IT-Ausgaben in Europa

Gartner erwartet wieder mehr IT-Investitionen

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Nach einem heftigen Einbruch könnten die IT-Ausgaben in Europa 2013 wieder leicht anziehen, prognostiziert Gartner. Der Kräfteverbund ("Nexus of Forces") aus Cloud, Mobile, Social und Big Data werde dazu beitragen.
Peter Sondergaard, Forschungschef bei Gartner: Die Kombination der vier Trendthemen Cloud, Mobility, Social Media und Big Data wird die Geschäftswelt verändern.
Peter Sondergaard, Forschungschef bei Gartner: Die Kombination der vier Trendthemen Cloud, Mobility, Social Media und Big Data wird die Geschäftswelt verändern.
Foto: Gartner

Zumindest für die Region Emea (Europe, Naher Osten und Afrika) erwartet Gartner einen Anstieg der IT-Ausgaben um 1,4 Prozent auf 1,154 Billionen Dollar. Dem steht ein Einbruch um 3,6 Prozent im laufenden Jahr gegenüber. In der krisengeschüttelten Teilregion Westeuropa werden die Ausgaben nach Berechnungen der Marktforscher 2012 sogar um 5,9 Prozent sinken. Damit schneidet der alte Kontinent im internationalen Vergleich besonders schlecht ab: Im Juli hatte Gartner seine Wachstumsprognosen für die weltweiten IT-Ausgaben nach oben korrigiert und geht für 2012 von einem dreiprozentigen Anstieg gegenüber dem Vorjahr aus.

Rasche Erholung dank Cloud, Mobility, Big Data und Social

Gartners Forschungschef Peter Sondergaard verglich die Situation in Europa mit dem Krisenjahr 2009, verbreitete aber dennoch Zuversicht. Ähnlich wie nach dem Ausbruch der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise gehe er von einer "raschen Erholung" aus, erklärte er in einer Pressekonferenz auf dem Gartner-Symposium in Barcelona. Als maßgeblichen Wachstumstreiber sieht er den Kräfteverbund aus Cloud, Mobile, Social und Information (Big Data), den Gartner schon seit einigen Monaten unter dem Begriff "Nexus of Forces" zusammenfasst.

Vier Trends mit enormer Zugkraft

Die Experten des Marktforschungs- und Beratungshauses wollen darunter die Konvergenz und Integration der "vier Kräfte" verstanden wissen. Jede dieser Kräfte, die sich gegenseitig beeinflussten, habe schon für sich alleine das Potenzial, grundlegende Veränderungen hervorzurufen. In Kombination aber, davon sind die Gartner-Frontmänner überzeugt, würden sie sowohl die Gesellschaft als auch die Geschäftswelt revolutionieren, hergebrachte Geschäftsmodelle zerstören und neue Marktführer entstehen lassen. Im Zuge dieser Transformation würden aber auch neue Geschäftschancen und Jobs in IT- und IT-nahen Bereichen entstehen.

Die Cloud: Transportmedium mit Wachtumspotenzial

Die Cloud bilde dabei das Transportmedium für die anderen drei Kräfte, erläuterte Sondergaard in seiner Keynote vor mehr als 4000 Besuchern, darunter laut offiziellen Angaben rund 1500 CIOs. Entsprechend optimistisch fallen die Wachstumsprognosen für diesen Markt aus. Weltweit erwartet Gartner beispielsweise im Segment Public-Cloud-Services einen Umsatz von 207 Milliarden Dollar im Jahr 2016. Im laufenden Jahr liege der Wert noch bei 109 Milliarden Dollar. Der größte Teil der Ausgaben fließe dabei in Angebote, die Geschäftsprozesse abbilden (Business Process as a Service, BPaaS). Aber auch andere Cloud-Varianten wie Software as a Service (SaaS), Platform as a Service (PaaS) und Infrastructure as a Service (IaaS) würden in den kommenden Jahren verstärkt nachgefragt.

