als Preview-Ausführung mit einigen Einschränkungen, die nun nach und nach fallen sollen.

Beschränkung auf zwei Betriebssysteme fällt

In der bislang angebotenen Preview-Phase standen Entwicklern beispielsweise nur die zwei Linux-Distributionen Debian und Centos mit einem besonderen Google-eigenen Kernel zur Verfügung. Diese Begrenzungen werden nun aufgehoben. Künftig können Entwickler sowohl die üblichen Linux-Ausführungen ihrer Wahl als auch gängige Kernels sowie die von ihnen bevorzugten Software (Docker, FOG, xfs) verwenden. Speziellen Support gibt es für die Distributionen von Suse und Red Hat sowie für FreeBSD.

Transparente Wartung

Um den Nutzern eine zuverlässige Umgebung zu bieten, baut Google den Support aus. Dazu stellt der Provider die eigenen Neuerungen im Data-Center-Betrieb automatisch den Kunden der Compute Engine bereit. "Wir erneuern unsere eigenen Infrastruktur ohnehin regelmäßig und updaten dazu den Software- und Hardware-Stack", sagte Barak Regev, Europa-Chef für den Bereich Cloud Platform bei Google. "Unsere Live Maintanance garantiert den unsere Kunden einen nahtlosen Betrieb ihrer virtuellen Maschinen."

Die dahinter stehende Technik gewährleistet zudem, dass die virtuellen Rechner automatisch wieder hochgefahren werden, sollte sich einmal ein Hardware-Fehler einschleichen. "Das ist ein einzigartiges Feature", wirbt Regev für den Dienst, der bislang allerdings nur aus der US-Region bezogen werden kann. In den kommenden Monaten will Google dieses Feature auch in den anderen Data Center ausrollen. Inoffiziellen Quellen zufolge soll der Services im ersten Quartal 2014 in den europäischen Data Center implementiert werden.

Diese Features garanatieren zudem verlässliche SLAs (Services Level Agreements). Google garantiert den Nutzern künftig einen 24/7-Support sowie eine Verfügbarkeit von 99.95 Prozent, bezogen auf einen Monat. Das entspricht etwa 22 Minuten Ausfall pro Monat für alle Workloads.

Mehr Rechenpower mit bis zu 16 Instanzen

Erste Erfahrungen mit Entwickler haben offenbar gezeigt, dass durchaus Bedarf an Hochleistungsdiensten aus der Cloud gibt. Um dem gerecht zu werden, lassen sich nun Instanzen mit bis zu 16 virtuellen CPU-Kernen und bis zu 104 Gigabyte RAM buchen. Ergänzend gibt es weiteren HPC-Instanztypen (High Perfomance Computing) mit vier oder acht virtuellen CPUs.

Schneller, flexibler und persistenter Plattenspeicher

Um die Rechenleistungen aus der Google-Cloud weiter aufzuwerten, reduziert der Betreiber die Preise für den persistenten Plattenspeicher um bis zu 60 Prozent je Gigabyte, zudem wurde sämtliche I/O-Gebühren (Input/Output) gestrichen. Auch die Preise für Standard-Instanzen wurden gesenkt, und zwar um bis zu 10 Prozent.

Amazon drückt auf das Tempo

Steve Janata von Crisp Research: Kein erkennbarer Fortschritt für Unternehmenskunden.
Steve Janata von Crisp Research: Kein erkennbarer Fortschritt für Unternehmenskunden.
Foto: crisp-research

Sämtliche Neuerungen zielen nicht zuletzt darauf, dem in diesem Segment weit enteilten Konkurrenten Amazon etwas entgegen zu setzen. Die Compute Engine ist beispielsweise das Pendant zu Amazons EC2. Weitere Bestandteile der Amazon Web Services (AWS) sind Speicher-, Datenbank-, Entwicklungs- und Analytics-Dienste aus der Cloud Die AWS gibt es schon seit 2006 für Endanwender und Entwickler, damit hat Amazon einen ordentlichen Vorsprung hinsichtlich Erfahrung und Portfoliogestaltung. Das Angebot wurde stetig und zügig ausgebaut, zuletzt kündigte Amazon auf der Hausmesse Re:invent unter anderem neue Big-Data-Dienste an. Zudem bemüht sich der Online-Händler vermehrt darum, für die AWS auch Unternehmenskunden zu gewinnen.

Google ist in dem Wettbewerb Nachzügler und versucht mit günstigen Preisen zu kontern. "Die Wettbewerber liefern sich einen dauerhaften Preiswettbewerb", beobachtet Steve Janata von Crisp Research. "Die Neuerungen von Google sind auch kaum revolutionär." Vor allem sei kein Fortschritt erkennbar, der die Dienste für Unternehmenskunden interessant erscheinen lasse, bemängelt der Analyst. Sowohl Amazon als auch Google sprechen laut Janata vor allem Entwickler von mobilen Apps, von Spielen und Hadoop-Anwendungen an. Für den Betrieb und die Weiterentwicklung der geschäftskritischen Anwendungen, die für die Digitalisierung der Unternehmen wichtig seien, eigneten sich die Cloud-Dienste bislang noch nicht.

Auch vom vermeintlichen Preisvorteil könnten Unternehmen bislang kaum profitieren. "Keiner kann genau beziffern, welche Auswirkungen die Preisstrukturen von Amazon und Google genau auf die Kosten im Betrieb von Anwendungen haben", warnt Janata. "Kaum einem Unternehmen ist wirklich klar, wie viel Computing-Leistung eine Anwendung tatsächlich verbraucht."

Dennoch sehen sich die Provider selbst im Geschäftskundenmarkt gut aufgestellt. Jeder dritte AWS-Kunde kommt aus dem Unternehmensumfeld, betonte Amazon kürzlich. Google wirbt wiederum damit, dass vier von fünf DAX-Konzernen die Cloud-Dienste aus dem eigenen Hause nutzen. In der Regel sind das allerdings Office-Apps und Search-Engines-Services.