Thema der Woche

Gartner: Microsoft spielt bald nicht mehr in der obersten Liga

09.10.1998

CW: Die Gartner Group gilt als konservativ und manchen auch als zu Mainframe-freundlich. Stört Sie das?

Fernandez: Was unsere Mainframe-Orientierung betrifft, so war sie richtig, solange die Anwender überwiegend Großsysteme eingesetzt haben. Heute macht das Mainframe-Geschäft vielleicht acht Prozent des Marktes aus. Wir haben uns mit der industriellen Entwicklung geändert.

CW: Haben Sie nicht noch vor wenigen Jahren vorgerechnet, daß Mainframes günstiger als Client-Server-Umgebungen sind?

Fernandez: Das ist kein Argument gegen uns, schließlich haben wir damit recht. Damals war es neu, PCs nicht nur unter dem Einkaufsaspekt zu betrachten, sondern von den Betriebskosten her. Wir haben damit Bewußtsein bei den Anwendern geschaffen. Heute werden Microsoft, Dell und Co. von großen Kunden fast nur noch nach den Betriebskosten gefragt. In der Folge sind die sogenannten Total Costs of Ownership dramatisch gesunken. Diese Diskussion ist in Anbetracht der schlanken Network Computer (NCs) wieder aktuell geworden.

CW: Gibt die Gartner Group den NCs noch eine Chance?

Fernandez: Beim Vergleich von PCs, Netzwerk-PCs und NCs hat sich herausgestellt, daß die Gesamtkosten etwa gleich sind. Daher glauben wir nicht, daß NCs als Sieger aus dem derzeitigen Wettlauf hervorgehen werden.

CW: Also keine Chance für den NC...

Fernandez: Die Welt ist nicht entweder gut oder böse. Es gibt Tausende von Anwendungen, für die der NC die optimale Plattform ist. Dieses schlanke Front-end-System hat durchaus Wachstumschancen. Doch für die meisten Anwendungen ist ein vernetzter PC die beste Lösung.

CW: Themenwechsel. Manchmal hat man den Eindruck, Analysten schwimmen immer auf der neuesten Technologiewelle, um im Geschäft zu bleiben.

Fernandez: Es mag schon sein, daß ein Unternehmen versucht, mit einem Thema die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu gewinnen. Man muß das nicht verurteilen. Im Endeffekt kommt es darauf an, ob sich die Aussagen als richtig erweisen. Wenn unsere Mitbewerber ihren Kunden nicht wertvolle Informationen liefern würden, wären sie längst aus dem Geschäft.

CW: Wann kann man einem Marktforscher trauen?

Fernandez: Es kann nicht unsere Aufgabe sein, Technikbegeisterung zu bestätigen, sondern wir müssen vielmehr zur Vorsicht mahnen und zeigen, wie man unserer Meinung nach richtig mit neuen Techniken umgeht. Natürlich spielen auch unsere Methoden eine Rolle (siehe Kasten "Methoden").

CW: Viele Studien werden von der Industrie in Auftrag gegeben. Warum sollte ein Kunde solchen Informationen trauen?

Fernandez: Das ist natürlich ein Problem. Glücklicherweise machen wir 80 Prozent unseres Geschäfts mit Anwenderfirmen. Das heißt aber nicht, daß unsere Mitbewerber unsauber arbeiten. Wichtig ist letztlich, daß man immer wieder nachweisen kann, daß man recht gehabt hat, und zwar früher als die Konkurrenten. Unsere Kunden bekommen zudem jährlich eine Übersicht darüber, mit welchen Analysen wir richtig und mit welchen wir falsch lagen.

CW: Europa wird oft als technisch rückständig bezeichnet und daher von US-Firmen meist nur als Absatzmarkt wahrgenommen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Fernandez: Die Situation ist komplizierter. Tatsächlich war der Großteil der europäischen IT-Unternehmen nicht erfolgreich. Bei der Software für Enterprise Resource Planning (ERP) dagegen stellt sich die Situation völlig anders dar. Denken Sie an Baan und SAP.

CW: Ist das mehr als eine Nische?

Fernandez: Ja. Diese Art Software kontrolliert nahezu alle Unternehmen auf der Welt. Ohne sie und ihre Hersteller geht es schlicht nicht mehr.

CW: Wollen Sie damit sagen, daß andere strategische IT-Bereiche wie Betriebssysteme oder Datenbanken demgegenüber an Bedeutung verloren haben?

Fernandez: Vor fünfzehn Jahren hätte sich eine Firma aus DV-Sicht als IBM-Shop bezeichnet, sieben Jahre später als Oracle- und heute als SAP-Shop. Das heißt: Einst wurde die DV von Systemsoftware kontrolliert, dann von der Datenbank aus und heute von der ERP-Anwendung.

CW: Spricht der Erfolg der Windows-Betriebssysteme nicht gegen diese These?

Fernandez: Nein, das ist eher eine Ergänzung. Der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens hängt von den Geschäftsanwendungen ab. Das ist das Feld von SAP und Co. Die Arbeit findet aber am PC statt, und hier stellt Microsoft die Infrastruktur.

CW: Das ist eine Gegenwartsbeschreibung. Wie sieht die Zukunft aus?

Fernandez: Die Auseinandersetzung um die Zukunftsmärkte ist gerade voll im Gang. Dabei geht es um eine Vielzahl spezialisierter, aber dennoch standardisierter Lösungen. Wir nennen das die Shopping Mall. Fraglich ist nur, wessen Name über dem Eingang steht: SAP, IBM, Price Waterhouse oder Compaq.

CW: Nicht Microsoft?

