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"Gefundenes Fressen für die Wettbewerber"

17.09.2001

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - "Wir werden die Spielregeln des Marktes ändern und den IT-Markt auf Jahre hinaus prägen." An den Worten, mit denen HP-Chefin Carleton Fiorina die Übernahme kommentierte, reiben sich Analysten, Anwender und Wettbewerber gleichermaßen. Die COMPUTERWOCHE hat interessante Stimmen zur "Fusion des Jahres" zusammengetragen.

„Weder HP noch Compaq können schlüssig erklären, wie der Zusammenschluss die Probleme beider Firmen lösen soll.“ Nach Ansicht von Andrew J. Neff, Hardwareanalyst bei Bear Stearns, leidet HP an den Folgen seiner mangelnden Investitionsbereitschaft Mitte der neunziger Jahre. Compaq auf der anderen Seite hadere mit Problemen bei seinen Geschäftsprozessen und den im Vergleich zum Wettbewerb schlechteren Kostenstrukturen.

Beide Unternehmen erwirtschaften große Teile ihres Umsatzes mit PCs, kritisiert Ashok Kumar, Analyst bei US Bancorp Piper Jaffray. Gewinne springen dabei jedoch kaum heraus. Im schwächelnden PC-Markt komme es seiner Ansicht nach jedoch nicht auf die Masse, sondern auf das richtige Geschäftsmodell an. So werde beispielsweise Direktanbieter Dell von der Konfusion bei den Wettbewerbern profitieren.

Compaq und HP sind im Markt nahezu identisch positioniert. Experten der Meta Group schätzen den Grad der Übereinstimmung bei Produkten und Services auf 75 bis 85 Prozent. Wie diese breiten Überlappungen bei Produkten und Personal gelöst werden sollen, ist unklar, erklärt Vernon Turner, Analyst von International Data Corp. (IDC). Da sich auf Unsicherheiten keine Geschäftspläne aufbauen lassen, werden wohl IBM und Sun in nächster Zeit verstärkt auf HP- und Compaq-Kunden zugehen, um ihnen Roadmaps mit längerfristigen Perspektiven zu präsentieren. „Angesichts des Chaos, das den Anwendern in den nächsten beiden Jahren droht, werden viele über einen Plattformwechsel nachdenken“, erwartet Turner. Auch Andreas Zilch, Vice President der Meta Group, glaubt: „Ein gefundenes Fressen für die Wettbewerber, die jetzt bei den Anwendern das Gefühl der Unsicherheit streuen und eigene Produkte als zukunftssicher positionieren

können.“

Fiorina versucht, die Bedeutung des neuen IT-Riesen vor allem mit Zahlen zu belegen. Auf dem Papier beweisen addierte Marktanteile, Umsätze und Gewinne in verschiedenen Segmenten wie zum Beispiel dem PC-Geschäft die Poleposition in einigen Märkten. Doch Bear-Stearns-Analyst Neff zweifelt daran, dass beide Unternehmen ihre operativen Geschäftseinheiten ohne Reibungsverluste verschmelzen können. „HP hat keine Erfahrung mit einem Merger dieser Größenordnung, und Compaq offenbarte schon mit dem Kauf von Digital Integrationsprobleme.“

Die HP-Verantwortlichen müssen Geduld mitbringen. Steven Milunovich, Global Technology Strategist bei Merill Lynch, rechnet damit, dass es zwölf bis 18 Monate dauern wird, bis der Merger verdaut ist. Andere Experten gehen von einem noch längeren Zeitraum aus. Laut Laura Conigliaro von Goldman Sachs werden sich die Probleme bei der Integration über Jahre hinziehen. „Es wird ein paar Quartale dauern, bis Klarheit über den Deal herrscht. Dann folgen die Quartale der internen Konfusion, wenn es darum geht zu klären, welche Teile des Unternehmens wohin gehören“, prophezeit Charles Rutstein, Analyst bei Forrester Research.

Compaq und HP haben in den zurückliegenden Monaten vergeblich versucht, ihr Dienstleistungsgeschäft durch Akquisitionen aufzuwerten. Laut Fiorina entsteht durch den Zusammenschluss ein starker Dienstleistungssektor. Diese Meinung teilen jedoch die wenigsten Analysten. Die Serviceumsätze beider Unternehmen resultierten zum überwiegenden Teil aus produktnahen und margenschwachen Dienstleistungen wie Wartung und Support. Bei Services mit höheren Margen wie Consulting, Systemintegration und Outsourcing zeigten sich beide eher schwach, kritisieren die Experten der Meta Group. Das werde sich vorerst auch im neuen Unternehmen nicht ändern. „Gegenüber HP/Compaq hat IBM Global Services ein deutlich breiter gefächertes und tieferes Service-Portfolio,“ sagt Markus Huber, Meta-Consultant für IT-Services.

