Gartner ITxpo: Zu viel Kontrolle ist kontraproduktiv

Christoph Witte ist freier Publizist und Kommunikationsberater.
Gartner-Analyst Tom Austin macht anhand von vier Megatrends klar, wie sich der Arbeitsplatz verändern wird. Konzepte des traditionellen IT-Managements greifen dabei immer weniger, warnt er.

Unternehmen verändern sich radikal. Als Beispiel nennt Austin Procter & Gamble: Der Konzern kreiere inzwischen 50 Prozent seiner Innovationen nicht mehr selbst, sondern beziehe sie aus einem Netzwerk von Forschern und Entwicklern. Diese und andere Beispiele zeigen laut Austin, dass auf die Arbeitswelt, wie wir sie heute kennen, revolutionäre Veränderungen zukommen. "Sie werden nicht unbedingt durch IT ausgelöst, aber IT kann ein wichtiger Enabler sein", erklärte er während der Gartner-Konferenz ITxpo im französischen Cannes.

Vier Megatrends in der IT

Allerdings muss sich die IT-Funktion in den Unternehmen wandeln, um solche Innovationen zu ermöglichen. Sie muss sich laut Austin mit vier Megatrends auseinandersetzen:

  • Menschen benutzen IT heute anders als noch vor zehn Jahren. Millionen Mitarbeiter weltweit kennen die Arbeitswelt ohne Internet nicht mehr. Diese Digital Natives den Terminus führte der Berater Mark Prensky 2001 in die Debatte ein verhalten sich anders, verfügen über andere Fähigkeiten und haben andere Meinungen als die Digital Immigrants, die erst während ihrer Karriere mit Internet-basierenden Services in Kontakt kamen.

  • Die IT hat viele Business-Prozesse automatisiert. Künftig geht es in Unternehmen laut Gartner aber nicht mehr in erster Linie um Automatisierung, sondern um die Unterstützung von Prozessen, die sich nicht automatisieren lassen.

  • Unternehmen werden anders funktionieren als heute. Ihre Mitarbeiter werden anders arbeiten, an anderen Orten und zu anderen Zeiten. Unternehmen werden Teil eines Ecosystems, ohne das sie nicht mehr überleben können.

  • Technologie wird anders entwickelt, verkauft und implementiert. In den nächsten Jahren werden Konzepte wie Software as a Service, Open Source, Mash-ups, kurzlebige Web-Tools und personenorientiertes Computing die dominierenden Kräfte in der IT-Industrie sein.

Die Digital Natives kommen

Gerade die Digital Natives werden die Veränderungen in den Unternehmen und ihrer IT vorantreiben. Die IT muss sich deshalb davon verabschieden, "sämtliche Mitarbeiter während ihrer gesamten Arbeitszeit unter Kontrolle zu haben", erklärte Austin. Nur dann ließen sich Chancen wie Innovationen durch Endanwender, die Nutzung von Social Networks in und für Unternehmen sowie die Idee, dass Kunden Innovatoren sein können, nutzen.

Noch ist die IT in den Unternehmen von einem solch "liberalen" Ansatz weit entfernt. Der Gartner-Analyst fragte die rund 400 IT-Executives im Saal, in wessen Unternehmen es offiziell verboten sei, PCs und Handys auch für private Zwecke einzusetzen. Etwa zwei Drittel der Zuhörer hoben die Hand. Ungefähr die gleiche Zahl meldete sich schon zögerlicher , als Austin fragte, in welchen Firmen kein privates Equipment für Unternehmenszwecke benutzt werden dürfe. "Wenn Sie diese Politik weiterverfolgen, werden wahrscheinlich nicht allzu viele Digital Natives für Sie arbeiten, weil sie nicht die Arbeitsbedingungen vorfinden, die sie aus ihrem bisherigen Leben gewohnt sind", warnte er. Das sei vor allem deshalb gefährlich, weil die IT heute alle drei Formen der Innovation benötige, um Unternehmen optimal zu unterstützen, die von Herstellern, von IT-Profis und die von Endbenutzern.

Austin ist davon überzeugt, dass schon im Jahr 2012 die Datennetze weniger durch Transaktionen als durch soziale Interaktionen wie Collaboration, Video-conferencing, Social Networks etc. ausgelastet werden.

Ein neuer Lebensstil

In einer post-digitalen Welt post, weil Digitalisierung buchstäblich alles durchdrungen haben werde sei Karriere ein Pluralwort. "Von einer Welt, in der jeder seinen Platz kannte, bewegen wir uns in eine Welt, in der alles geht", sagte Austin. Aus "Arbeit" wird "Lebensstil", aus organisierten Mitarbeitern freie Agenten, aus Bürokratie werde eine "Ad-hoc-kratie", aus einem Neun-bis-fünf-Job werde eine Vierundzwanzig-Stunden-Beschäftigung, und schließlich werden aus einem hierarchisch organisierten und kontrollierten System selbstorganisierende und regulierende Systeme. Dafür sei die IT zwar nicht ursächlich, aber all diese Veränderungen seien ohne Informationstechnik nur schwer denkbar.