Fernandez: Microsoft wird zwar über seine Betriebssysteme und Desktop-Anwendungen immer mit im Boot sein, aber um wirklich in der obersten Liga mitspielen zu können, muß es noch einiges ändern.

CW: Was?

Fernandez: Um für Unternehmenskunden akzeptabel zu werden, muß Microsoft einen zuverlässigen und umfassenden Support und Service aufbauen. Dieser Bereich wird bislang weitgehend den Partnern überlassen. Vor allem aber muß Microsoft ernsthaft in das Geschäft mit Server-Anwendungen einsteigen.

CW: Damit würde sich Bill Gates doch viele seiner wichtigen Partner zum Feind machen.

Fernandez: Das ist der Preis, wenn man auch in den Zukunftsmärkten die Nummer eins sein will. Aber das muß ja nicht das Ziel sein. Schließlich kann das Unternehmen als Infrastruktur-Lieferant der künftigen Marktführer erfolgreich bleiben. Dazu muß Microsoft es allerdings schaffen, die Infrastruktur im Internet zu dominieren.

CW: Sie spielen darauf an, was passieren könnte, wenn die Monopol-Klage gegen Microsoft Erfolg hat?

Fernandez: Nein. Ich glaube nicht, daß dabei etwas herauskommt. Ich glaube eher, daß sich Microsoft selbst im Weg steht ...

CW:... weil es sich immer noch als mittelständisches Unternehmen versteht, um seine geschäftliche Agilität zu erhalten.

Fernandez: Die Frage dort lautet: Wohin wächst ein Unternehmen, das schon so groß ist? Aber sie fangen schon an umzudenken, das wird helfen.

CW: Sie haben von einem Aus-bau des Support- und Dienstleistungsbereichs bei Microsoft gesprochen. Gibt es dafür überhaupt Personal?

Fernandez: Nein, aber das ist kein Microsoft-Problem, sondern ein allgemeines. Insbesondere in den USA fehlt qualifizierter Nachwuchs.

CW: Sie reden von der Informatiker-Knappheit?

Fernandez: Es ist viel grundsätzlicher. In den USA klafft die Schere zwischen den vielen Armen, die ihren Kindern kaum die nötigste Bildung zukommen lassen können, und den Reichen, die sich teure Schulen leisten, immer weiter auseinander.

CW: Woher kommen dann die Informatiker der Zukunft?

Fernandez: Sie kommen gar nicht. Sie werden von zu Hause aus, von Indien oder Rußland aus für US-Firmen arbeiten.

CW: Wie werden sich die von Ihnen angesprochenen virtuellen Unternehmen auswirken?

Fernandez: Die Unternehmen mit viel Geld werden eine grenzenlose Gesellschaft schaffen. Wir werden damit aber auch Probleme erzeugen, zum Beispiel werden reiche IT-Spezialisten inmitten hungernder Menschen leben. In Indien ist das jetzt schon so.

Gartner Group

Die Gartner Group ist stolz darauf, in den vergangenen fünf Jahren jedesmal mindestens 25 Prozent Zuwachs beim Umsatz wie auch beim Gewinn (vor Steuern) verzeichnet zu haben. Der Jahresumsatz für 1998 wird auf knapp 600 Millionen Dollar veranschlagt.

Das Unternehmen profitiert von einer ungewöhnlich lebendigen Branche, in der die Wachstumsraten generell sehr hoch sind und in der die vielen Technologiewechsel ständig Fragen aufwerfen. Außerdem hat die Gartner Group Anfang der 90er Jahre weitreichende Invesitionsentscheidungen getroffen. So hat sie von 35 Analysten im Jahr 1991 auf heute 750 aufgestockt und das Unternehmen internationalisiert. Heute kommt mehr als ein Drittel der Einnahmen von außerhalb der USA. Zudem wurde ein elektronischer Vertriebskanal für die Analyseergebnisse aufgebaut, um tagesaktuell Prognosen verbreiten zu können. Derzeit hat das Unternehmen 12000 Unternehmenskunden. Rund 450000 IT-Profis haben die Web-Seite der Marktforscher abonniert.

Methoden

"Checks and Balances" heißt der englische Begriff, der im Zentrum der Analysetätigkeit steht. Die Marktkenner holen sich über das Web sowie bei Insidern, Herstellern und Anwendern Informationen, bilden sich aufgrund ihrer Erfahrungen eine Meinung, überprüfen sie durch Recherchen und stellen die Ergebnisse unter Kollegen zur Diskussion.

In kleineren Organisationen finden dafür tägliche Besprechungen statt, in denen die Trendtheorien diskutiert, modifziert oder abgelehnt werden. Andere werden zur schnellstmöglichen Veröffentlichung bestimmt oder zurückgestellt, bis zusätzliche Recherchen sicherere Prognosen gestatten.

In größeren Organisationen wie bei Gartner, wo die Analysten weltweit auf über 80 Orte verteilt sind, geschieht der Erfahrungsaustausch über ausgefeilte Kommunikations- und Teamwork-Software. Dahinter stecken spezielle Datenbanken, in denen Kundenfragen und die Antworten der Analysten so gespeichert werden, daß sie allen Mitarbeitern zur Verfügung stehen. Hier können sich die Analysten Ideen holen und ihre Meinungen überprüfen.

Von zentraler Bedeutung ist Schnelligkeit: Je früher eine zuverlässige Prognose da ist, desto besser ermöglicht sie vorausschauende Entscheidungen und hilft den Kunden, kostenträchtige Fehler zu vermeiden. Deshalb gibt es zwar auch heutzutage noch Studienbände, doch werden Prognosen in der Regel ins Internet gestellt, sobald sie vom zuständigen Analystengremium abgesegnet sind.