Vista trotzdem nicht auslassen

Gartner: Microsoft hat ein Windows-Problem

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Aus Sicht der Marktforschungs- und Beratungsfirma Gartner hat Microsoft ein gravierendes Problem. Und das heißt schlicht und ergreifend Windows.

Die beiden Analysten Neil MacDonald und Michael Silver erläuterten auf der Gartner-Konferenz "Emerging Trends", warum aus ihrer Sicht Windows und damit auch dessen Hersteller Microsoft in Schwierigkeiten steckt. Viele Argumente sind weidlich bekannt: Microsofts Entwicklungszyklen beim Betriebssystem sind zu lang und liefern nur beschränkte Innovation, Microsofts Betriebssysteme bieten ein inkonsistentes Erlebnis auf unterschiedlichen Plattformen (mit signifikanten Kompatibilitätsproblemen) und andere Anbieter ziehen Microsoft in Sachen Innovation davon.

Windows Vista braucht jede Menge Hardware-Power.
Windows Vista braucht jede Menge Hardware-Power.
Foto: Microsoft

Unternehmen beschere dies unvorhersehbare Releases mit geringem Mehrwert, zu hohe Verwaltungskosten und neue Versionen, die Anwendungen ruinieren und deren Testing und Einführung zu lange dauert. Und dann fangen auch noch die Endnutzer an, ihre eigenen Softwarelösungen ins Büro einzuschleppen - für Microsoft ein Trauerspiel ohne Ende.

Damit aber nicht genug. Gartner führte noch weitere, neue Argumente ins Feld, um aufzuzeigen, wie tief in der Klemme Microsoft eigentlich steckt. Weit oben auf der Liste steht die Komplexität von Windows, seine fehlende Modularität, sein Hardware-Footprint (speziell auf Low-end-PCs) und der wachsende Trend zu Web-basierenden und anderen Applikationen, denen das unterliegende OS egal ist.

MacDonald und Silver argumentierten unter anderem:

  • In den gesättigten Märkten gibt es kaum noch Wachstum. Die Hardware-Absätze sollen zwischen 2005 und 2011 nur noch um zwei bis acht Prozent steigen. Bessere Marktchancen haben PCs in Schwellenmärkten. Dort ist zwar das Wachstum mit 16 bis 24 Prozent deutlich höher, dafür sind die Preise niedriger. Das bedeutet weniger Arbeits- und Massenspeicher, und das kommt Vista gar nicht entgegen. Sondern eher Linux.

  • Versionskomplexität ist nicht nur als Terminus der Softwareentwicklung relevant. Zum Beispiel, so die Gartner-Männer, sei das Mac OS X auf Apples iPhone viel näher an der Desktop-Variante des Apple-Betriebssystems als Windows Mobile an Vista.

  • Server entwickeln sich in verschiedene und teils widersprüchliche Richtungen. Einige Branchentrends deuten darauf hin, dass beim Computing ein Hochskalieren vonnöten ist - Single-Instance Data Stores und Partitionierung zum Beispiel. Andere deuten in die Gegenrichtung, etwa Grid und Cloud Computing, Server-Farmen und Cluster-Computing. Im Ergebnis würden Unternehmen sich ihr Betriebssystem je nach Anforderung maßschneidern wollen. Microsoft habe in dieser Richtung erste Schritte unternommen, Windows Server 2008 lasse sich nun rollenbasiert vorkonfigurieren. "Das geht in die richtige Richtung, ist aber noch viel zu oberflächlich", sagt Silver. Nötig sei ein radikaler Wechsel in der Architektur, der über das Packaging von DLLs hinausgehe.

  • Der Schritt zu Server-agnostischen Anwendungen steckt noch in den Kinderschuhen, wird sich aber bald deutlich auf das Enterprise Computing auswirken. Legacy-Applikationen verschwinden nicht, selbst wenn die spannenden Dinge auf Internet-basierenden Anwendungen passieren. Aber natürlich nicht für alle Zeiten: Heute benötigen noch 70 bis 80 Prozent aller Unternehmensanwendungen Windows. Die Gartner-Analysten erwarten aber bereits für 2011 den Wendepunkt. Dann werde die Mehrheit dieser Applikationen OS-agnostisch laufen, beispielsweise Web-Anwendungen. "Irgendwann Mitte des nächsten Jahrzehnts wird Windows auf dem Desktop eine deutlich weniger wichtige Rolle spielen", so MacDonald.

  • Virtualisierung ändert unsere Wahrnehmung von Betriebssystemen. Virtualisierung beginnt, Abstraktionsschichten zwischen Betriebssystem und Hardware anzubieten. Der Hypervisor übernimmt teilweise die Rolle, die früher das OS innehatte. "Ist dies der Zeitpunkt, um einige Grenzen neu zu ziehen?", fragte Silver. "Für uns in der IT hilft das Einziehen dieser neuen Layer, alles flüssiger zu machen und die IT besser verwalten zu können."

Vista ganz auszulassen mag Gartner Firmen aber nicht anraten.
Vista ganz auszulassen mag Gartner Firmen aber nicht anraten.
Foto: Microsoft

All diesen Bedenken zum Trotz sollten Unternehmen Microsofts aktuelles Desktop-Betriebssystem Windows Vista nicht komplett auslassen, sagt Gartner-Mann MacDonald. Ratsam sei aber eine schleichende Einführung ("by attrition"), zum Beispiel mit neuer Hardware, auf der Vista ohnehin vorinstalliert sei. Nicht unbedingt wegen des Mehrwerts von Vista, aber Microsofts nächstes Desktop-OS "Windows 7" sei erst für 2009 oder 2010 avisiert und man wolle ja vielleicht doch nicht bis 2012 auf ein Deployment warten.

IT-Verantwortlichen in Unternehmen rät Gartner kurzfristig, die Bandbreite von Windows-Varianten in ihrer Infrastruktur zu bewerten und für ihre Firma den Wendepunkt für OS-agnostische Applikationen zu bestimmen. Im kommenden Jahr sollten IT-Manager dann evaluieren, wo die verschiedenen Virtualisierungs-Techniken und betriebssystem-agnostische Anwendungen frühe Vorteile bringen könnten.

Den Wechsel auf eine andere Betriebssystemplattform sollten Anwender zumindest theoretisch einmal durchrechnen, so MacDonald und Silver. Microsoft werde seine Botschaft so lange nicht ändern, bis Unternehmen klarmachten, dass sie Techniken und Strategien einführen würden, von denen ihre Nutzer am meisten hätten. Die beiden Gartner-Männer haben ihre Standpunkte übrigens auch schon dem Microsoft-Chef Steve Ballmer vorgetragen. Allerdings komme 95 Prozent des Microsoft-Umsatzes aus dem OEM-Geschäft. Für Ballmer stünden "Milliarden auf dem Spiel", sagt Silver. "Ich glaube, Microsoft wird einen Weg langsamer, inkrementeller Veränderung gehen, weil der für seine Aktionäre am sichersten ist. Falls Sie nicht mit Ihren Dollars anders votieren." (tc)