Mobile Devices boomen, PC-Absatz schwächelt

Mit hohen Wachstumsraten rechnen die Gartner-Experten insbesondere in den Mobile-Märkten. So sollen die Ausgaben für mobile Geräte (Notebooks, Mobiltelefone, Tablets etc.) in der Region Emea von 136 Milliarden Dollar im laufenden Jahr auf 188 Milliarden Dollar im Jahr 2016 steigen. "Tablets und Smartphones werden traditionelle PCs weit hinter sich lassen", kommentierte Sondergaard die Zahlen. In Westeuropa beispielsweise wachse der Markt für Mobile Devices 2012 insgesamt um acht Prozent. Zugleich gingen die Umsätze mit hergebrachten mobilen PCs um fünf Prozent zurück.

Social Networks dringen in Unternehmen vor

Der Gartner-Begriff "Extreme Collaboration" soll eine neue Art der Zusammenarbeit in Unternehmen umschreiben, die auf Social-Media-Funktionen basiert.
Der Gartner-Begriff "Extreme Collaboration" soll eine neue Art der Zusammenarbeit in Unternehmen umschreiben, die auf Social-Media-Funktionen basiert.
Foto: Gartner

Die dritte Kraft im Denkmodell des Nexus of Forces, die Gartner mit "sozialer Interaktion" umschreibt, treibt das Wachstum in den anderen drei Kraftfeldern Cloud, Mobile und Information an. Firmen stellen sich allmählich auf den Boom von Social Media ein und arbeiten daran, entsprechende Tools und Konzepte auch innerhalb der eigenen Organisation zu nutzen, beobachtet Sondergaard: "Unternehmen machen aus Social Media eine eigene Disziplin." Sein Kollege Chris Howard, der das Thema Nexus of Forces innerhalb der Gartner-Gruppe vorantreibt, verbindet damit den Begriff der "Extreme Collaboration". Diese neue Art der Zusammenarbeit über soziale Medien könnten Unternehmen für sich nutzen, indem sie beispielsweise Crowdsourcing-Initiativen anstoßen.

Big Data wird zum Job-Motor in der IT-Industrie

Last, but not least führt der Kräfteverbund zu einem kaum vorstellbaren Anschwellen der weltweiten Datenmengen, erläuterten die Gartner-Protagonisten. Im Kontext von Big-Data-Konzepten würden Unternehmen und Endbenutzer gleichermaßen von dieser Entwicklung profitieren. "Daten werden zu Umsatz", postulierte Sondergaard in seiner Keynote. Bis zum Jahr 2016 würden weltweit 4,4 Millionen IT-Jobs in Verbindung mit Big Data entstehen; allein in Westeuropa rechnet Gartner mit 1,2 Millionen neuen Stellen. Das Problem: Weniger als ein Drittel dieser Positionen könnten Unternehmen tatsächlich besetzen, denn Fachkräfte etwa für die Datenanalyse seien auf dem Markt ein rares Gut. Für den Mangel macht Sondergaard einerseits die Bildungssysteme verantwortlich, die auf die neuen Anforderungen noch nicht ausgerichtet seien. Andererseits hätten es bis dato auch die meisten Unternehmen versäumt, einschlägige Experten aus- oder weiterzubilden.

Security - neue und teure Herausforderungen stehen bevor

Nachholbedarf sieht Gartner aber auch in Sachen IT-Sicherheit. Die Security-Konzepte der meisten Organisationen seien auf die vielfältigen Veränderungen durch den "Nexus" nicht vorbereitet. Eine Folge davon sei, dass sich die Ausgaben für Security-Services aus der Cloud in den kommenden Jahren drastisch erhöhen werden. Die "transformativen Kräfte" führten darüber hinaus dazu, dass sich die klassische Rolle von CIOs und IT-Verantwortlichen in Unternehmen verändere. "Jedes Budget wird künftig ein IT-Budget sein", beschrieb Sondergaard etwas überspitzt die Entwicklung, dass IT-Leistungen immer häufiger von Fachabteilungen und außerhalb des eigentlichen IT-Budgets beschafft werden. Unternehmen sollten darauf reagieren, indem sie die Rolle eines "Chief Digital Officers" definieren, der für die gesamte digitale Strategie einer Organisation verantwortlich zeichne.