Geduldsspiel

08.06.1979

Die Wachstums-Chancen der "Personal-Computer" Industrie lassen sich sehr schwer abschätzen. Man kann zwar davon ausgehen, daß in diesem Jahr rund 10 000 "Mikrocomputer für den persönlichen Gebrauch" in de Bundesrepublik Deutschland verkauft werden - länger fristige Absatzprognosen hält indessen die Brache selbst für "Prophetie". Aber es scheint doch so, als seien die Anbieter von "Heim- und Hobbycomputern" als seien die Hersteller von "Bastelcomputern" mit ihrem Marketing-Latein am Ende. Darüber können auch Erfolgsmeldungen - etwa über einen Schachcomputer Boom, den wir derzeit erleben sollen - nicht hinwegtäuschen. Bleibt zu fragen, ob sich die Anbieter von de Produkt "Freizeitcomputer" zu viel versprochen haben ?

Diese Frage wird von potenten Marktteilnehmern unumwunden mit "ja" beantwortet. So tönt beispielsweise PET-Distributor Commodore neuerdings, "einen Hobbycomputermarkt gäbe es bei uns noch nicht".

Und so ist die Lage: Ein Patentrezept für die Mikrocomputer-Branche, dem "Personal-Computer" hierzu lande zum Durchbruch zu verhelfen, ist nicht vorhanden.

Doch soviel steht fest: Lediglich den jugendliche Bastler, den amateurhaften Digital-Tüftler anzusprechen, wie das bislang geschah, hat sich als Fehlschlag erwiesen. Zugegeben: Um die "Freizeit-Computerei" wurde beträchtlicher Wirbel gemacht. Dem einschlägigen Handel wäre freilich lieber gewesen, wenn sich die auch in entsprechenden Verkaufsstückzahlen niedergeschlagen hätte - getreu dem Motto: Popularisierung de "persönlichen" Computers ist ja gut, aber es sollte unterm (Umsatz-)Strich auch etwas herauskommen.

Daß diesbezüglich Fehlanzeige zu vermelden ist, ha eine ebenso logische wie simple Erklärung: Den "privaten Chip-Schweißer" interessiert zu allererste was die Mikrocomputer-Komponenten kosten, die er für de Aufbau "seines Personal-Computers" benötigt. Und d ist es nun mal mit der nackten Prozessor-Karte nicht getan.

Kurz gesagt: Mit dem Taschengeld eines informatik-besessenen Oberschülers lassen sich halbwegs brauchbare "Personal-Computer" noch nicht finanzieren, wobei es keine Rolle spielt, wofür die Dinger eingesetzt werden sollen. Will sagen: Selbst die "idiotischsten" Spiel- und Lerncomputer sind (noch) zu teuer.

Die "Personal-Computer"-Industrie hat nachgedacht und kam sogleich auf ein Mittel, die Marktchancen ihrer Erzeugnisse zu verbessern: Man setzt auf andere Zielgruppen.

So schickt sich die Branche an, der Mittleren Datentechnik (MDT), klassisches Abrechnungs-Instrument für kleine und mittlere DV-Anwender, aufs ergraute Haupt zu schlagen. Als potentielle Abnehmer haben die "Personal-Computer"-Leute überdies "Insulaner" im Visier, die ihre Fachabteilungsprobleme in großen dezentralen Organisationen heute noch mit Hilfe von Tischrechnern oder "dummen" Terminals lösen - sicher ein weites (Akquisitions-)Feld.

Gegenüber der Tischrechner- und MDT-Konkurrenz weiß man sich im Besitz schlagkräftiger Argumente, die sowohl die kommerziellen Erstanwender als auch die von der zentralen EDV vernachlässigten Fachabteilungen weichklopfen sollen.

Da wäre zunächst die interne Leistung. Keine Frage: "Personal-Computer" auf Mikroprozessor-Basis erreichen heute die Leistung ausgewachsener Mainframe-Systeme - nicht gerade die einer /370, wohl aber die eines System /3, wie ihre Väter glaubhaft versichern. Das heißt: "Professionelle" Mikro-Mutanten könnten durchaus in der Lage sein, die Lücke zwischen Mikrocomputer und Groß-EDV zu schließen. Voraussetzung für einen Einbruch in die Domänen der Tischrechner-, MDT- und Mainframe-Hersteller wäre freilich, daß vergleichbare Anwendungssoftware angeboten wird, wobei die Frage nach den Kosten zunächst außen vorbleiben kann (fertige Benutzerprogramme kosten auch bei der MDT-Zunft und bei den Mainframern Geld - dies allein wäre kein Kriterium für oder gegen den Einsatz von "Personal-Computern").

Schade, daß die Software-Seite der "Personal-Computer" noch unterentwickelt ist. Da hilft nur Geduld.