Ein Argument, das die HP- und Compaq-Manager immer wieder strapazieren, um den Merger zu rechtfertigen, sind die geplanten Kosteneinsparungen. Bereits 2003 will man 2,5 Milliarden Dollar weniger ausgeben. Das sei jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, rechnen die Gartner-Experten vor. Dieser Betrag mache nur drei Prozent der Gesamtausgaben aus. Außerdem könne niemand versprechen, dass die anvisierte Summe erreicht werde. Zwar sollen 15 000 Mitarbeiter ihren Job verlieren, doch während es in USA relativ einfach sei, Fabriken zu schließen und Leute auf die Straße zu setzen, ist die arbeitsrechtliche Lage in Europa komplizierter. „In Europa ist das kulturell einfach nicht machbar,“ erklärt Gartner-Experte Thomas Reuner. „Vom berühmten HP-Way wird nicht mehr viel übrig bleiben, nachdem ihn Fiorina schon seit ihrem Amtsantritt Stück für Stück demontiert hat.“

Bevor das neue Unternehmen an den Start gehen kann, müssen noch einige Klippen umschifft werden. Nach Einschätzung der Marktforscher könnten die Kartellbehörden den IT-Managern noch einen Strich durch die Rechnung machen. Ein bereinigtes Produktportfolio, das dies verhindern könnte, ist nicht in Sicht. Auch die Zustimmung der Aktionäre sei keineswegs sicher. Angesichts der vielen Probleme rechnen einige Analysten sogar mit einem Scheitern des Deals. So schlüpft beispielsweise Todd Kort von Gartner in die Rolle der warnenden Kassandra: „Bei all den Schwierigkeiten sehe ich nur eine fünfzigprozentige Chance, dass die beiden Firmen wirklich zusammenkommen.“

Anwender reagieren unsicher und verärgert

Die pessimistischen Prognosen der Analysten tragen nicht gerade dazu bei, die Unsicherheit der Anwender zu zerstreuen. Im Kundenlager herrscht spürbar Verunsicherung darüber, was die Zukunft unter einem gemeinsamen Firmendach bringen wird. Vor allem die Compaq-Kunden, deren IT-Marke früher oder später aus dem Markt verschwinden wird, machen sich Gedanken über ihre IT-Infrastruktur. Albert Dörkens, zweiter Vorsitzender der deutschen Abteilung der Compaq-Anwenderorganisation Decus, kommentiert den Merger sehr vorsichtig. Bislang liege noch keine Stellungnahme der beiden Firmen vor. Deshalb wisse man auch nicht mehr, als in den offiziellen Verlautbarungen bekannt gemacht wurde.

Deutlicher wird Axel Kammerer, Bereichsleiter Informationslogistik bei Wüstenrot. Seiner Ansicht nach sind Befürchtungen, dass der Compaq-Support unter der Fusion leiden wird, durchaus berechtigt. „Es ist in aller Regel so, dass die beteiligten Firmen erst einmal mit sich selber beschäftigt sind“, fürchtet der IT-Manager. Aufgrund des Drucks, die Kosten zu senken, müssten die Anwender mit einem schlechter werdenden Support rechnen.

Andere Compaq-Anwender bleiben nicht so coll wie Kammerer. In Internet-Foren wie www.true64.org machen sie ihrem Unmut Luft. Man sollte Capellas anklagen, weil er die Unternehmen ruiniere, die in Technologien wie Alpha, VMS und Tru64 investiert haben, fordert ein Anwender. Die Manager würden sich einen Dreck um die Kunden scheren und nur an die eigene Brieftasche denken. „Ich glaube nicht, dass bei diesem Deal irgendetwas Gutes herauskommt“, schreibt ein aufgebrachter Compaq-Kunde.

