Kolumne

Gemeinsam gegen die IBM

17.05.2005

Lange herrschte Funkstille. Microsoft und Sun haben vor einem Jahr Waffenstillstand geschlossen. Sun zog sich aus dem Antitrust-Verfahren zurück und erhielt im Gegenzug 1,95 Milliarden Dollar. Außerdem gaben sich die Antipoden das Versprechen, künftig zusammenzuarbeiten und Brücken zu bauen zwischen den beiden Softwarewelten Windows und Solaris beziehungsweise .NET und Java. Dann passierte erst einmal lange nichts. Alle glaubten, es sei wieder einmal nur ums Geld gegangen, alles andere Makulatur gewesen. Dann, am Freitag vergangener Woche, verkündeten Steve Ballmer und Scott McNealy in einer gemeinsamen Pressekonferenz die Resultate der bisherigen Kollaboration (siehe Seite 1). Mit großem Brimborium, Demos von Technikern und Testimonials von Großkunden kündigten sie als einziges konkretes Ergebnis ein Web-basierendes Single-Sign-on-Verfahren an, das in Suns und in Microsofts Directories funktioniert und die Authentifikation für die Liberty Alliance sowie für den Nachfolger von Microsofts Passport, die Web Service Federation, bereitstellt.

Auf den ersten Blick erscheint das relativ wenig für ein Jahr Bemühen, vor allem wenn man bedenkt, dass die neuen Gemeinsamkeiten auf den Druck von Großkunden zurückzuführen sind.Wichtiger als dieser konkrete erste Schritt scheint allerdings das dahinter liegende Motiv der beiden Player: Sie meinen es offenbar ernst mit der Interoperabilität ihrer beiden Welten. Ex-Microsoft-Beleidiger McNealy betonte in der Pressekonferenz, dass man nicht bei dem Single-Sign-on stehen bleiben werde. Directory- und Zugangs-Management, Identity-Management, Interoperabilität der beiden Architekturen und das Voranbringen der Service Oriented Architecture (SOA) nannte er mit expliziter Zustimmung Ballmers als wichtige Felder für weitere Zusammenarbeit.

Wozu das Ganze? Wenn die beiden Player es wirklich schaffen, ihre Welten interoperabel zu machen, gewinnen sie immens. Sie vereinfachen das Leben ihrer gemeinsamen Kunden, die sich nicht mehr den Kopf zerbrechen müssen, wie sie Microsoft- und Sun-Umgebungen miteinander verbinden, und sie erhalten einen Vorsprung vor der Konkurrenz. Dieses Duo wäre in der Lage, interoperable Systeme vom Rechenzentrum bis zum Smartphone anzubieten. Das kann kein anderer Player. Aber auch die beiden Kollaborateure müssen noch viele Ideen, Geld und Überzeugungsarbeit investieren, um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen. Noch legen ihre vagen Andeutungen den Verdacht nahe, dass sie gar nicht so recht wissen, wie sie die Zusammenarbeit konkret gestalten sollen. Noch konkurrieren sie überall aufs heftigste.

Doch das hindert sie nicht, den gemeinsamen Gegner ins Visier zu nehmen. Es geht gegen die IBM und deren Mainframe-Bastion, in der beide liebend gerne Fuss fassen wollen.

Die Bündnispartner müssen aber noch enorme interne Widerstände überwinden, um ihre Ziele zu erreichen. Die gemeinsame Pressekonferenz ist deshalb sowohl als Botschaft nach innen als auch nach außen zu verstehen.