Außerdem habe die IT mit ihren Automatisierungserfolgen der vergangenen Jahrzehnte dafür gesorgt, dass Menschen immer weniger Zeit mit Routineaufgaben verbringen. "Zwischen 34 und 57 Prozent aller US-Arbeitskräfte arbeiten schon heute in signifikantem Maße oder sogar hauptsächlich an Nicht-Routine-Aufgaben", unterstreicht der Gartner-Mann die bereits vollzogenen Veränderungen. Die neueste Fabrik des Automobilherstellers Volvo in Göteborg produziere pro Tag 6000 Fahrzeuge mit weniger als 50 Mitarbeitern pro Schicht in den Fertigungshallen. "Durch Automatisierung sind in Westeuropa 80 Prozent der Fertigungsjobs verloren gegangen." Dank IT ergebe sich in anderen Berufen, in denen zwar Fachkönnen, aber wenig Kreativität gefragt sei, ein ähnliches Bild. Die einfachen Aufgaben sind weitgehend automatisiert.

Teambildung ist wichtig

Der nächste Produktivitätsschub werde deshalb aus effizient gestalteter Wissensarbeit resultieren. Austin rät aus diesem Grund der IT, sich stärker um die Unterstützung von Zusammmenarbeit, Wissens-Management, Business Intelligence, Innovationsverbesserung und E-Learning zu kümmern(siehe Grafik). "Konzentrieren Sie sich darauf, den Leuten beim Entdecken, Lernen, Führen und bei Innovationen und Teambildung zu helfen", rät Austin den IT-Entscheidern.

Unternehmen stehen in einer globalisierten Welt immer seltener allein. In einem Netz gegenseitiger Abhängigkeiten sind sie häufig Teil eines Ecosystems, dem sie dienen und von dem sie profitieren. Die Verbindung mit den einzelnen Knoten dieser Systeme wird deshalb immer lebensnotwendiger. Bereits 2009, so die Gartner-Annahme, werden 60 Prozent aller neuen Collaboration-bezogenen IT-Projekte in der Lage sein, Lieferanten, Partner und Mitarbeiter von Kunden nahtlos einzubeziehen. 2004 war das erst in zehn Prozent der Projekte der Fall.

Die Unternehmens-IT muss künftig damit rechnen, dass Endanwender verstärkt Werkzeuge nutzen, die im Web kostenfrei oder zu sehr geringen Kosten angeboten werden. Sie sind "gut genug", brauchen keine Investitionsfreigabe und verschwinden wieder, wenn sie nicht mehr benötigt werden. Basecamps Projektplanungs-Tool sei ein Beispiel für solche Werkzeuge. Gartner sieht bereits Anzeichen dafür, dass sich IT-Anbieter auf dieses nutzenorientierte und fast spontane Kaufverhalten von Endanwendern einzurichten beginnen. Software as a Service sei ebenfalls eine Reaktion auf das veränderte Käuferverhalten.

Technikbrille absetzen

Die bisherige, technisch zentrierte Perspektive der IT-Abteilungen wird laut Gartner einer anwenderzentrierten Sicht weichen müssen, die die Bedürfnisse der Endbenutzer in den Mittelpunkt stellt. "Ihre Endanwender werden Anwendungsmodelle fordern, die sie aus der Endverbraucherwelt kennen. Sie wollen flexible Modelle für die Heimarbeit, Podcasting von Meetings, Ankündigungen und Trainings", prophezeit Austin. "Deshalb sollten sie Community- und Collaboration-Technologien in Ihren Unternehmen testen. Vielleicht können Ansätze wie Facebook auch in Firmen funktionieren."

Allerdings sollten sich Unternehmen darüber im Klaren sein, welche Technologie-Investitionen welche Geschäftsziele unterstützen können. Klassischerweise konzentrieren sich heutige IT-Investments auf den Betrieb und die Bereiche Produktivitätssteigerung und Kostensenkung. Den größten Gewinn haben Unternehmen aber, wenn sie Technologie einsetzen, um die Effizienz kognitiver Arbeiten zu verbessern oder ihr Unternehmen zu transformieren. Austin forderte die IT-Verantwortlichen auf, sich auf die Unterstützung von Nicht-Routine-Arbeiten zu konzentrieren, wenn sie für ihre Unternehmen einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil erreichen wollen.

CIOs sollten testen

Um herausfinden zu können, welche Bedürfnisse ihr jeweiliges Unternehmen habe, empfiehlt Austin den IT-Chefs, zu überprüfen, ob die Organisation einen eher hierarchischen Ansatz (Direktoren-Kultur) oder einen kollaborativen Ansatz (Leader-Kultur) verfolgt (siehe Grafik). Je stärker Letztere verankert sei, desto mehr Sinn ergebe es, intellektuelle Aufgaben intensiver zu unterstützen. Allerdings setze eine Konzentration auf diese Aufgaben voraus, dass die produktivitäts- und kostenverbessernden Massnahmen bereits ergriffen worden sind.