Auch im Consumer-Geschäft stößt der Merger bislang auf wenig Gegenliebe. So hat John Bardley, Systemadministrator einer US-Behörde in Portland, den Kauf eines Handhelds der Marke „Jornada“ von HP auf unbestimmte Zeit verschoben. Er rechne damit, dass die Jornada-Reihe zugunsten der erfolgreicheren „Ipaqs“ von Compaq kippen wird, befürchtet der IT-Spezialist. „Angesichts des Mergers wird der Wert eines Jornada-Handhelds schneller fallen als der Wert der HP-Aktie“, lautet Bardleys Fazit.

Distributoren versuchen Ruhe zu bewahren

Auf die Distributoren, die zwischen den verärgerten Kunden auf der einen und den schweigsamen Protagonisten der Fusion auf der anderen Seite sitzen, kommt in den nächsten Wochen eine schwierige Aufgabe zu. Sie müssen versuchen, die Kunden zu beruhigen und neues Vertrauen aufzubauen. Doch dazu sind klare Statements von Compaq und HP zu Produktportfolio und Vertriebsstrukturen notwendig.

„Ich erwarte Antworten von Compaq, und ich erwarte sie schnell“, fordert Hans-Ludwig Tillner, verantwortlich für das Compaq-Geschäft bei der Adiva Computertechnologie GmbH. Wahrscheinlich seien sich jedoch noch nicht einmal die Verantwortlichen bei HP und Compaq darüber im Klaren, wie das Geschäft in Zukunft funktionieren soll, befürchtet der Adiva-Manager. Sollte sich das nicht ändern, könne im Jahresendgeschäft durchaus der eine oder andere Deal platzen. „Außerdem stecken bestimmt die Kollegen von IBM, Dell und Fujitsu-Siemens schon in den Startlöchern“, befürchtet Tillner.

Auch Peter Rehnke von der Computer 2000 Deutschland GmbH weiß nicht, was die Fusion bringen wird. „Fragen Sie mich in einem halben Jahr“, antwortet der Marketing-Manager. Kurzfristig werde es keine Änderungen geben, da auch beide Hersteller ihr Geschäft ganz normal weiter betrieben. Erst wenn der Merger offiziell abgesegnet sei, könne man über Änderungen reden. Seinen Kunden rät Rehnke, ruhig zu bleiben und abzuwarten, bis harte Fakten da sind.

Konkurrenten wollen von der Konfusion profitieren

Angesichts der Probleme, die der Merger schon in den ersten Tagen nach der Bekanntgabe aufgeworfen hat, reiben sich die Konkurrenten die Hände. Bei Dell, IBM und Sun wittern die Vertriebsmannschaften bereits das große Geschäft mit unzufriedenen Compaq- und HP-Kunden. Der texanische Direktanbieter Dell werde laut den Worten seines CEOs Michael Dell die Verwirrung bei den Kunden ausnutzen und versuchen, diese für das eigene Unternehmen zu gewinnen: „HP- und Compaq-Kunden sollten sich fragen, wie es um die Produktportfolios und die Support-Leistungen bestellt ist“, fordert Dell die Klientel der Wettbewerber auf. „Wir werden auf die Ängste und Bedenken der Kunden reagieren und entsprechende Angebote ausarbeiten,“ kündigt er kampfbereit an. Auch Ted Waitt, CEO des angeschlagenen Direktanbieters Gataway, hofft auf ein Straucheln der Konkurrenz. „Wir haben durch das Geschäft nur Vorteile.“

Die Verantwortlichen beim Server-Spezialisten Sun Microsystems rechnen damit, dass zahlreiche enttäuchte HP- und Compaq-Anwender ihrer bisherigen Hausmarke untreu werden. „Kurzfristig wird das eine Goldmine für uns sein“, freut sich Michael Lehman, Chief Financial Officer der Kalifornier. Seiner Ansicht nach werde es dem neu geschaffenen IT-Riesen schwer fallen, die addierten Marktanteile zu halten.

Ute Blauth, Pressesprecherin beim Serviceanbieter EDS, sieht dem Geschäft der Konkurrenz eher gelassen entgegen: „Beide Unternehmen generieren ihre Umsätze fast ausschließlich mit Hardware. Dieses Kerngeschäft wird sich so schnell nicht ändern.“ Die Bereiche Consulting, Systemintegration und Business-Process-Management, auf die sich EDS fokussiere, könne auch ein kombiniertes Unternehmen HP-Compaq nicht bedrohen. Beide hätte nicht das Spektrum und die Reichweite, um im globalen Servicegeschäft mitzuspielen. Deshalb seien sie momentan auch keine ernst zu nehmenden Wettbewerber, resümiert Blauth.