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Gates predigt Interoperabilität

07.02.2005

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - In ungewohnter Manier spricht Microsoft-Gründer Bill Gates in seiner jüngsten Executive E-Mail auf der Firmen-Website über Interoperabilität in der IT. Demnach sollten Anbieter, einschließlich Microsoft, alles daran setzen, dass unterschiedliche Applikationen und Systeme besser miteinander Daten austauschen können. Dabei sollten die Unterschiede heterogener Umgebungen beseitigt werden, ohne die Funktionen der unterschiedlichen Produkte zu beeinträchtigen.

Als gute Beispiele dafür bezeichnete Gates ausgerechnet die eigenen Lösungen. "Unsere Software arbeitet mit einer Reihe von Techniken zusammen, egal ob sie letzte Woche oder vor zehn Jahren auf den Markt gekommen sind." Dazu zählten die Betriebssysteme Mac OS, Unix, Linux und Netware, Mainframes, Java, Datenbanken von Oracle und Sybase sowie Business-Software von SAP und Siebel.

Bei all dem Eigenlob scheint der Firmengründer offenbar zu vergessen, dass in der Vergangenheit mitunter selbst die hauseigenen Betriebssystemversionen nicht miteinander kompatibel waren. Gates` Eintreten für Interoperabilität klingt auch deshalb unglaubwürdig, da der Konzern mit seinen Geschäftspraktiken (Stichwort: Web-Browser, Media-Player und Java) bisher alles darangesetzt hat, Produkte anderer Hersteller auszugrenzen.

Ob das Gates-Schreiben nun eine neue Strategie einleitet, eine Art Schmusekurs mit dem Rest der Branche, darüber darf nun spekuliert werden. In seinen Ausführungen, wie denn im Detail verschiedene Produkte besser zusammenarbeiten könnten, bleibt der Chief Software Architect eher vage. Ihm zufolge führt der Weg zu mehr Interoperabilität über XML. Die Extensible Markup Language bilde auch die Grundlage für Web-Services, die es verteilten Anwendungen erlauben, über Internet-basierende Protokolle zu kommunizieren. Microsoft verwende diese Konzepte daher in der .NET-Plattform.

XML finde darüber hinaus in "Office 2003" und "Office System" Verwendung, und zwar als Grundlage des Data Interoperability Framework. Anwender könnten Office-Dateien im XML-Format abspeichern, wobei das Dateiformat für jedermann zugänglich sei und in Lizenz genommen werden könne. Darüber hinaus seien Kunden in der Lage, ihre eigenen XML-Schemen zu erzeugen. Auf diese Weise könnten Informationen, die in Office-Dateien liegen, leichter von anderen Programmen genutzt werden. Andererseits gestatteten es die XML-Funktionen, Daten aus Drittsystemen leichter in Office einzubetten.

Da bekanntlich Open-Source-Projekte Konkurrenzprodukte entwickeln, etwa Open Office oder Linux, bedachte Gates auch diese Zeitgenossen in seinem Schreiben. Viele Menschen würden Open Source mit Interoperabilität gleichsetzen, doch diese Annahme sei falsch. Open-Source-Produkte seien nicht automatisch interoperabel. Zudem entstünden in den Entwicklergemeinden zahlreiche Permutationen der gleichen Software, was den Implementierungs- und Testaufwand erhöhe.

Microsoft will die Fachwelt über die eigenen Aktivitäten in Sachen Interoperbilität mit einer speziellen Web-Seite auf dem Laufenden halten.

Ob die Stellungnahmen des Microsoft-Gründers mehr sind als Lippenbekenntnisse, um das Image des mehrfach verurteilten Anbieters aufzupolieren, wird sich nicht zuletzt im Rahmen der Partnerschaft mit dem Erzrivalen Sun zeigen. Hier warten die Beobachter noch auf die interessanten Details. (fn)