Softwareentwicklung

Gelassene Entwickler arbeiten schneller und besser

Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 18 Jahren. Langweilig? Nein, sie endeckt immer wieder neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und in ihrem eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisert.
Auch Software aus dem Hochlohnstandort Deutschland kann gut und günstig sein. Das gelingt, wenn Routineprozesse automatisiert werden und Entwickler genügend Freiraum für kreatives Arbeiten bekommen, wie das Beispiel eines Münchner IT-Dienstleisters zeigt.

Die Nachfrage nach Software ist hoch, die Anforderungen an die Systeme sind es auch. "Die Ansprüche an Softwarequalität sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Ein Beispiel ist die Performance: Vor fünf Jahren war es okay, wenn eine Website binnen drei Sekunden antwortet. Heute muss sie sich unter einer Sekunde aufbauen. Man kämpft um jede Millisekunde." Josef Adersberger hat in Informatik promoviert und vor elf Jahren zusammen mit Johannes Weigend den IT-Dienstleister QAware gegründet, der Software entwickelt und marode IT-Systeme saniert.

Bitte nicht stören: Schon die Farbe der Lampe zeigt den Mitarbeitern bei QAware an, ob der Entwickler gestört werden kann. Die Lampen an den Schreibtischen leuchten je nach Projektstand weiß, rot, orange oder grün.
Bitte nicht stören: Schon die Farbe der Lampe zeigt den Mitarbeitern bei QAware an, ob der Entwickler gestört werden kann. Die Lampen an den Schreibtischen leuchten je nach Projektstand weiß, rot, orange oder grün.
Foto: QAware

Alternative zu Offshore-Entwicklung

Aber wie kann eine Software qualitativ hochwertig und zugleich kostengünstig entwickelt werden? Diese Frage beantworten Unternehmen oft damit, die Entwicklung in Länder auszulagern, in denen die Softwareingenieure nur einen Bruchteil der hierzulande üblichen Gehälter verdienen. Adersberger kann diesem Ansatz nicht viel abgewinnen: "Das Offshore-Modell setzt in dem Zusammenhang nur an den Arbeitskosten an, die es einzusparen gilt. Das greift meiner Ansicht nach zu kurz, da die Qualitätsschulden in dieser Rechnung nicht berücksichtigt werden."

Mit Qualitätsschulden meint er die künftigen Kosten, die durch falsche Kompromisse bei der Softwareentwicklung hinsichtlich der Qualität entstehen. In der Regel müsse man 20 Prozent der Kosten einer Software für den Abbau der Qualitätsschulden veranschlagen. Dass diese zunächst nicht anfallen, sich aber mittelfristig auftürmen und immensen Schaden anrichten können, ist vielen Kunden nicht bewusst, so die Erfahrung des Informatikers.

Open Source spart Zeit

Adersberger plädiert darum für eine Industrialisierung der Softwareentwicklung, um den Spagat zwischen erhöhter Produktivität und gesenkten Kosten zu schaffen. Die Produktivität seiner fast 80 Softwareingenieure hat QAware durch zwei Maßnahmen erhöht, so Adersberger: "Wir verkürzen die Arbeitszeit der Entwick­ler dadurch, dass zum einen stereotype Arbeiten wie das Bauen, Testen und Installieren einer Software, automatisiert werden. Zum anderen verwenden wir, wo immer es geht, Open-Source-Bausteine. Es spart dem Entwickler viel Zeit, wenn er Lösungen nicht mehr programmieren muss, die bereits quelloffen der gesamten Menschheit zur Verfügung stehen."

Josef Adersberger ist technischer Geschäftsführer bei QAware.
Josef Adersberger ist technischer Geschäftsführer bei QAware.
Foto: QAware

Gleichzeitig ist sich Adersberger bewusst, dass jede Automatisierung ihre Grenzen hat: "Es ist ein Irrweg zu glauben, alles automatisieren zu können und dem Entwickler nur geringfügige Eingriffsmöglichkeiten zu lassen." Im Gegenteil, der Laptop eines jeden Entwicklers ist die "Erfinderwerkstatt: Am Anfang steht der Code, die Erfindung, die dann auf das Software-Fließband gelegt wird, auf dem sie automatisch gebaut und getestet wird. Diese automatisierten Prozesse machten aber nur die Hälfte der Arbeit aus.

Ständige Weiterbildung ist ein Muss

Aber wie lassen sich Erfindergeist und Produktivität in Einklang bringen? Für Adersberger ist das weder eine unmögliche Verbindung noch eine selbstverständliche Partnerschaft. Wollen Unternehmen Entwickler haben, die beides sind, müssen sie ihnen die entsprechenden Arbeits- und Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen.

Der wichtigste Punkt ist aus Adersbergers Sicht die Weiterbildung: "Nur wenn sich Entwickler ständig weiterbilden, können sie produktiv sein. Im Softwareumfeld ist die Halbwertszeit von technologischem Spezialwissen eher kurz: Technologien wie das JavaScript-Framework AngularJS 1, das heute sehr verbreitet ist, werden bereits in einem Jahr nur noch eine untergeordnete Rolle spielen." Im Schnitt bilden sich QAware-Mitarbeiter acht Tage im Jahr weiter, möglichst in Themen, deren Halbwertszeit länger ist.

Freiraum für Gelassenheit

Der Modus, in dem Entwickler am liebsten und in Folge dessen auch am produktivsten arbeiten, ist der so genannte Flow. Um dieses unterbrechungsfreie Arbeiten zu ermöglichen, können die Entwickler Noise-Control-Kopfhörer aufsetzen, die jegliches Geräusch fernhalten. Kugelige Lampen auf ihren Schreibtischen signalisieren anderen Kollegen, ob man ansprechbar ist. Sie leuchten in der Farbe, in der sich das Projekt befindet: Von rot über orange bis hin zu grün, wenn alles in Ordnung ist. So sieht der Kollege auf den ersten Blick, wann er am besten nicht stören sollte.

Zu solch äußerlichen Hilfsmitteln müssen aber auch entsprechendeFührungsprinzipien kommen, sagt Adersberger: "Da Anspannung jeglichen Flow zerstört, räumen wir den Entwicklern Freiraum für Gelassenheit ein. Gelassenheit entsteht dann, wenn Projekte realistisch geplant werden und Puffer für Unvorhergesehenes einberechnet sind." Eine Arbeitshaltung, die im Projektalltag aber nicht oft anzutreffen ist, wie Adersberger erzählt. So hatte sich beim ihm schon einmal ein Kunde darüber beschwert, warum denn die Projektmitarbeiter alle so entspannt seien. Ob sie schon genug Arbeit hätten?

"Bei uns ist in Arbeitstag acht Stunden lang"

Zu denFührungsprinzipien gehört auch, dass Überstunden nicht als selbstverständlich angesehen und eingeplant werden, so Adersberger: "Bei uns ist ein Arbeitstag acht Stunden lang. Darauf sind wir stolz. Wir wollen verhindern, dass unsere Mitarbeiter Überstunden machen." Bislang ist dieses Konzept gut aufgegangen. Besonders freut es den QAware-Geschäftsführer, wenn man ein Produkt günstiger anbieten kann als ein Wettbewerber aus Osteuropa - obwohl man mit doppelt so hohen ­Tagessätzen kalkulieren muss als etwa eine ­rumänische Firma. Das beweise, dass man Kosten auch dadurch einsparen könne, indem man die Bedingungen für ein schnelleres Entwickeln schafft.